Angewandter Darwinismus

Der Autorin Judith Schalansky gelingt mit ihrem jüngsten Werk Der Hals der Giraffe ein Bildungsroman auf den unterschiedlichsten Ebenen: Der Nukleus der Geschichte, verkörpert durch die Lehrerin Inge Lohmark, beeinflusst den Orbit des Lesers, der sich an die eigenen Jahre in der Institution Schule zurückerinnert. Er wird umkreist vom komplexen Zusammenhang der Evolutionsgeschichte und ist eingebettet im System sozialer sowie politischer Umbrüche und aktuellen, gesellschaftlichen Diskussionsthemen. Doch am Ende wird die hierarchische Ordnung in Frage gestellt.

von CHRISTINA SCHABERT

Die 31-jährige Schriftstellerin und Buchillustratorin legt nach ihrem Debüt im Jahr 2009 Atlas der abgelegenen Inseln, das mit seinem selbstentworfenen Design in Form von eingearbeiteten Landkarten Aufmerksamkeit erregt hat, den Roman Der Hals der Giraffe mit dem ironischen Untertitel Bildungsroman nach, der erneut die erlernten Fähigkeiten ihrer Studienfächer Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign integriert. Die Typographie umfasst die Gestaltung des Einbands, der aus grobem Leinenstoff besteht und in den das Bild eines angeschnittenen und dadurch kopflosen Giraffenkörpers im Röntgenblick geprägt ist. Die Kohärenz zwischen Form und Inhalt ist ein Hauptanliegen Schalanskys, das durch die Unterbrechungen im Fließtext durch Illustrationen mit Wiedererkennungswert aus dem Biologiebuch ausgeweitet wird. Zu finden sind Skizzen von Pantoffeltierchen und des Archaeopteryx, der Mendel‘schen Regeln, aber auch der Sitzplan der Klasse neun des Charles-Darwin-Gymnasiums.

Dieser führt uns mitten ins Geschehen, in den Mikrokosmos Schule im hinteren Vorpommern, an der Inge Lohmark seit mehr als drei Jahrzehnten die Fächer Biologie und Sport unterrichtet. Ihre Unterrichtsführung ist in all den Jahren nie reformiert worden und richtet sich nach der alten frontalen Lehrmethode, in der aufweichende strukturale Veränderungen, die heute das Prädikat „pädagogisch wertvoll“ verdienen würden, fehl am Platz sind. Für fehlplatziert hält die Protagonistin auch ihre Schüler, deren Zahl, aufgrund des Phänomens der Landflucht, auf zwölf geschrumpft ist und die, als letzte Klasse, zum Abitur geleitet werden sollen, bevor die Schule endgültig geschlossen wird. „Von wegen Zukunft. Diese Kinder hier waren nicht die Zukunft. Genau genommen waren sie die Vergangenheit […].“ Diesen pubertierenden, stumpfen und trägen Heranwachsenden begegnet Inge Lohmark mit sachlich-nüchternem Analyseblick, der schnell die Schwachen von den Starken selektiert.

Ihre biologische Weltanschauung fordert die Anpassung der Individuen an die aktuellen Bedingungen, so wie sie es einst in der DDR praktiziert hat. Auch ihr Mann Wolfgang, gelernter Veterinärtechniker, der Kühe mit Gefriersperma besamte, musste sich neu orientieren und widmet sich nun der Straußenzucht. So wird auch der Schmerz über die Abwesenheit der gemeinsamen Tochter Claudia, die ihre Eltern per Email über ihre Hochzeit informiert, überlagert von unumstößlichen Naturgesetzen, die keinerlei Enttäuschungen zulassen. Gestört wird das Weltbild der Protagonistin von der sexuellen Anziehungskraft, die eine Schülerin auf sie ausübt. Je mehr sich Inge Lohmark auf ihre fachlichen Regelsysteme beruft, desto mehr entgleitet ihr die Situation. Sie ist ein Relikt aus Urzeiten, dessen Überlebensstrategien in der sich verändernden Umwelt längst überholt sind. Wie die ostdeutsche Kleinstadt sich der Vegetation hingibt, wird auch Heldin dieses Romans bald schon ein Fossil sein.

Die Lektüre dieses Werkes ist nicht nur spannend aufgrund der klaren Charakterisierung einer Frau, deren Universum sich der Leser, gefangen im Kopf der Ich-Erzählerin, nicht entziehen kann, sondern auch mittels des Einsatzes der Sprache, geprägt von kurzen und prägnanten Sätzen, die das Persönlichkeitsbild perfektionieren. Judith Schalansky gelingt es ihren Roman Der Hals der Giraffe in das Genre des Nach-Wenderomans einzubetten und gleichzeitig ein Lesevergnügen zu schaffen, das sich losgelöst von historischen Ereignissen auf die Erlebnisse der eigenen Schulzeit anwenden lässt. Dieser mehrdimensionale Roman, gespickt mit biologischen Schlagwörtern, Anstößen zum Bildungs- und Wissenssystem sowie zum demographischen Wandel regt an in verschiedenen Richtungen weiterzudenken, denn nur durch Anstrengung findet Entwicklung statt. So endet auch die letzte Biologiestunde mit einem Plädoyer: „Wer den längeren Hals hat, lebt auch länger.“ Die Tiere, die jeden Tag erneut versuchen durch Strecken, die höher gewachsenen Pflanzen zu erreichen, werden sich mit größter Wahrscheinlichkeit durchsetzen, da regelmäßige Wiederholung sich sukzessiv zur festen Lebensweise etabliert. „Der Hals, er verlängert sich. Langsam, aber stetig. Stück für Stück.“ Dieser Erklärung liegt die Körperform der Giraffe zugrunde und beinhaltet gleichzeitig die Konsequenz für die kurzhalsigen Tiere. „Das Leben ist ein Recken und Strecken. Für jeden Einzelnen von uns.“ Die Gefahr liegt also im Erschlaffen und in der Vernachlässigung des Trainings, einer Tendenz, der Judith Schalansky mit literarischer Dynamik entgegenwirkt.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe
Suhrkamp, 224 Seiten
Preis: 21,90 Euro
ISBN: 978-3518421772
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Ein Gedanke zu „Angewandter Darwinismus

  1. Ein sehr aufschlussreicher Text! Es erscheitn mir, der das Buch nicht gelesen hat, so, als habe dieser Roman ein leider immer stärker werdendes Thema unkonventionell interpretier: Der Konkurrenzkampf. Die Vernachlässigung des Trainings und indessen Folge das Erschlaffen, aber von was? Vom Willen, der Motivation, der Träume? Es scheint gut nachvollziehbar zu sein. Ich hatte das Buch schon einmal in einer Buchhandlung in der Hand. Nun kommt aber bei mir die Frage auf, in welcher Beziehung hier die Form und die Nachricht stehen, die der Roman transportieren möchten. Die Rezension hat auf jeden Fall Lust auf mehr gemacht.

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