Ein Isländer in L.A.

Eine frühe Textsammlung des Nobelpreisträgers Halldór Laxness führt in die Abgründe eines Versuchs, die eigenen Landsleute über den Atlantik hinweg zu kultivieren – vor allem politisch.

von THOMAS KRUCZINSKI

Manchmal ist man versucht, das bestehende Weltbild in Frage zu stellen – politisch, religiös oder auch auf Seiten der sexuellen Gleichberechtigung. Manchmal weiß man aber nicht genau, wie man es anzustellen hat, damit sich etwas verändert und ein neues Weltbild, eine menschliche Ordnung, eine sozialistische Ordnung entsteht. Falls der geneigte Leser Planungshilfe oder auch nur intellektuelle Gedankenergüsse benötigt, um die immanent vorhandene revolutionäre Wut auch hinsichtlich der eigenen Haushaltsplanung umzusetzen, könnte er auf das Buch des Isländers und Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness stoßen.

Dessen Volksbuch ist eine nicht chronologische Aneinanderreihung der Essays, die der Autor zwischen Dezember 1927 und Januar 1929 in seinem selbstgewählten kalifornischen Exil geschrieben hat. Fuß fassen wollte der international eher als Romanschriftsteller bekannte Laxness dort als Autor von Drehbüchern, was sich allerdings relativ konkret und nachweisbar durch Nichtverwendung seines Materials als Misserfolg erwies. Die 15 Texte jedoch, die innerhalb dieses Zeitraumes entstanden und mehr oder weniger öffentlichen Anklang fanden, sind die im vorliegenden Buch und zum ersten Mal in deutscher Sprache erschienenen Aufsätze.

Diese beschäftigen sich dann auch, wortwörtlich, mit Gott und der Welt, und wie Laxness sie mit klugem Blick auf seine amerikanischen Gastgeber erkennen und ironisch kritisieren kann – um schlussendlich praktische Lebenshilfe für die isländische Bevölkerung zu Papier zu bringen. Die Themen reichen von einer Betrachtung der bestehenden Bücherkultur in Amerika sowie Island und dem dazugehörigen kritischen Blick auf die unheimlichen Auswüchse der Industrialisierung (erster Text mit Titel Bücher) bis hin zur detailreichen Ironisierung der real existierenden bürgerlichen Ehefrau im Umfeld der US-amerikanischen Mittelschicht (Mann, Frau, Kind).

Was dem Autor hier gelingt, ist eine fast immer sehr genaue Sicht auf die ihn umgebenden Dinge und wie sie in der Welt Ende der 1920er Jahre bestimmt sind. So spart er nicht mit Hohn und Spott der herrschenden Klasse gegenüber, aber ist voller empfindsamer Anteilnahme am Leid der arbeitslosen proletarischen Bevölkerung.

Und dies ist ein, wenn nicht sogar der explizite, Kritikpunkt dieses Werkes. Fast in jedem noch so kleinen Abschnitt stellt man eine marxistisch-sozialistische Sicht der Dinge fest, das Gebot der Stunde ist bei Laxness Revolution des Lumpenproletariats gegen das Großkapital sowie die Schergen eines „Stahlmordinstrumentenkönigs“, und solange die Amerikaner dies nicht erkennen sollten, sei ihnen sowieso nicht zu helfen – denn immerhin schrieb Laxness diese Texte für seine zuhause gebliebenen Isländer, die er womöglich auf seine bevorstehende Heimreise und eine angehende politische Revolution nach russischem Vorbild einstimmen wollte.

Man mag dies erst einmal in die historisch nicht so beeindruckende Ecke stellen, denn immerhin gab es zur damaligen Zeit wirklich noch den sprichwörtlichen Argumentationskonflikt bezüglich der besten aller möglichen Herrschaftsformen und Laxness war nun einmal für die Sache der Arbeiter entflammt worden – da der Sozialismus sich noch nicht durch ein 40-jähriges unmenschliches Realexperiment selbst ins Aus geschossen hatte, ist dies sogar im Kontext zu erschließen.

Was einem heutigen Leser jedoch zu schaffen machen wird, da bin ich mir sicher, ist die ausführliche gedankliche Schilderung einer Reform des Bildungssystems, die nach dem Eintritt der Ein-Parteien-Herrschaft anzugehen sei (Über die Wirtschaft in Island). Selten habe ich eine derart plastische Beschreibung der späteren, und wahrscheinlich damals langsam im eben erst revolutionierten Russland entstehenden, Indoktrinationsanstalten für Kinder lesen müssen.

Von „Tagesheimen“, die sicherstellen sollen, dass Kinder aus „unersprießlicher häuslicher“ Umgebung ganz in ihnen untergebracht werden, bis zu den dauerhaft einquartierten Kindern von geschiedenen oder gestorbenen Elternteilen, die vor den Einflüssen eben dieser Lebensumstände geschützt werden müssen – hier entdeckt man eine vielleicht gedachte idealistische Umsetzung grundständiger Freiheitsentwicklung, doch sieht die nachfolgende sozialistische Geschichte mit ihren Fakten anders und doch erschreckend gleich aus. Berichte aus der jüngsten deutschen Vergangenheit politisch verfolgter Familien können ein Lied davon singen.

Das Seltsame an dieser ganzen sozialistischen Lobrede ist jedoch, dass Laxness aufgrund der elterlichen Fürsorge in der Lage war, schon als junger Mann finanziell unabhängig die Welt zu bereisen; wie dann natürlich jemand, der eigentlich genealogisch zu den Kapitalstarken gehört, plötzlich eine Drehung macht, von der proletarischen Revolution spricht und sich als Bestandteil der Stahl-, Hafen- und Landarbeiter wähnt, trotzdem jedoch wahrscheinlich nie auch nur einen einzigen Tag unter brütender Sonne auf irgendeinem kalifornischen Feld verbracht hat, ist mir persönlich ein Rätsel. Doch so war es seltsamerweise auch Jahrzehnte später in den 1980er Jahren in „good old Germany“: Die bürgerlichen Ärztesöhne und Anwaltstöchter waren schon immer die besseren Punks und Revoluzzer. Als ob es sich im waldumsäumten Eigenheim besser über das Geld der Eltern lästern ließe als anderswo.

Das Buch hat jedoch auch positive Seiten: So ist der Text Über Sauberkeit in Island ein nettes ironisches Postulat an des Autors isländische Mitmenschen, sich doch auch mal Zahnbürsten zuzulegen und zumindest das Waschen des Körpers nicht kategorisch auszuschließen – hier macht sich dann auch die unpolitische Schreibe des Autors bemerkbar, und somit auch sein vorhandenes Talent. Der Stil ist flüssig, jedoch nicht aufgesetzt, und lädt zum Lachen des Denkens ein: dem Schmunzeln. Ein solch kritischer Blick auf die eigenen Landsleute wäre heute jedem Feuilletonisten ans Herz zu legen.

Auch nimmt Laxness, anderen vorweg, die Emanzipation der Frau zum Thema: Sie soll nicht mehr „Sexualsklavin und Hausmagd des Mannes“ sein, sondern neben ihm existieren – im Acker- und Gartenbau, Tierhaltung und Maschinentechnik. Ebenfalls wird die Ehe als absolutes Kriterium für Sex und Kinder dekonstruiert, und die Geburtenkontrolle in einem stimmig geschriebenen, leicht philosophisch formulierten Dialog mit einem Methodistenpfarrer erläutert und befürwortet (Die Sünde).

Unterm Strich ist zu erkennen, dass Laxness definitiv sein Metier beherrscht; er lässt selten, dann aber schöne Dialoge einfließen, die nichts an Realität im Kontext des jeweiligen Telos einbüßen. Er erkennt seine Umwelt und die Menschen genau, nicht verzerrt, und ist in der Lage, die Lebensbedingungen und kulturellen Strömungen seiner Zeit so zu schildern, dass wir auch heute noch, nach 82 Jahren, nicht umhin können uns lebhaft ein Los Angeles der ausklingenden 1920er Jahre vorzustellen – mitsamt shoppenden Ehefrauen unter den Blicken am Straßenrand stehender hungriger Kinder. Seine Sprache ist in der Übersetzung klar und kompakt, nie besitzt sie überflüssige Stellen oder narrative Sackgassen; die gewollt eingestreute Ästhetik der ja vermehrt eher realpolitisch verankerten Essays ist zum Glück ersichtlich. Und so bleibt Das Volksbuch ein Werk, das zwischen polemisch-unreflektiertem Pamphletismus und ironischem Kulturratgeber hin und her schwingt.

Wer eine gewisse Affinität zum verstorbenen Nobelpreisträger verspürt, kann dieses Werk als Fan-Artikel kaufen – anderen sei zu raten, entweder direkt auf Marx zu setzen oder eine schöne Ausgabe von Orwells Animal Farm zu erstehen – sie wäre zum gleichen Preis gewiss nicht die schlechteste Alternative.

Halldór Laxness: Das Volksbuch. Über Island und Gott und die Welt
Steidl, 288 Seiten
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3869302348
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