Im Anfang war das Wort

Ein Wort, das sich zu einem literarischen Sammelsurium entwickeln sollte, als der Autor Günter Kunert 1964 seine Notizen zu schreiben begann, die nun unter dem Titel Die Geburt der Sprichwörter veröffentlicht wurden.

von ANNIKA MEYER

In seinem Buch gewordenen Notizheft zeigt Kunert die große Spannbreite kurz gehaltener Essays, knapper Sprichwörter und auf Papier geworfener Fragestellungen. So vielseitig wie die Themenwahl, die sich vom sich verbreitenden Schwamm im Haus bis zu einem gemeinsamen Abend mit Jean Améry erstreckt, ist auch die Wahl der Erzählperspektive. So wechseln allgemein gehaltene Abhandlungen über Moral und Monumentalkunst mit knappen Dialogen über die eigene Herkunft. Mehrmalige Wechsel im stakkatohaften Übergang lassen den Leser mit kurzzeitiger Ratlosigkeit auf der Strecke. Zusätzlich erzielen diese den vermutlich nicht erwünschten Effekt, dass durch die Flut unterschiedlichster Gedankengänge einige (gute) Ideen nicht wahrgenommen werden; der Leser findet ein kreatives Chaos vor, das es zu verarbeiten gilt. Auch die übertrieben gehobene Wortwahl und verschachtelte Sätze machen den Einstieg in Kunerts Gedankenausflüge nicht einfacher, zumal sie leider durch schlecht lektorierte Zeichensetzung und Flüchtigkeitsfehler einen Großteil der aufkommenden Lesefreude einbüßen. Einige Äußerungen Kunerts scheinen sogar eher elaborierte Phrasen heißer Luft zu sein.

Sieht man von diesen Kritikpunkten ab, erhält man die Möglichkeit zu einem intellektuellen Gedankenspaziergang, bei dem das Wesen der Welt, der Umgang mit der Geschichte und der Zeit sowie die Literatur und Sprache abgegangen werden – gepflastert ist dieser imaginäre Weg mit bissigem Humor und philosophischer Nachdenklichkeit. Dass man, um in einigen Erzählungen die Straße des richtigen Kontextes nicht zu verlassen, eine gewisse literarische Vorkenntnis braucht –  z. B. spendet ein Dr. Schlemihl seinen Schatten der Dritten Welt – stellt für manche Leser zwar ein Hindernis dar, gibt den Geschichten aber eine weitere interessante und intertextuelle Komponente. Zwischen längeren Essays geben ein- bis zweizeilige Sprichwörter, die teils von Kunert selbst stammen und teilweise bekannten Persönlichkeiten in den Mund gelegt werden, Gelegenheit zum durchatmen.

Als wiederkehrende Elemente liest man von Magister Tinius, der seine Taten verteidigt, von der fiktiven Insel Dahlak, auf der eine mysteriöse Epidemie ausgebrochen ist, und von den Bewohnern Osmosistans, deren Prinzip der biologischen Osmose auf sämtliche anderen Lebensbereiche übertragen wird. Diese surrealen Erzählungen erzeugen viele amüsante Exkursionen: so erachten Osmotiker – aufgrund der Osmose – Monogamie für schmutzig und bevorzugen den Gruppensex. Magister Tinius gedenkt, seine Bücher der Aktion „Bücher für die Dritte Welt“ zu vermachen und  nach Dahlak werden zwecks Epidemiebekämpfung kaputte Bügelmaschinen geschickt. Andere absurde Geschichten handeln von einem Interview mit dem äußerst abgeklärten Yeti und von einem Mann, der – da er eine öffentliche Brücke geerbt hat und mit seinem Erbe auch etwas anstellen will – die Brücke u. a. bunt anstreicht.

Insgesamt enthält Kunerts Werk eine wilde Mischung aus nachdenklichen und lustigen Beiträgen, denen immer eine Prise Zynismus beigefügt ist. Wie durch Radio- und TV-Sender lässt sich durch verschiedenste Beiträge zu allen wichtigen Themen und Fragen des Lebens zappen, die oft, aber nicht immer, von guter Qualität sind und zum Weiterdenken animieren.

Günter Kunert: Die Geburt der Sprichwörter
Wallstein: 140 Seiten
Preis: 17,90 Euro
ISBN: 978-3835308817
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