Viele Dorfanekdoten machen noch keine Dorfgeschichte

Eine Dorfgeschichte, so heißt das neuste Werk der deutschen Autorin Katharina Hacker, die bereits drei Mal für ihr literarisches Schaffen ausgezeichnet wurde. In diesem Fall spricht der Titel jedoch nur die halbe Wahrheit.

von GERALDINE GAU

Die Erzählerin, inzwischen selbst Mutter von zwei Töchtern, berichtet uns von den Sommern ihrer Kindheit, in denen sie mit ihren Brüdern und Eltern die Großeltern auf dem Land besuchte. Sie erzählt von den Spielen: Mäusefangen an Regentagen, Zelten im Wald oder Flüchtlingszug mit dem Leiterwagen, bei dem die Toten am Wegrand liegen gelassen wurden; von Auseinandersetzungen mit der Familie, wenn der Opa plötzlich verschwand oder der Vater den Kindern verbot, seine Geräte zu benutzen. Und von den naiven Diskussionen der drei Kinder: was ein Geheimnis ist oder ob der Teufel das schlechte Wetter verursacht. Des Weiteren stellt sie die Charaktere vor, die sie umgaben, aber zum Teil nie wirklich bewegten: die eigene Großmutter, die Tiere hasste, den Onkel, von dem alle sprachen, ohne ihn je gesehen zu haben, den blinden Orgelspieler, den Hinkenden, den fetten Jäger und den unheimlichen Nachbarsjungen. Nach vielen Jahren, in denen sie das Dorf nicht mehr betreten hat, kehrt sie zurück, um ihren Kindern ein Stück ihrer eigenen Geschichte zu zeigen und all das, was sie erlebte, aufzuschreiben.

Das „Dorf“ im Titel hat also durchaus seine Berechtigung. Problematischer ist es mit der „Geschichte“. „Geschichten gibt es auf dem Dorf nicht, sagte Frau Scholz […]“. Diese Aussage scheint sich im Inhalt des Buches widerzuspiegeln, denn was die Erzählerin hier darstellt ist keine Geschichte, sondern vielmehr eine Collage aus Erinnerungen, Gefühlen und Rätseln einer Kindheit; eine Reihung von Anekdoten aus dem Dorf, die in einem Kapitel abgehandelt werden und danach keine Erwähnung mehr finden.

Zum Teil beschreibt sie so die banalen Erlebnisse des Alltags, an die man sich als Erwachsener gern zurückerinnert, zum Teil taucht sie aus kindlicher Sicht in essentielle Fragen der Menschheit ein, immer jedoch, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Manchmal bahnen sich Intrigen an oder düstere Ereignisse. Diese werden jedoch übergangen, verdrängt. Genau, wie die wirklich schlimmen Geschehnisse, sei es die Krankheit des einen oder der frühe Tod des anderen Bruders, zieht alles scheinbar ohne Bedeutung oder Konsequenzen am Leser vorüber.

Auch der Erzählstil ist schwer zu fassen. Es gibt keine eindeutige Zeitlichkeit, keine Kontinuität. Die Passagen sind nicht in eine Haupthandlung eingebettet und man weiß nie, wann ein Ereignis stattgefunden hat. Hacker macht große Sprünge, schiebt Nebensächlichkeiten oder Erklärungen ein, schweift ab und bringt Gedanken nicht zu Ende. Hinzu kommen die naive Art und das kindliche Vokabular, mit denen sie ihre Erzählungen wiedergibt. Einerseits erreicht sie so ein hohes Maß an Authentizität. Man fühlt sich wirklich in den Gedankenstrom der Erzählerin versetzt, die assoziativ über das Vergangene nachsinnt und sich nicht die Mühe macht, es für Außenstehende in eine repräsentative Form zu zwängen. Das hat durchaus seinen Reiz und lädt sogar dazu ein, die eigene Kindheit Revue passieren zu lassen. Andererseits leidet aber auch das Verständnis des Lesers darunter. Manche Zusammenhänge erschließen sich nicht, Geschehnisse bleiben unverständlich und wirkliche Einblicke in das Leben und die Gefühlswelt der Erzählerin bleiben dem Leser so verwehrt. Auch das Layout ist ein kleines Rätsel. Jedes Kapitel beginnt und endet mit einem Absatz, der schmaler, enger am Rand ist und sich durch eine andere Schriftart optisch vom Haupttext abgrenzt. Inhaltlich und auch stilistisch unterscheiden sich die Absätze jedoch ganz und gar nicht, was auf mich eine irritierende Wirkung hatte.

Mit nostalgischen Gedanken an die Kindertage kann man vielleicht einen netten Winterabend vor dem Kamin verbringen und von ländlichen Sommern träumen. Mehr aber auch nicht, denn dies sind die kleinen Geschichtchen mit Sicherheit: undurchsichtig und kurzweilig.

Katharina Hacker: Eine Dorfgeschichte
S. Fischer, 125 Seiten
Preis: 17,95 Euro
ISBN: 9783100300669
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