Familienchronik ohne vergilbten Sepiaton

Edmund de Waal nimmt den Leser in Der Hase mit den Bernsteinaugen mit auf eine Reise durch das Europa des 19. und 20. Jahrhunderts mit dem Ziel den Weg des Erbes seiner berühmten Familie nachvollziehen zu können. Es mag zunächst wie eine von vielen sentimentalen Familienbiographien klingen, doch de Waal nimmt sich vor „keine sepiagetönte Familiensaga, keine elegische mitteleuropäische Verlustgeschichte“ zu schreiben und schafft diesen Balanceakt mit Bravour.

von RICARDA ALTVATER

Das Vorwort lässt den Leser zunächst im Dunkeln stehen. Eine Beschreibung de Waals, wie er durch ein Stipendium nach Japan kam, dort an einem Sprachkurs teilnahm. Wie er dort seinen Alltag meisterte, hat wenig mit dem zutun, was man nach dem Lesen des Kappentextes erwartet. Doch dann: ein Foto von Edmund de Waals Onkel Iggie vor seiner Netsukesammlung in Tokio aus dem Jahre 1960, das Erläutern was Netsuke sind und welcher bedeutenden Familie er angehört. Erste Zusammenhänge werden geknüpft, der Leser erhält einen Ausblick auf das, was ihn auf den folgenden 350 Seiten erwartet und sein Interesse wird geweckt.

Bei den Netsuke handelt es sich um sehr kleine und detailreiche japanische Schnitzereien aus Elfenbein oder wertvollen Gehölzen. Die jüdische Bankier- und Handelsfamilie Ephrussi hat seit dem Jahre 1871 genau 264 solcher kostbaren Netsuke in ihrem Besitz. Der Autor beherrscht das Beschreiben seiner 264 Schnitzereien so voller Faszination und Genauigkeit, dass man diese kleinen Kostbarkeiten, ohne jemals zuvor von derer gleichen gehört oder sie jemals gesehen zu haben, ins Herz schließt. De Waal steckt einen regelrecht an, mit seiner Wissbegier, wo und wie die kleinen Kunstwerke die Jahrzehnte verbracht haben. Er möchte die Räume sehen, wo sie präsentiert wurden, möchte wissen, wer sie von wem gekauft hat und möchte den Weg selber gehen, den auch die Netsuke gegangen sind.

Und dieser Weg war ein langer, er beginnt 1871 in Paris. Inspiriert durch den Impressionismus und das wachsende Interesse an Japan Ende des 19. Jahrhunderts, kauft der Kunstinteressierte und -sammelnde Charles Ephrussi die japanischen Netsuke bei einem Kunsthändler. Charles ist Kunsthistoriker und lebt ein aufstrebendes Intellektuellenleben in Paris. Sein Geschmack ist maßgebend und so ist er nicht unbeteiligt an der Verbreitung des Pariser Impressionismus und dem damit einhergehenden Japonismus. Seine exotische Errungenschaft aus Japan stellt er in einer großen Glasvitrine in einem seiner Salons im Hôtel Ephrussi an der prachtvollen Rue de Monceau in Paris aus. Dort werden sie regelmäßig von prominenten Gästen, wie die Impressionisten Manet und Renoir oder dem Schriftsteller Proust betrachtet und in die Hand genommen. Detailreich, aber nie langatmig, wird das Leben des Charles Ephrussi in Paris beschrieben, immer im Mittelpunkt die 264 Netsuke. Diese werden 1899 als Hochzeitsgeschenk an seinen Cousin Viktor und dessen gerade angetraute Frau Emmy nach Wien verschickt. In einer vollkommen anderen Stadt, in einem vollkommen anders aufgebauten Palais, schlüpfen die Figuren wie ein schlafender Mönch oder eine Hornisse auf einem Hornissennest in eine völlig andere Rolle. Hier werden sie nicht mehr in einem öffentlichen Schauraum präsentiert, sind nicht mehr dazu da, von den Besuchern aus der Vitrine genommen und in der Hand betastet zu werden. Nein, sie verschwinden im Ankleidezimmer von Emmy und sind ausschließlich den Kindern, Edmund de Waals Großeltern, zugänglich. Einhergehend mit der Skizzierung der Veränderung des Kunst- und Modegeschmacks werden auch die schwieriger werdenden politischen Umstände beschrieben. Der ansteigende Antisemitismus Anfang des 20. Jahrhunderts, der in der Machtergreifung Hitlers seinen Höhepunkt erreichte, stellt die Netsuke vor eine weitere Hürde. Die jüdische Familie Ephrussi wird auseinandergerissen und muss flüchten. Sie müssen all ihre Kunstgegenstände zurücklassen, darunter die Netsuke. Wie sie es über Umwege nach Tokio zu Iggie, den der Leser bereits im Vorwort kennengelernt hat, kommen und letztendlich beim Autor Edmund de Waal ihren letzten Platz finden, sollte man an dieser Stelle aber nicht vorwegnehmen.

Eines kann man aber sicherlich sagen: De Waal trifft immer die richtige Wortwahl. Durch seine akribischen Recherchen vor Ort (Paris, Wien, Tokio, Odessa) und sein intensives Auseinandersetzen mit seiner Familie, liefert der Band ein fundiertes Wissen, das aber weder zu sentimental noch zu distanziert an den Leser weitergegeben wird. Edmund de Waal schreibt voller Empathie und kann somit sowohl die Besonderheit der Netsuke als auch den Aufstieg und Untergang der Familie Ephrussi herausstellen.
Durch seine sorgfältigen Beschreibungen regt er die Vorstellungskraft an und löst somit eine vollkommene Faszination für die japanischen Kunstwerke aus, die dazu führt, unbedingt weiter lesen und wissen zu wollen, wie die Netsuke ihre Rolle verändern.
Trotz der vielen historischen Ereignisse in der Zeitspanne von 1871-1950, die man zu genüge aus der Schule und aus dem Studium, aus Büchern und anderen Medien kennt, schafft es de Waal die Vergangenheit noch einmal lebendig werden zu lassen. Man begegnet den Pariser Impressionisten, sieht die üppige Ausstattung der Salons, streicht förmlich selbst über die alten Wandteppiche und hört das Treiben auf den belebten Straßen Paris und Wiens. Dieses Buch schafft es, gleichzeitig Faszination für die exotischen Künste der damaligen Zeit zu wecken und Wissen über Kunst, Kultur und Zeitgeschehen zu vertiefen und zu festigen. Ein gigantisches Werk über Familie, Kunst und Politik im Wandel, aber ohne erhobenen Zeigefinger und absolut lebendig und in allen Farbfacetten.

Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Aus dem Englischen Brigitte Hilzensauer
Zsolnay, 352 Seiten
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3-552-05556-8
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2 Gedanken zu „Familienchronik ohne vergilbten Sepiaton

  1. Diese Rezension macht wirklich Lust auf den Text. Es erscheint mir, als ließe er sich nicht so recht trennen zwischen Autobiographie und Roman. Eine Frage bleibt jedoch: In welchem Bezug steht der Text zu seinem Titel?

  2. Hallo,
    in der Tat lässt der Text sich nicht recht trennen, aber ich schätze es handelt sich mehr um eine Biographie, als um einen Roman. Und zum Titel: Der Hase mit den Bernsteinaugen ist einer der 264 Netsuke. Leider ist mir auch nicht ganz klar geworden, warum der Autor ausgerechnet dieses Netsuke für seinen Titel ausgewählt hat, da er andere der Schnitzereien viel öfter erwähnt, als eben diesen Hasen.

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