Bekenntnis eines Lemuren

Wörtersammler, Jungfrau, Rekrut, Exulant des Unernstes – mit all diesen Worten wird der Protagonist Csont in Bekenntnisse eines Lemuren beschrieben. Der Autor László Garaczi zeigt wieder einmal wie kurios, brutal und verspottet das ungarische Militärwesen im 20. Jahrhundert ist.

von CHRISTINA TERSTEGEN

Csont (Knochen) hat es in seinem Leben nicht leicht. Als Spätentwickler, Alleingänger, Jungfrau und nun auch noch Rekrut in der ungarischen Armee ist er alles andere als glücklich mit seinem Leben. Schon in der Schule findet er keinen Anschluss und sein einziges Bestreben, seine Jungfräulichkeit zu verlieren, bleibt ihm verwehrt. Weiter als zu einer Fummelei mit seiner Freundin Kamilla kommt es vor seiner Einberufung nicht.

Seine Zeit in der Armee verschlimmert seinen seelischen Zustand immer mehr, da es im krassen Gegensatz zu seinem Traum steht. Denn eigentlich wäre er gerne ein Hippie! Unwissend wie er seine Wünsche verwirklichen soll und nicht in der Lage sich anderen Menschen anzuvertrauen, verfällt er der Magersucht und letztendlich dem Wahnsinn. Seine einzige Leidenschaft ist das Wörtersammeln. Alltägliche ebenso wie exotische Wörter (deren Bedeutung er nicht kannte), gesprochen von den Offizieren und den Soldaten, nimmt er in seine Sammlung auf. Alle schreibt er in eine Flügelmappe auf, Ungarische Norm 5617. Während seiner Zeit als Rekrut verliert Csont immer mehr von seiner Menschlichkeit und bald schon sind seine einzigen Begleiter seine Halluzinationen, ein alter, nackter Mann und ein Lemur. Diese beiden begleiten ihn Tag und Nacht.

Erst als sein Zustand ihn dazu treibt, sich von einem Kameraden den Arm mit einem Hammer brechen zu lassen, damit er aus der Armee ausgemustert wird und er in sein altes Leben zurückkehrt, beginnt auch seine Seele wieder zu heilen.

Nach dem endgültigen Ausschluss aus der Armee gewährt ihm nun auch Kamilla sein lang ersehntes „zum Mann werden“ und Csont verbrennt seine Mappe mit gesammelten Wörtern. Von nun an sind Gefühle und Wörter bei ihm nicht mehr getrennt und er wird Schriftsteller. Obwohl er die Zeit als Rekrut wohl niemals ganz vergessen wird, hat Csont nun eine ganz andere Lebenseinstellung. Und so beendet Garaczi seinen Roman mit den Sätzen: „Ich bin bereit. Alles ist hier. Alles ist möglich.“

Die Bekenntnisse eines Lemuren sind paradox. Zwar ist der Handlungsstrang durchaus ernst und enthüllt die Tragik eines jungen Menschen, der in seinem Leben nicht glücklich ist und nicht weiß, wie er das ändern kann, doch kommt László Garaczi wohl nicht drumherum, dieses Abgerichtetwerden vor einen äußerst komischen Hintergrund zu stellen. Vieles scheint absurd für den Leser. Nicht nur der (wohl von vielen Menschen geteilte) Wunsch, Hippie zu sein, steht im Gegensatz zur ernsthaften Brutalität, sondern auch die Bedeutung des ungarischen Militärs. Auf die Spitze getrieben wird dieser absurd-komische Bericht als Csont und seine Kameraden beauftragt werden, das Herbstlaub wegzufegen. Einer von ihnen hat den Einfall, allen etwas Zeit zu ersparen und das restliche Laub von den Bäumen zu schütteln. Als die Offiziere am nächsten Tag die kahlen Bäume entdecken werden die Rekruten dazu verdonnert, die Blätter wieder an den Baum zu kleben. So hocken die Rekruten alle in den Bäumen und kleben nacheinander einzelne Blätter wieder an die winterlich, nackten Äste. Aber nicht nur diese Aufgabe scheint absurd. Als die Soldaten in LKWs verladen werden sind sie sich sicher, dass sie jetzt in den Krieg ziehen würden. Jedoch landen sie auf einer Farm zum Ernten und zur Arbeit. Dass diese dann kurze Zeit später abbrennt und ein Rekrut daraufhin schwer verletzt ins Krankenhaus muss, scheint keinen wirklich zu kümmern. Wird uneingeschränkter Gehorsam befohlen, scheint für die Rekruten klar zu sein, dass sie nicht gehorsam sein werden.

Der Schreibstil ist jedoch etwas anstrengend für den Leser. Die Leidenschaft des Protagonisten, Wörter zu sammeln, scheint Garacz in seinen Schreibstil mit eingebunden zu haben. Oftmals wird der Leser geradezu erschlagen von den Wörtermassen und aneinander gereihten Sätzen. Es scheint, dass die wirren Gedanken Csonts einfach alle aufgelistet werden, ohne Zusammenhang oder oftmals auch Sinn.

Alles in allem ist Bekenntnisse eines Lemuren jedoch eine durchaus lohnenswerte Zumutung.

László Garaczi: Bekenntnisse eines Lemuren
Aus dem Ungarischen von György Buda
Droschl, 189 Seiten
Preis: 19,00 Euro
ISBN: 978-3854207856
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