Vom Suchen und Finden. Oder doch nicht?

„Ich wartete darauf, gefragt zu werden, ob mich irgendjemand brauchte. Und wenn das nicht geschah, setzte ich mich auf die Schaukel und schaukelte.“

Doch wo war der Zeitpunkt, an dem Mark Theunissen hätte aufhören und den Absprung schaffen sollen, um seinem Leben die „richtige Wende“ zu geben? Gibt es diesen Moment überhaupt? Und ist der Gedanke an diesen wichtig, bedenkt man, dass sich dieselbe Frage immer wiederholen würde, hätte man eben diesen Augenblick genutzt?

von KATHRIN LESNIEWSKI

Paul Ingendaays Romantitel Die romantischen Jahre lässt zuerst eine Liebesgeschichte vermuten. Liebhaber dieses Genres werden das Buch allerdings in der gleichen Geschwindigkeit in das Regal zurückstellen, mit der sie noch im Vorfeld danach griffen. Wer sich allerdings weiter mit der Lektüre beschäftigt, wird mit den großen Themen des Lebens konfrontiert. Ingendaay erzählt uns klug und gewitzt eine Geschichte über die uns bewegenden Themen, eine Erzählung über die Vergangenheit, Versäumnisse, Vergebung und die Suche nach dem Glück.

Letzteres glaubt der Protagonist Mark Theunissen in seinem Literaturstudium nicht mehr zu finden. „Etwas Handfestes“ wolle er lieber haben. Und so verlässt er den akademischen Weg, um die Karriereleiter als Versicherungsvertreter zu erklimmen. Sicher ist er sich bei seiner Entscheidung nicht, aber man kann es ja auf einen Versuch ankommen lassen. Auf diesen lässt er es auch ankommen, als er sich auf eine Affäre mit der verheirateten Angela einlässt.

Soweit zum Handlungsstrang. Die Gleichung geht jedoch nicht auf, erwartet man nun eine langweilige und trockene Erzählung. Denn Ingendaay unterbricht seine Romanhandlung, indem der Leser in die Gedankenwelt von Mark hineingerissen wird. In seinen Erinnerungen resümiert er allerdings nicht nur seine eigenen bisherigen Entscheidungen, sondern auch die seiner Familie. In einzelnen Episoden wird Marks Leben und das seiner Geschwister und geschiedenen Eltern aufgegriffen. Mark versteht genauso wenig, warum die Ehe seiner Eltern in die Brüche ging, wie die Tatsache, dass seine Schwester auf nimmer Wiedersehen auswanderte, oder die, dass ihm sein jüngerer Bruder die Jugendliebe wegschnappte und schließlich heiratete. Und wie kam er überhaupt dazu, Versicherungsvertreter zu werden? Stück für Stück setzt er die Puzzleteile voller Familiengeheimnisse zusammen bis das Bild deutlich vor Augen tritt. Seinem alternden, demenzkranken und nun erblindenden Vater allerdings nicht mehr. Er verschloss die Augen vor der Wahrheit schon vor Jahren. Seine Mutter hingegen sah sie irgendwann nach vielen Jahren wachsender ehelicher Distanz und unerfüllter Sehnsüchte, weshalb sie sich scheiden ließ. Die Geschwister, sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Und jeder hat seinen guten Grund dazu. Jeder wurde auf die eine oder andere Weise von den Eltern beeinflusst.

Zugegeben, nicht die Handlung an sich lässt den Leser bei der Lektüre verweilen. Es sind die starken Momente im Buch, die zum Grübeln anregen. Die witzigen, aber ernst gemeinten: „Entscheiden musst du dich sowieso erst, wenn es kein Zurück mehr gibt.“ Diese regen immer wieder zum Weiterlesen an. Nach einer Weile sind sie nicht mehr nötig, um dabei zu bleiben, denn die Geschichte erhält eine Eigendynamik, die in einem Höhepunkt, dem Familientreffen, endet und uns nachdenklich zurücklässt. Entsprechend habe ich das Buch gelesen. Erst einmal nicht so gerne, dann schon lieber und dann sehr gerne.

Ingendaays Roman ist all denjenigen zu empfehlen, die gerne auch mal ein Auge auf das Detail werfen. Jede kleine Episode im Buch hat ihre eigene Moral. Allerdings ohne dass der Autor mit dem Finger darauf zeigt und „Hier“ schreit. Er versteht es, die einzelnen Geschichten der Familienmitglieder und auch die der Freunde im Laufe der Erzählung so mit der Haupthandlung Marks zu verknüpfen, dass sie letztendlich einen Sinn ergeben. Dankenswerterweise liest sich der Roman im Kontrast zu seinen doch „schweren“ Themen witzig und geradeheraus. Neue Erkenntnisse werden zwar nicht vermittelt, allerdings handelt es sich um Themen, mit denen sich jeder mal mehr oder weniger beschäftigt hat und weshalb das Buch als interessant und daher lesenswert betrachtet werden kann.

Paul Ingendaay: Die romantischen Jahre
Piper Verlag, 480 Seiten
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3492054744
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