Vom post-karnevalistischen Irrsinn der Welt

Der Roman Perversion des ukrainischen Schriftstellers Juri Andruchowytsch ist ein Paradebeispiel post-moderner Literatur, bietet aber trotzdem keine perfekte Unterhaltung.

von ANNE REUS

Der ukrainische Dichter und Aktivist Stanislaus Perfezki – das jedenfalls ist einer seiner vierzig Namen – nimmt in Venedig an der Konferenz „Post-Karnevalistischer Irrsinn der Welt: Was dräut am Horizont?“ teil. Veranstaltet wird das Ganze von der Fundation „Der Tod in Venedig“. Der Name ist in diesem Fall Programm: Nach dem letzten Tagungstag verschwindet Perfezki aus seinem Hotelzimmer, das weitgeöffnete Fenster und seine Schuhe auf der Fensterbank, mit den Spitzen in Richtung Kanal zeigend, deuten auf Selbstmord hin. Seine Leiche jedoch bleibt unauffindbar.

Das ist die Rahmenhandlung des 1999 erschienenen Romans, der erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde. Um Licht in das Verschwinden seines Freundes zu bringen, veröffentlicht Juri Andruchowytsch, natürlich eine Figur in seinem eigenen Roman, die Dokumente, die sich in Perfezkis Hotelzimmer fanden, und die dieser ihm testamentarisch hinterlassen hat. Die Aufzeichnungen Perfezkis bilden die Grundlage der Erzählung. Eingefügt sind Berichte der Spitzel Ada Citrina und Janus Maria Riesenböck und eines näher identifizierbaren Erzählers, Zeugenaussagen der Personen, die mit Perfezki in Berührung gekommen sind, Video- und Tonbandaufzeichnungen und Protokolle und Unterlagen der Fundation. Das gibt Andruchowytsch Gelegenheit, seine Schreibkunst unter Beweis zu stellen.

Und stilistisch überzeugt er: Er ist sprachlich vielfältig, übernimmt und parodiert Akademiker- und Journalistenjargon, imitiert postmoderne Künstler und Polizeiberichte; in Perfezkis Aufzeichnungen variiert er zwischen Gossensprache und Poesie. Einzig die englischen und (auch im Original) deutschen Textfragmente, die immer wieder eingestreut sind, wirken etwas gezwungen und im Sprachfluss unnatürlich. Hier sollte auch die Übersetzerin lobend erwähnt werden, die ihre sicher sehr anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour meistert und konsequent authentisch klingende, angemessene und kreative Übersetzungen findet.

Inhaltlich könnte der Roman als eine Anleitung für postmodernes Schreiben fungieren. Alles ist enthalten: Parodie und Pastiche, die Unmöglichkeit, wirklich Neues zu schaffen, das Zitat, intertextuelle Verweise (oder doch eher name-dropping, um Eindruck zu machen?), das Ende aller großen Erzählungen, die Fragmentierung (nicht zuletzt auch in der Struktur des Buches, mit seinen vielen verschiedenen Dokumenten, die am Ende mehr Verwirrung stiften als erklären), die Feststellung, dass es weder Wahrheit noch Wirklichkeit gibt. All das greift der Roman immer wieder auf, sowohl in der Struktur als auch innerhalb der Geschichte: Es gibt eine Oper, „Orpheus in Venedig“, die komplett aus Arien anderer Opern besteht; in einem Vortrag wird in einer wilden Mischung aus historischen Fakten und Phantasie eine alternative Geschichte der Ukraine geschaffen; eine Liebeserklärung kommentiert Ada mit „nichts als Zitate“; und auch Perfezki selbst verkündet die „Devaluation des großen Wortes“ und „es gibt keine Wirklichkeit“. Alle Erkenntnisse, die der Leser aus den Dokumenten gewinnt, werden im Nachwort Andruchowytschs in Frage gestellt. Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen.

All das begeistert zwar den Literaturwissenschaftler, geht aber auf Kosten des Lesevergnügens. Die Charaktere bleiben flach und leblos, fragmentarisch eben, sie bilden kein sinnvolles Ganzes. Außerdem – der weniger intellektuelle Teil des Lesers will eben doch wissen, warum (beziehungsweise ob) Perfezki aus dem Fenster sprang, warum Ada ihn bespitzelt und wieso auf einmal schwarze Magie ins Spiel gebracht wird. Da der Roman viel mehr neue Fragen aufwirft als er klärt, helfen auch Andruchowytschs abschließende Erklärungsversuche nicht – Personen und Ereignisse scheinen in diesem Roman wirklich beliebig und austauschbar zu sein. Wenn man aber annimmt, dass es Andruchowytsch eher darum ging, einen postmodernen Roman zu schreiben, dann ist Perversion ein gelungenes Werk. Allerdings sollte man als Leser genügend Interesse an Kultur- und Literaturtheorie mitbringen, um auf zusammenhängende und sinnvolle Handlung verzichten zu können.

Juri Andruchowytsch: Perversion
Suhrkamp, 333 Seiten
Preis: 22,90 Euro
ISBN: 978-3518422496
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