„Wer bin ich?“

Umberto Ecos Der Friedhof in Prag führt den Leser in das späte 19. Jahrhundert in Frankreich. Es ist eine Zeit des politischen Umbruchs, in welcher der Protagonist lebt. Der Hauptmann Simonini begibt sich auf die Suche nach seiner Identität, derer er sich nicht mehr sicher ist. Die Frage, ob seine Persönlichkeit gespalten ist, soll sich über die Rekonstruktion der vergangenen Jahre in einem Tagebuch klären, da Simonini zu allem Überfluss auch sein Gedächtnis verloren hat.

von SARAH PLATH

Ecos italienischer Protagonist, welcher nach Frankreich auswanderte, ist beinahe jedem Menschen gegenüber feindlich gesinnt. Ob Juden, Deutsche, Frauen, Italiener oder Franzosen, er lässt sich über alle aus. Freunde scheint er nicht zu haben und wenn, dann hintergeht und verrät er sie, um daraus seine eigenen Vorteile zu ziehen. Er wirkt ausgesprochen kühl und bleibt es über den Verlauf des Romans auch. Gutes und teures Essen scheint ihm die einzige Freude zu bereiten, weswegen auch gerne mal komplette Rezepte aufgelistet werden.

Simonini ist von Beruf Notar und fälscht Dokumente, beziehungsweise fertigt Kopien von Originalen an, wie er es ausdrückt. Nebenbei arbeitet er als Spion, wobei er nicht selten mehr Menschen als nötig tötet und gegebenenfalls in der Kloake unter seiner Wohnung verschwinden lässt. Nebenbei ist er aufmerksamer Leser des Feuilletons und beschäftigt sich mit Romanen. Sein Hass und seine Affinität zu Literatur, sowie sein Vermögen Dokumente zu fälschen, führen ihn dazu den Friedhof in Prag zu verfassen. Das erfundene Dokument schildert ein Gespräch unter Rabbinern auf besagtem Friedhof. Das Thema ist die jüdische Weltverschwörung. Simonini verkauft das Dokument teuer in alle Welt, immer auf die Ängste der Kunden zugeschnitten, immer mit dem Ziel, den Hass gegenüber Juden zu verbreiten. Den  Juden massiv zu schaden, beziehungsweise sogar die im Buch erwähnte „Endlösung“ zu unterstützen, macht er sich zur Lebensaufgabe und leistet durch dieses Dokument seinen Beitrag. Davor, danach und währenddessen ist der skrupellose Simonini immer wieder in Morde und Intrigen verwickelt, dessen er sich eher schlecht zu erinnern vermag. An jenen Stellen greift der Abbé Dalla Piccola in das Tagebuch ein und hilft seinem Gedächtnis auf die Sprünge. Der Abbé deckt vor allem die düsteren Charakterzüge und Taten Simoninis auf, so dass dieser im Verlauf des Romans nicht unbedingt an Sympathie gewinnt. Auch über den Abbé erfährt man einiges, vor allem im hinteren Teil des Romans, in welchem seine Tagebucheinträge deutlich länger werden. So entwickelt sich das Tagebuch mehr und mehr zu einem Briefwechsel, in welchem die Gedächtnislücken gefüllt werden sollen, aber auch geklärt werden muss, ob der Abbé und Simonini zwei Personen oder ein und dieselbe sind. Diese Frage bleibt bis kurz vor Ende des Romans bestehen, ohne dabei uninteressant zu werden. Immer wieder finden sich Schnittpunkte in den Schilderungen und die Protagonisten scheinen auch dieselben Leute zu kennen. Gelegentlich greift ein weiterer Erzähler ein, welcher die Ereignisse auf das Nötigste kürzt. Dieser wirkt jedoch eher unpassend. Teilweise verliert man bei der gerafften Übersicht den Faden und bekommt den Eindruck, dass Eco einfach versucht, so viele historische Ereignisse wie möglich auf wenigen Seiten unterzubringen.

Die Erinnerungen gipfeln schließlich in einer schwarzen Messe, bei welcher man eine gewisse Komik nicht von der Hand weisen kann.  Der fromme Kirchenmensch Abbé Dalla Piccola berichtet mehrere Seiten lang über erstaunlich große männliche Geschlechtsorgane  sowie über nackte Frauen und das abstruse Lustspiel, das sich vor seinen Augen vollführt. Schließlich wird er selbst widerwillig Teil des satanischen Treibens. Diana, welche unter einer gespaltenen Persönlichkeit leidet, wechselt von ihrem christlich-frommen Dasein immer mal wieder in die Persönlichkeit einer durchtriebenen Palladistin und verführt in eben diesem Zustand den hilflosen Abbé. Die Schilderung dieser Erinnerung des Abbé klärt für Simonini schließlich endlich die Frage, ob er und der Abbé eine Person sind. Was bleibt, ist die einsame Gegenwart, in der Simonini noch einmal Teil der Geschichte sein möchte und den Juden einen letzten Schlag verpassen will.

Eco schafft es tatsächlich, dass man sich als Leser ins 19. Jahrhundert versetzt fühlt. Der historische Stoff wurde verständlich verarbeitet und überwiegt zwar allein dadurch, dass fast alle Charaktere historische Personen sind, wirkt jedoch nicht zu trocken oder zu zäh. Durch den großen geschichtlichen Anteil werden die Suche nach Identität und die Rekonstruktion der eigenen Vergangenheit immer wieder unterbrochen, wobei der Zusammenhang einiger geschichtlicher Daten mit Simoninis Leben sich nicht immer gänzlich erschließt. Dennoch ist der Roman unterhaltsam und eignet sich nicht nur für absolute Kenner der Geschichte des 19. Jahrhunderts, denn langweilig wird es nie.  Aufgelockert wird das Ganze noch durch Verbildlichungen verschiedener Szenen, die den Text immer wieder unterbrechen. Verliert man zwischen Rezepten, französischen Passagen oder einzelnen Wörtern oder auch ausführlichen historischen Verortungen einmal den Faden, so findet man dennoch immer relativ schnell zur eigentlichen Geschichte zurück und kann gespannt verfolgen, wie sich das Bild von Simonini vervollständigt.

Umberto Eco: Der Friedhof in Prag
Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber
Hanser, 528 Seiten
Preis: 26,00 Euro
ISBN: 978-3446237711
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