Ein Crash auf ganzer Linie

Die amerikanische Regierung versucht einen Kampfjet-Absturz über Washington zu vertuschen, doch die Presse setzt alles daran, die Wahrheit über diesen Unfall aufzudecken – so ungefähr äußert sich der Klappentext über Lorraine Adams’ Roman Crash. Die meisten Leser würden einen Thriller mit verzwickten Verschwörungen, nervenaufreibender Spannung und einen rücksichtslosen Kampf um die Wahrheit erwarten.  Leider werden ihre Erwartungen mehr als enttäuscht.

von Vanessa Pudlo

Der Roman beginnt mit dem mysteriösen Absturz der Pilotin Mary Goodwin, die mit schier unerschüttlicher Konzentration versucht, sich aus dem auf die Erde zusteuernden Flugzeug zu retten. Kurz darauf folgt ein Szenenwechsel. Der Leser findet sich nun zusammen mit dem Nachtredakteur in einer Zeitungsredaktion wieder, die widersprüchliche Nachrichten über den Absturz erhält, so beispielsweise, dass der Präsident der Vereinigten Staaten an Bord gewesen wäre. Und noch ein Szenenwechsel in die Villa von Don Grady und Mabel Cannon und ihrer Dinnerparty, die höchst brisante Diskussionen wichtiger Pressevertreter über politische Entscheidungen und einen sich andeutenden Konkurrenzkampf zwischen Don und Mabel Cannon offenbart. Es folgt ein Wechsel wieder zurück in die Redaktion, dann zu der verunglückten Pilotin die sich in einem Baum verfangen hat. Schließlich wird der Leser noch mit einem Mann namens Will Holmes bekannt gemacht, der scheinbar mit dem Weißen Haus zusammenarbeitet und die Meldungen über den Absturz manipuliert, um die wahren Gründe nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen.

Prinzipiell ist gegen einen solchen ständigen Perspektivenwechsel und mehrere verschiedene Handlungsstränge nichts auszusetzten, weil die verzwickten Irrungen und Wirrungen den Leser vor Spannung nahezu elektrisieren und ihn in den Bann des Geschehens ziehen. Doch bei diesem Roman muss man sich als Leser ständig fragen, worum es jetzt eigentlich geht. Es werden zu viele verschiedene Beziehungskisten präsentiert, die beim Lesen verwirren und den eigentlichen Flugzeugabsturz aus dem Mittelpunkt rücken. So beispielsweise der Machtkampf zwischen dem Chefredakteur Adam und Don Grady, der diesen Posten früher vertrat und nun als Autor der Zeitung wichtige Informationen vorenthält, um sie medienwirksam in seinem Buch zu veröffentlichen. Auch Mabel Cannon, Kolumnistin und Don Gradys Ehefrau, spielt in Crash eine zentrale Position Rolle, wieso das so ist, das bleibt jedoch ein Rätsel. Beruflich eher spärlich erfolgreich, emotional verwirrt und sexuell  frustriert, wird sie von den meisten Redaktionskollegen als schlicht „verrückt“ angesehen und wird scheinbar lediglich als die Frau des „großen Don Grady“ akzeptiert. Stanley, der Nachtredakteur und enger Vertrauter von Adam, betraut schließlich Vera mit dem Fall des Flugzeugabsturz und versucht ihr das zu ermöglichen, was er selbst nicht geschafft hat: den Durchbruch als Journalist.

Gleichzeitig wird immer wieder von der abgestürzten US Air Force Pilotin Mary berichtet, die zusammen mit ihrem Wingman Frank nach Afghanistan versetzt wird. Ihr Absturz geht auf die Kosten von Will Holmes, der für den Geheimdienst arbeitet  und ein neues Projekt ausprobieren wollte, mit dem man Flugzeuge fernsteuern und sie von ihrem Ziel abbringen kann. Mary, die von alledem nichts weiß, wird deswegen versetzt, damit sie keine Chance hat, diesen Vorfall  aufzudecken. Damit es der ganzen harten Szenerie auch nicht an Liebe fehlt, baut Lorraine Adams noch Franks heimliche Liebe zu Mary ein, von der sie jedoch nur aus Briefen erfährt, nachdem Frank schwer verletzt  und dem Tod näher als dem Leben im Krankenhaus liegt.

Das Lesen des Romans gestaltet sich sehr beschwerlich, was einerseits an den unübersichtlichen und scheinbar unzusammenhängenden Handlungssträngen, andererseits aber auch an dem unzähligen Militär- und US-Amerikanischem Politvokabular liegt, das Adams verwendet. Was ist z.B. ein „wingman“, ein „Sissy-Bericht“ oder eine „F-16“ ? Teilweise werden diese Begriffe im Verlauf des Romans zwar erklärt, größtenteils jedoch nicht, was einerseits das Verständnis  und  andererseits die Spannung beim Lesen trübt. Auch die Kapiteleinteilung erscheint schlicht überflüssig, da sie keinen konkreten und einheitlichen Perspektivenwechsel einleiten, sondern es einfach genauso weitergeht wie im Vorherigen.

Vielleicht suchte Lorraine Adams, die selbst  Journalistin bei der „Washington Post“ war, ein Ventil für das, was sie bei der Zeitung nicht veröffentlichen durfte: die Wahrheit über den Kampf zwischen Macht, Regierung und Gewalt. Leider ist ihr dies mit Crash nicht wirklich glücklich gelungen. An nahezu keiner Stelle gelingt es ihr, die Unwissenheit in Spannung umzuwandeln und den Roman zu dem zu machen, was man von ihm erwartet: einen fesselnden Thriller. Was nach der Lektüre dieses Romans zurückbleibt ist ein Leser, der nicht recht weiß, wie er diese verschiedenen Haupt- und Nebenhandlungen auf einen Nenner bringen soll. Kein Problem wird wirklich gelöst, alles verbleibt in einem Nebel der Ungewissheit.

Für Leser, die sich mit dem amerikanischen Regierungs- und Militärsystem auskennen, mag dieser Roman vielleicht an manchen Stellen plausibel und interessant erscheinen. Allen anderen wird er jedoch mehr Frust als Freude bereiten.

Lorraine Adams: Crash
Übersetzt aus dem Englischen von Miriam Mandelkow
Arche, Seiten 400
Preis: 19,90
ISBN: 3-7160-2670-0
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