Eine Reise zum Ursprung des Erzählens

Rafik Schami ist einer der größten zeitgenössischen deutschen Autoren, dessen Bücher bisher in rund 25 Sprachen übersetzt, und somit auf der ganzen Welt gelesen werden. In seinem neuen Buch Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte erzählt er, wie er eigentlich zu diesem leidenschaftlichen, mit unzähligen Literaturpreisen ausgezeichneten Erzähler geworden ist.

von ANNE-MAY MÜLLER

Rafik Schamis Erzählband ist in vielerlei Hinsicht wie eine Reise; eine Reise, auf die er den Leser mitnimmt, ja ihn förmlich mitreißt und in seine Welt eintauchen lässt. Es ist eine Reise in den fernen Orient, in Schamis Heimatstadt Damaskus, eine Zeitreise zurück in seine Kindheit und auch eine Reise durch die Sprachgeschichte, zum Ursprung allen Erzählens.

Schami beginnt sein neues Werk damit, zu erläutern, wie es überhaupt zu seiner Entstehung kam. Eine einfache Frage bringt Schami zum Nachdenken und irgendwie auch auf die Idee, dieses Buch über seine persönliche Geschichte zu schreiben. Eine Frage, die ihm eine Journalistin nach einer seiner Lesungen stellt. „Wie viele Lesungen haben Sie denn bisher gehalten?“ Eigentlich ist es mehr die Antwort als die Frage, die Schami überwältigt. In 30 Jahren hat er für insgesamt 2.321 Lesungen 362.723 Kilometer hinter sich gebracht. „Das heißt, vereinfacht, aber poetisch formuliert: In all den Jahren bin ich neunmal erzählend um die Erde gefahren“ resümiert Schami. Dies ist ihm Denkanstoß genug, um sich an den langen Weg, der in dorthin führte, zu erinnern und uns daran teilhaben zu lassen.

Das Buch ist in mehrere einzelne Erzählungen eingeteilt. Diese Erzählungen spielen allesamt in Damaskus und behandeln ganz persönliche Kindheitserinnerungen. Erinnerungen an die Stadt, die Familie und bestimmte Ereignisse, die natürlich stets etwas mit dem Erzählen von Geschichten zu tun haben und ihn geprägt haben. So wird anhand dieser Episoden erzählt, wie in Schami immer stärker der Wunsch aufzukeimen beginnt, selbst zum Geschichtenerzähler, zum Schriftsteller zu werden; sie enthalten aber auch Reflexionen über die Kindheit und über das Erwachsenwerden.

Jede dieser Erzählungen erklärt die frühe Faszination des Autors für Geschichten und die Kunst des Erzählens an sich und lässt auch den Leser diese Faszination des jungen Schami nachempfinden. Seine Liebe zu Märchen und Erzählungen aller Art ist eng verknüpft mit der Liebe zu seinem Großvater, der es verstand, seinen Enkel immer wieder mit seinen Erzählungen in seinen Bann zu ziehen. Schami erzählt die einzelnen Erinnerungen aus seiner Kindheit mit einer Intensität, die auch den Leser die Magie dieser Augenblicke spüren lässt. Deshalb ist jede dieser kleinen Rückblenden auch selbst ein erzählerisches Meisterwerk. Nicht ohne an einigen Stellen schmunzeln zu müssen, kann der Leser nun die eine oder andere märchenhafte Geschichte verfolgen. Da wäre zum Beispiel die titelstiftende Geschichte von der Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkauft, weil er ihr keine spannenden Geschichten erzählen kann, oder die Geschichte von dem Frisör, den Schamis Vater zusammen mit ihm besuchte. Ein Frisör, der kaum noch etwas sieht und Schami blindlinks einen furchtbaren Haarschnitt verpasst und ihm ins Ohr schneidet, sich aber als wunderbarer Erzähler erweist, da er zu jedem Sprichwort eine Geschichte kennt.

Schami berichtet quasi von all den wichtigen Berührpunkten mit Literatur und dem Erzählen. Hierzu zählt auch eine Radiosendung, die er allabendlich gespannt, zusammen mit seiner Mutter, verfolgt. Eine Sendung, in der jeden Abend eine Geschichte aus Tausendundeine Nacht vorgetragen wird. Auch die Geschichten, die vom Innenhof durch das Fenster hineinschallen und das Verschlingen von unzähligen Büchern, wenn Schami mal wieder mit einer schweren Krankheit im Bett liegt, gehören zu diesen entscheidenden Berührungspunkten. So leiht er sich auch während einer dieser schweren Krankheiten von einem Nachbarn Cervantes‘ Don Quijote aus. Die Geschichte des Ritters Don Quijote fasziniert ihn sehr, so sehr, dass er sie ein wenig zu seiner eigenen macht. In Augenblicken des Zweifelns und der Unsicherheit imaginiert er bis heute immer wieder Don Quijote und Sancho Panza herbei, die ihm dann beratend zur Seite stehen und es schaffen, ihn aufzubauen und neu zu motivieren. Doch nicht nur das, er sieht sich auch selbst als eine Art Don Quijote, der einige Prüfungen zu überstehen und einige Kämpfe auszufechten hat, auf seinem Weg zum erfolgreichen Schriftsteller. Diese Liebe zu Don Quijote rührt vor allem von Schamis Liebe zum gesprochenen Wort her, die er von seiner Mutter vermittelt bekam und die auch durch seine arabische Herkunft bedingt ist. Die große Faszination an Cervantes liegt für ihn in seiner Erzählweise, die der mündlichen Erzählkunst sehr ähnlich ist. Diese Verknüpfung von schriftlicher Literatur und mündlicher Erzählkunst schreibt sich auch Schami auf seine Fahne – und genau das macht seine Geschichten so großartig.

Insgesamt ist Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte ein Buch mit vielen verschiedenen Facetten. Dem Leser werden wundervoll anrührende Szenen aus der Kindheit des Autors geschildert, ihm wird ein magisches, märchenhaftes Bild der Stadt Damaskus nachgezeichnet, ihm werden ganz kuriose und wundersame Geschichten erzählt und gleichzeitig wird ein literatur- und sprachwissenschaftlicher Diskurs angesprochen. Es wird beispielsweise über die Geschichte von Sprache, Schrift und mündlicher Erzählung nachgedacht und über ihre Beziehung diskutiert. Es ist definitiv ein Buch für Menschen, die schillernde und bezaubernde Geschichten zu schätzen wissen. Es ist aber genauso ein Muss für literaturwissenschaftlich interessierte Leser.

Rafik Schami: Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte
Carl Hanser: 176 Seiten
Preis: 17,90 Euro
ISBN: 978-3446237711
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