„Ich lebe alleine in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate. Wir haben es wahnsinnig gemütlich.“

„Ich lebe alleine in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate. Wir haben es wahnsinnig gemütlich.“ So beginnt Hallgrímur Helgasons Roman Eine Frau bei 1000°.

von REBECCA LOY

Helgason ist bereits durch seine Romane 101 Reykjavík und den Bestseller Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen bekannt und liefert nun Nachschub mit seinem neu erschienenen Roman Eine Frau bei 1000°.

Der Untertitel Aus den Memoiren der Herbjörg Maria Björnsson verrät bereits, dass die 80-jährige, an ihr Bett gefesselte, vom Leben gezeichnete, merkwürdige Frau, die sich im Internet unter falschem Namen herumtreibt, die Protagonistin dieses Werkes ist.

Bereits zu Beginn ruft sie selbst im Krematorium an, um den Ofen für ihre eigene Verbrennung vorzubestellen. Doch nicht allein diese Tatsache bringt den Leser auf die Idee, dass es sich bei Herbjörg Maria Björnsson um eine skurrile und teilweise schrullige alte Dame handelt, ihr ganzes Verhalten ist sonderbar für eine 80-Jährige.

Im Verlauf des 400-seitigen Romans erzählt die Protagonistin schonungslos und ohne Aussparungen ihre Lebensgeschichte. Diese wurde durch den zweiten Weltkrieg, die Geschichte ihres Heimatlandes Island, verschiedene Lebensgefährten und ihre familiären Umstände beeinflusst. Auch von vielen Reisen wird berichtet, denn nicht nur im nationalsozialistischen Deutschland, sondern auch in Paris, Kopenhagen und Argentinien hat sie gelebt.

Wer bei dem anfänglichen Zitat eine unterhaltsame, leicht verdauliche und lustige Lebensgeschichte erwartet, wird schon nach wenigen Seiten eines Besseren belehrt und muss sich auf eine oftmals sehr ernsthafte Lebensgeschichte einstellen. Herbjörg, genannt Herra, ist keineswegs eine fröhliche alte Dame, die zufrieden und stolz auf ihr Leben zurückblickt. Dieses lange Resümee ihres Lebens ist mit viel Abscheu, Enttäuschung und freudiger Erwartung auf den Tod verknüpft, welchen sie selbst auf den 14. Dezember datiert.

Als Tochter einer angesehenen und hochrangigen Familie Islands, bei der äußerlich immer alles im Lot zu sein scheint, doch hinter deren Fassade es ordentlich bröckelt, kommt sie zur Welt. Ihr Vater schließt sich den deutschen Nationalsozialisten an und die kleine Familie zieht nach Deutschland, wo Herra den Krieg als Heranwachsende in all seiner Härte und Grausamkeit erfahren muss. Doch auch positive Ereignisse dieser Zeit greift sie auf, wie zum Beispiel die vertrauensvolle und intensive Beziehung zu ihrer Mutter oder das bedeutende Geschenk ihres Vaters (die Handgranate), die ihr als Verteidigungsmittel dienen soll, aber niemals zum Einsatz kommt. Die Trennung von den Eltern, Tod, Vergewaltigung, Hunger und Flucht bestimmen fortan ihr Leben und machen sie wahrscheinlich zu der späteren merkwürdigen Person, die komische Beziehungen zu Männern führt und kaum Kontakt zu ihren drei Söhnen und ihren Enkelkindern hat.

Auf den 400 Seiten erzählt die Protagonistin umfassend und detailliert von ihrem Leben, vom Kennenlernen ihrer Eltern bis in die Gegenwart, die sie in einer Garage verbringt und in der sie sich von Pflegekräften versorgen lässt. Doch oft führt diese keinesfalls chronologische Erzählung zu Verwirrungen beim Lesen. Sicherlich ist dieser Aufbau dem realen, rückblickenden Erzählen einer alten Frau nachempfunden, doch hat man als Leser nicht nur Probleme mit der richtigen Einordnung der Ereignisse, sondern auch mit Orts- und Personennamen. Ein isländischer Ort hat für uns wenig Erinnerungscharakter und erschwert somit oftmals die Einordnung und die Verbindung zu anderen Ereignissen, was jedoch durch eine kurze isländische Landeskunde behoben werden kann. Sonst lässt sich der Roman leicht lesen und fordert den Leser nicht mit großen Sprachphänomenen heraus.

Eine Besonderheit dieses Romans sind sicherlich die skurrilen Charaktere, die auftauchen und Herras Weg kreuzen. Denn nicht nur Herra ist sonderbar, sondern auch die Frau, die sich den deutschen Soldaten hingibt, damit ihr Mann verschont wird, oder der zum Tode verurteilte, feige Soldat, oder der behinderte Mann, welcher sich selbst als „Halber Hitler“ bezeichnet. Diese Charaktere machen den Roman, der sich streckenweise etwas zieht, interessant, und auch der Facettenreichtum (das Sonderbare, der Galgenhumor, das Ernsthafte, das Traurige, das Ekelhafte und das Geschichtliche) machen den Roman spannend, sodass man dranbleibt und mit Herra auf den 14. Dezember zu fiebert.

Wird es wirklich soweit kommen, dass Herra ihren eigens angesetzten Verbrennungstermin einhält, oder kommt doch ein neuer Lebenswille?

Hallgrímur Helgason: Eine Frau bei 1000°
Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Tropen bei Klett-Cotta, 400 Seiten
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3608501124
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