Nichts sagen. Lächeln.

Marlene Streeruwitz hat mit ihrer aktuellen Veröffentlichung Die Schmerzmacherin einen zutiefst beklemmenden, verstörenden und gerade deshalb außerordentlichen Roman hervorgebracht.

von MATTHIAS LUDWIG

Auch in ihrem derzeitigen Werk brilliert die österreichische Schriftstellerin und Regisseurin abermals durch eine für sie typische schonungslose und psychologisierende Betrachtungsweise menschlicher Schicksale. Auf 400 Seiten führt sie den Leser, oftmals mittels stakkatohafter Sätze und bruchstückhafter Formulierungen, durch eine Welt voller Zweifel und Qualen, in deren Mittelpunkt die angehende Sicherheitsexpertin Amy steht.

Ein Leben nicht nach Plan

Irgendwo in der bayrisch-tschechischen Grenzregion, in der Einsamkeit, im tiefsten Winterschnee, beginnt die Odyssee der 24-jährigen Amalia Schneider. In ihrem alten Kia bahnt sich Amy, bewaffnet mit einer Flasche Wodka, ihren Weg durch eine verwaiste, vor Kälte erstarrte, kaum befahrene Gegend. Sie ist auf dem Weg zu einem Ausbildungscenter des internationalen Sicherheitskonzerns Alsecura. Dort soll sie zu einer „Schmerzmacherin“ geschult werden.

Amy ist das Exempel einer Generation, deren Hoffnungen auf ein  gradliniges, geordnetes Leben unerfüllt blieben. Ein gescheitertes BWL-Studium, dann etliche Jobs, bis sie zuletzt (durch das Einwirken ihrer wohlhabenden Tante Marina aus London) eine Ausbildung bei einem privaten Sicherheitsunternehmen beginnt. Während dieser Ausbildung lernt Amy die perfiden Machenschaften privater Sicherheitsunternehmen kennen und erfährt diese auch am eigenen Leib. In Gruppensitzungen, die Amy nur dank des Wodkas zu überstehen vermag, werden Fälle analysiert und mögliche Lösungsansätze entwickelt. Die Entführung eines Mitarbeiters aus einem afghanischen Gefängnis ist dabei genauso ein Thema wie die effizientesten Methoden, Gefangenen Informationen zu entlocken.

Amy muss ihr theoretisch erworbenes Wissen jedoch auch in praktischen Situationen unter Beweis stellen. In Übungseinheiten soll sie einen auf einer Liege gefesselten, halbnackten Mann verhören. Ein anderes Mal wird sie selbst befragt. Dass während solcher Übungen neben der ständigen psychischen Gewalt auch physische Übergriffe stattfinden, ist womöglich auch eine Ursache für Amys steigendes Unvermögen, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.

Amy passt nicht in das „compound“. Es liegt nicht nur an der stetig steigenden psychischen Belastung, die sie zu erdrücken droht. Auch ihre Teamkollegen lassen sie das deutlich spüren. Da sind zum einen Heinz und Anton, die allen Ereignissen mit einer unerschütterlichen Gleichgültigkeit begegnen, zum anderen die noch von der Stasi ausgebildete Cindy, die keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegenüber Amy macht. – „Du glaubst, dass du etwas Besseres bist als ich, weil du schön bist.“ Selbst für ihren Supervisor Gregory „stellt sie [Amy] kein Material dar, und das wird auch nicht mehr.“

Amy ist keine Schmerzmacherin, sie ist eine Frau voller Schmerzen. Sie wird drangsaliert und peinigt sich selbst, nur um in der Lage zu sein, in ferner Zukunft andere Menschen zu quälen. Neben den Strapazen ihrer Ausbildung ist es auch vor allem ihre eigene Biographie, die sie belastet. Als Kleinkind von ihrer drogenabhängigen Mutter verstoßen (der Vater ist nicht bekannt), wuchs sie in einer Pflegefamilie auf, zu der sie jedoch erst nach der Krebserkrankung ihrer Pflegemutter eine engere Beziehung aufbauen kann. Mit ihrer wohlhabenden Tante Marina, der sie ihren Ausbildungsplatz verdankt, verbindet sie eine konfliktbeladene Beziehung. Marina will ein Restitutionsverfahren in die Wege leiten, wobei ihr nur noch Amy im Weg steht. Amys Abneigung Marina gegenüber veranlasst sie sogar in Erwägung zu ziehen, dass sie ihren Ausbildungsplatz nur bekam, um dann bei einem gefährlichen Einsatz ermordet zu werden.

Amys albtraumhafte Irrfahrt gipfelt in einer Nacht, in der Unbekannte ihren Liebhaber Ingo (ein Hotelangestellter und Freizeitgigolo) brutal zusammenschlagen und sie vergewaltigt wird, an die sie sich jedoch nicht erinnern kann. Ab diesem Punkt überschlagen sich die Ereignisse förmlich. Amy steht vor der Wahl, sich dem Druck zu beugen und zu zerbrechen, oder ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Mitleiden, um zu verstehen

Mit Die Schmerzmacherin legt uns Marlene Streeruwitz ein Werk vor, das durchaus verdient hätte, den diesjährigen Deutschen Buchpreis zu gewinnen. Sie präsentiert uns ihre Figur Amy als einen Menschen, der paradigmatisch für unsere Zeit ist. Amy ist keine reine Heldin. Sie ist eine Heldin, die Opfer widriger Umstände wird, sich jedoch ebenso in eine Täterin wandelt, sofern es die Lage verlangt. Was uns Marlene Streeruwitz hier präsentiert, ist mitnichten eine einfache Lektüre. Viele Fragen bleiben ungeklärt, was beim Leser ein Gefühl der Verunsicherung und Beklemmung hinterlässt. Es sind jedoch genau diese Gefühle, die dem Leser Amys Tragik verdeutlichen. Man wird gezwungen, die ganze Breite ihrer Gefühle mitzuerleben. Dies führt dazu, dass man sich bei der Lektüre ebenso oft überfordert fühlt wie die Protagonistin selbst. An diesen Punkten verlangt der Text vom Leser so wie auch von Amy den Versuch zu unternehmen, Herr der Lage zu werden.

Marlene Streeruwitz bleibt sich auch in diesem Roman treu. Gekonnt verarbeitet sie aktuelle Diskussionen, hinterleuchtet politische und gesellschaftliche Themen. Sie provoziert ihre Leser, sich intensiv mit ihrem Werk zu befassen. Bei Die Schmerzmacherin handelt es sich zweifellos um ein Glanzstück der aktuellen deutschsprachigen Literatur.

Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin
S. Fischer, 400 Seiten
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3100744371
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Ein Gedanke zu „Nichts sagen. Lächeln.

  1. Eine gute Rezension, aber die Darstellung der Romanfigur Amy gerät meiner Ansicht nach zu detailliert und bekommt porträthafte Züge- für eine Rezension sicherlich zu ausführlich. Ich persönlich mag das den Leser- vereinnahmende „uns“ nicht, aber das ist sicher Geschmacksache 🙂

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