Seemannsgarn für Experten

Von Experten erwarten wir gemeinhin keine Lügengeschichten, sondern fundiertes Fachwissen. In Dieter Kühns kürzlich bei Fischer erschienenem Kurzgeschichtenband bildet Erfundenes und Fundiertes keinen Gegensatz, sondern mischt sich zu einem bunten Potpourri, aus dem man schwerlich herausfiltern kann, was frei erfunden ist und was nicht.

von SARAH ZIMMERMANN

Der programmatisch klingende Titel Den Musil spreng ich in die Luft ist insofern irreführend, als dass jeder, der ihn liest, wahrscheinlich sofort an den bekannten Schriftsteller Robert Musil denkt. Über den hat Kühn aber schon promoviert und so dachte er sich wohl: Warum nicht mal über dessen Cousin, den Orientalisten Alois Musil schreiben?

Um an dieser Stelle nicht schon wieder das abgegriffene Bild der Reise zu bemühen, auf die gute Bücher ihre Leser angeblich mitnehmen, wähle ich hier das nicht minder strapazierte, aber passendere Bild der Irrfahrt. Diese führt quer durch die Zeitgeschichte, ab etwa 1830 bis 1945, und klappert deren prominenteste Vertreter ab: Einmal assistiert ein Protagonist Beethoven, inspiriert Goethe und doublet E.T.A. Hoffmann, ein anderes Mal fälscht einer in Görings Auftrag alte holländische Meisterbilder. Und nein, hier geht es nicht etwa um den bösen Nazi-Göring, sondern, natürlich, um seinen Bruder, der die Nationalsozialisten nicht mochte.

Die Leben realer historischer Persönlichkeiten werden mit einigen Details angereichert und  immer wieder treffen sie auf erfundene Charaktere. Diese sollen sich aber so ins Geschehen einfügen, als hätten sie wirklich existieren können.

Der Band enthält sechs Kurzgeschichten, welche sich jeweils einleitend als Drehbuch, Brief oder Rechenschaftsbericht deklarieren, an verschiedene Adressaten richten, u.a. die Deutsche Schillerstiftung oder das Königlich Belgische Landgericht.

In der ersten Geschichte, mit dem lockenden Titel „Da gab mir Beethoven einen Kuss“, wendet sich Protagonist Lyser, als verkanntes Genie natürlich chronisch pleite, zwecks Erbettelung von Fördermitteln an die Deutsche Schillerstiftung. In geschwollenem und ausschweifendem Ton berichtet er anekdotisch aus seinem echt bewegten Leben, wobei er sich öfter selbst widerspricht und daher äußerst unglaubwürdig erscheint.

Hier ist der Erzählerton besonders nervtötend-historisierend und gipfelt in zotigen Anekdötchen, in denen Lyser prahlt: „…mal liebte ich in einem Iglu ein Eskimomädchen auf erst hartgefrorenem, doch recht bald schon dampfenden Fell, mal brachte ich mit einem Südseemädchen eine Basthängematte zu heftigem Schaukeln zwischen kokosnussschleudernden Palmen.“

Spätestens an dieser Stelle drängen sich mir Bilder von wohlig kichernden Großvätern in Lehnstühlen auf, die an solchen kleinen Unanständigkeiten sicherlich ihre helle Freude haben werden. Altherrenhumor vom Feinsten, für unter 70-jährige aber nur schwer erträglich. Wenn Lyser, den es übrigens wirklich gab, dann im Laufe der Geschichte auch noch „Leibeigener der Lust“ eines 14jährigen singhalesischen Mädchens wird, ist wirklich für jeden Geschmack was dabei.

Auch der Autor hat sich beim Niederschreiben dieser Zeilen bestimmt königlich amüsiert, zumindest klingt es so. Gespickt sind alle Geschichten auch mit Verweisen Kühns auf sein eigenes Werk, so lässt er beispielsweise seine Figuren plattdeutsche Märchen verfassen oder den Meisterfälscher feststellen, dass er seinerseits plagiiert wird. Das Oeuvre Kühns ist denn auch noch unübersichtlicher als die Figuren dieses Bandes. Neben zahlreichen Biographien hat er u. a. Hörspiele und Theaterstücke inszeniert, außerdem mittelhochdeutsche Texte übersetzt und sich noch anderweitig hervorgetan. Das Spiel mit Wahrheit und Fiktion scheint ein besonderes Hobby dieses Autors zu sein, welches er gern und oft in seinen Texten betreibt. Warum, bleibt unklar. Wollte man wirklich nachvollziehen, was da wahr ist und was erfunden, müsste man seinen Beruf wohl vorübergehend aufgeben.

Gegen Ende mahnt sich Drehbuchautor Erckmann, der gleich in zwei Erzählungen verwurstet wird: „Höchste Zeit, dass ich mir Einhalt gebiete! Es beginnt sich selbstständig zu machen, was eher zufällig sein Stichwort erhielt.“ Damit stellt er zugleich die Diagnose für diesen Geschichtenband. Kühn, durch sich selbst anscheinend extrem beflügelt, findet kein Ende. Sein Wissen und Halbwissen sprudelt nur so aus ihm hervor, Wahrheit und Fiktion vermischen sich zu einem zwar genießbaren Geschichten- und Geschichtsgebräu, dem aber sehr viel künstliches Aroma beigemischt wurde.

Dieter Kühn: Den Musil spreng ich in die Luft
Fischer, 304 Seiten
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3100415165
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3 Gedanken zu „Seemannsgarn für Experten

  1. …Deine Lästerei ist genauso langweilig und unpointiert wie das Buch zu sein scheint. Bis zum dritten Absatz ist es noch amüsant, dann wird es zäh.
    Das gilt im übrigen für die meisten der Kritiken auf diesem Blog…

  2. Ich fand diese Kritk ganz wunderbar – die selbstreflektierte Wahl der einleitenden Metapher fand ich sehr angenehm, die „Lästerei“ hat mich etwa so amüsiert wie 70jährige alte Herren vermutlich über die Kühn’schen Zoten schmunzeln (und es war durchaus noch professionell gehandhabt von der Rezensentin) und der Schluss war rund, wobei die Metapher wieder eben nicht (!) klischeebeladen war.

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