Fische muss man retten – Romane nicht unbedingt

Der Roman Fische retten der belgischen Autorin Annelies Verbeke ist die Geschichte einer Frau, die vor verlorener Liebe und Schreibblockade kopfüber in den Umweltschutz flüchtet – und so wie diese 185 Seiten lange Posse klingt, liest sie sich dann auch.

Von THOMAS KRUCZINSKI

Der Roman ist kurz und teils mehr als unwahrscheinlich erzählt. Die Protagonistin, eine Frau namens Monique Champagne (und man sollte sich an dieser Stelle bewusst machen, sich nicht in einem belgischen Grenzbordell zu befinden) war bis vor kurzem Schriftstellerin und hat sich nun fluchtartig, nachdem sich ihr Lebensabschnittsgefährte erfolgreich von ihr getrennt hat, dem Umweltschutz, respektive dem Retten der Fische, verschrieben.

Durchgeführt wird das Ganze durch das lyrisch-prosaische Aufwerten von Kongressen, die sich mit der weltweiten Überfischung beschäftigen; zustande kommt dieses Arbeitsverhältnis ganz unspektakulär durch den Telefonanruf eines Auftraggebers, der durch einen bereits erschienenen Beitrag auf Monique aufmerksam geworden war. Diese fliegt dann auch putzmunter, nur aufgrund Mail- und Handykontaktes mit dem eben erwähnten Auftraggeber, in der Weltgeschichte herum – ohne ihn jedoch auch nur einmal zu Gesicht zu bekommen oder irgendetwas vertraglich Relevantes in der Hand zu halten.

Auf dieser Reise lernt sie dann zwei weitere elementare Charaktere kennen, die sich ebenfalls für den Schutz der Fische engagieren; jedoch sind Michaela und Oskar eher auf der wissenschaftlichen Seite verhaftet. Die Erste verwechselt Monique mit einer ehemaligen Bekannten – wobei die Protagonistin diese Identität nur zu gerne annimmt – und Oskar ist ein an der psychopathologischen Schmerzgrenze verhafteter Biologe und Möchtegern-Schreiber, dessen Romandebüt Monique mehr beeindruckt, als sie zugeben möchte.

Nach wenig weiterem Hin und Her gibt es eine anscheinend metaphysisch aufgeladene Begegnung mit einem verwirrten älteren Ehepaar, dann eine mehr als verstörende asexuelle Nacht mit Oskar, und der Identitätsklau fliegt ebenfalls auf. Monique findet im Anschluss trotzdem einen geeigneten Partner für akzeptablen Geschlechtsverkehr, trennt sich jedoch wieder und versucht, zum gespielten Erstaunen des Lesers, eine weitere physische wie mentale Flucht sowie abschließend einen Suizid. Dieser lässt sie im Wasser, das als Mittel ihres vorzeitigen Ablebens genutzt werden sollte, dann auch irgendwie wiederauferstehen – Wasser als metaphorische Parallele zum Buchtitel und die Wiedergeburt als irgendwas Anderes. Das Problem des Romans kommt hier ganz deutlich zum Tragen: Das Schicksal der Protagonistin, dieser Frau mit dem unmöglichen Namen, interessiert niemanden. Wirklich nicht. Ehrlich.

Das ganze Buch ist dramatisch lau konzipiert, ständig wartet man auf mehr narrative Tiefe, kämpft zumindest auf den ersten 39 Seiten ständig gegen die konstante Weigerung an, den Text weiterzulesen, und lässt sich schlussendlich mutig mit dem Erzählstrom dahindümpeln. Und trotz halsbrecherischen weiteren Verfolgens der Romanhandlung entwickelt sich leider nicht das wichtigste Elemente in einem solchen Text: das Interesse an der Hauptfigur. Es ist einem bereits sehr früh sehr egal, was aus der Protagonistin wird und wie sie sich im Handlungsverlauf entwickelt; man möchte ihren Gedanken nicht unbedingt folgen, vertraut jedoch darauf, dass ab späteren Kapiteln alles besser wird: vergeblich.

In kurzen, stakkatohaften Hauptsätzen schließen sich Klischee-Situationen an stumpfe schematische Dialoge und vorhersehbare pseudo-dramatische Wendungen an, wodurch das Gesetz der fiktionalen epischen Realität durchbrochen wird und die Szenen einfach unglaubwürdig werden – eine Schonfrist existiert in diesem Werk diesbezüglich nicht, die kurze Exposition weist dieses Merkmal bereits unübersehbar auf. Der Identitätsklau sowie die Tatsache des nur per Fernkommunikation laufenden Projektauftrages geben der Kritik hier Recht. Die häufige Nennung der Protagonistin durch den Vor- und den luxuriös verorteten Nachnamen macht im Anschluss daran ebenfalls Mut zum Weglegen des Buches; Erinnerungen an Sätze aus diversen Groschenromanen werden wach, in denen der Name des Helden vertraglich im zweistelligen Bereich auf einer Seite zu erscheinen hatte. Lesermotivation lassen diese Reminiszenzen nicht aufkommen.

Falls man sich auf die drei primär geschilderten Charaktere konzentrieren möchte, ist Monique als Hauptfigur eher der große passive Teil. Michaela scheint von allen die Vernünftigste zu sein, trotz dem eingewobenen Verwechslungsmotiv, das man glauben mag oder nicht, doch Oskar ist unbeabsichtigter Weise der Interessenschwerpunkt – zumindest für den aufmerksamen Leser. Ein Biologe, der nebenbei schreibt und auf perverse Gewaltspielchen steht, der Monique sein Romandebüt anvertraut, in dem man sich über die autobiographische Komponente nie wirklich sicher ist, und bei dem ein relativ großer unüberwindlicher Rest eines Geheimnisses bleibt, das den Leser an dieser Stelle wirklich zur Aufklärung zwingen könnte, wenn – ja, wenn nicht die Tatsache existieren würde, dass gerade an diesem Plot der Figur nicht weitergearbeitet, sondern er einfach nur ohne Konklusion beendet wird. Oskar tritt nach der besagten Nacht nicht mehr in Erscheinung und das letzte Quäntchen Rezeptionsmotivation verlässt mit ihm die Bühne. Sein Debütroman, ganz davon abgesehen, macht an den Stellen, die ihn auf zweiter Erzählebene darstellen, in den ersten Sätzen schon mehr Eindruck als der eigentliche Romantext selbst; doch darauf darf man dann in den letzten Kapiteln auch verzichten.

Doch kommen wir mal zu etwas Positivem. Schlicht und einfach wichtig und richtig sind die im Roman untergebrachten Fakten zur weltweiten Überfischung, die auf mehr als anschauliche Art und Weise die moderne maschinelle Tötung gesamter Artenbestände von Meeresbewohnern schildern. Und wofür gibt es diese perverse Industrie? Warum ist sie so groß und so verdammt illegal geworden? Damit man am Markttag seinen frischen Fisch zu fast jeder Jahreszeit mit nach Hause nehmen kann. Fakten und Informationen bezüglich dieses Themas machen einen sehr geringen Teil von Verbekes Text aus – was sehr schade ist, denn umgekehrt hätte man so einen größeren Nutzwert des Romans belegen können. Leider, oder besser gesagt zum Glück, gibt es am Ende des Buches eine kurze Bibliographie der Wissenschaftsliteratur, aus der die Autorin ihre Informationen zusammengetragen hat. An dieser Stelle sei dem Leser zu empfehlen, lieber diese Lektüren zu erwerben, als den eigentlichen Text zu kaufen.

Dementsprechend verankert sich dann auch der Gedanke, dass Verbeke den Stoff über die Vernichtung der weltweiten Fischbestände auch nur genutzt haben könnte, um ihren Text besser zu vermarkten. Allegorisch kann man die Thematik des Liebesschmerzes und fehlgeschlagenen Lebens der Protagonistin nicht auf Anhieb in Zusammenhang mit der Überfischung der Meere bringen. Denn der Text lässt in seiner Bearbeitung keine wirklichen Rückschlüsse zu. Und selbst unter unwirklichen, analytisch utopischen Momenten ist der Bezug beider Themen mehr als fraglich. Denn immerhin kann man, um beim Thema zu bleiben, einem seichten Gewässer keine Tiefe unterstellen, die es nun einmal, auch unter den günstigsten Umständen, einfach nicht aufweisen kann. Persönlich möchte ich der Autorin nichts unterstellen, doch bleibt bei mir ein Restverdacht der medialen Aufmerksamkeitserhaschung bestehen.

Und dies alles macht das deprimierende Element des Romans aus. Denn die Autorin kann es besser: Dies erkennt man ganz leicht an den Zeilen des Aufsatzes für die Kongressteilnehmer, den Monique anfänglich vorzutragen hat; er enthält passende Metaphern und wunderschöne Allegorien, ist stimmig zu lesen und erweckt ein stechendes Mitgefühl den wehrlosen Wesen gegenüber, denen selbst heute noch, aus einigen Bereichen des modernen Lebens, Gefühle und Empfindungen abgesprochen werden. Auch scheint Verbeke zumindest ein Gefühl für dramatische Textkomposition zu besitzen, denn an den Ausschnitten des Debütromans von Oskar erkennt man, dass es die Autorin fertig gebracht hat, Spannung und Dramaturgie auf das Papier zu bringen. Nur leider auf der falschen Textebene.

Der Identitätsklau, die Flucht Moniques vor der Wahrheit der Realität – ihrer eigenen zumindest – und der eher soziopathisch anmutende Biologe Oskar lassen doch genug Spielraum für ein gutes Setting. Und das Kapitel, am Ende des Buches gelegen, welches den Leser über die schwammige Vergangenheit Moniques aufzuklären versucht: in seiner Struktur aus einzelnen kleinen Absätzen im Bewusstseinstrom zusammengesetzt, ist es sprachlich kein Neuland, doch auf erster Textebene das Aushängeschild des Romans.

So bleiben am Ende nur Versatzstücke, die man mit dem Begriff „gut“ bewerten kann – und davon eben nur ein kleiner Teil als eigentliche Handlung. Alles in allem ist Verbekes Roman womöglich autobiographischer zu sehen, als sich die Autorin selber eingestehen würde: denn der Versuch Moniques, eine Ersatzhandlung für ihr zersplittertes Leben zu annektieren, bleibt hinter ihren eigenen Erwartungen zurück, so ethisch sie auch angelegt seien mögen. Und so bleibt der Text ebenfalls hinter den Erwartungen des Lesers – und womöglich auch der Autorin – zurück, auch wenn der Leser dem eher handlungsirrelevanten ethischen Teil zustimmen mag. Ein schlechtes Buch wird durch das Verstecken hinter aktuellen Umweltthemen einfach nicht besser.

 

Annelies Verbeke: Fische retten
Mareverlag, 192 Seiten
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 978-3866481442
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Ein Gedanke zu „Fische muss man retten – Romane nicht unbedingt

  1. Nachdem ich das Buch Gestern ratlos zu Ende gelesen habe, suchte ich nach einer Rezension. Ich kann dem hier geschildertem nur zustimmen. Eine dahinschwurbeldene Geschichte mit teils unglaubwürdigen Handlungsbeteiligten und immer wieder auftauchende Versatzstücke lassen einen schon nach kurzer Zeit verzweifeln. Die kurze, aber heftige Sexszene in Wladiwostok rettet dann auch nichts mehr. Schade. Ich denke sie kann es besser, das lässt sich an einigen Stellen erahnen.

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