Männerpoesie auf vier Rädern

Triste Dörfer, fremde Völker und ein klappriger Fiat Ducato: Andrzej Stasiuks Roman Hinter der Blechwand nimmt den Leser mit auf eine Reise durch Südosteuropa. Und auf eine Reise in die Neunziger, nach dem Zerfall der UdSSR.

Von ANNIKA MEYER

Paweł und Władek verkaufen Secondhandkleidung. Mit einem alten Kleintransporter fahren sie durch Polen, die Slowakei, Ungarn. Die Aufgabenverteilung ist klar – Paweł fährt, Władek redet. Sowohl im Auto als auch mit den eher skeptischen Kunden. In beiden Fällen ist die Sprache sein Werkzeug: Er überrumpelt die potentiellen Käufer und geht während der langen Stunden auf der Straße auf gedankliche Exkursionen in die Vergangenheit, die vor seiner und Pawełs gemeinsamer Zeit liegt. Stasiuk beschreibt ein Südosteuropa, das sich langsam durch die Globalisierung verändert. Bunte Billigware aus China wird für Paweł und Władek eine ernsthafte Konkurrenz und oft reicht ihr Verdientes nur für Zigaretten und einen halben Tank. Als sich die beiden fliegenden Händler einem Jahrmarkt anschließen, wird aus dem ansonsten sorgenfreien Leben jedoch gefährlicher Ernst.

Stasiuks Wortwahl ist knapp, aber präzise. Mit einem unglaublichen Auge für Details und einem Gespür für die richtigen Worte lässt er selbst die trostloseste Stadt poetisch aufleben. Auf den knapp 350 Seiten geschieht relativ wenig, stattdessen hält die Atmosphäre den Leser gefangen.

Der Roman ist eine Art Road Novel. Ständig wechselt der Ort des Geschehens, durch viele eingeschmissene, meist unbekanntere Ortsnamen und die fehlende Nennung von Jahreszahlen oder Zeitabständen fällt es schwer, sich zeitlich und geographisch zu orientieren. Auch beim Lektüreprozess befindet man sich auf einer Reise – Stasiuk ist der Reiseführer. Das Ziel ist keine Touristenhochburg, sondern Medziborie, Orla und letztendlich Istanbul. Dass Paweł als Ich-Erzähler in der Rahmenhandlung von seinem gegenwärtigen Leben ohne Władek und ihrem Secondhand-Verkauf berichtet, macht es einem nicht leichter. Die Erzählungen wechseln teilweise ohne Absatz, scheinbar harmlose Zustände dienen als Auslöser. Allmählich durchblickt man mit [Sarah1] den einzelnen Geschichten, die Paweł erlebt und erzählt, und die er einst von Władek zu hören bekam, wie das Geschäft mit Secondhandkleidung entstand, wie sich die Beziehung der beiden im Laufe der Zeit verändert und wie es schließlich zum Bruch kommt. Die im Klappentext angekündigte Verfolgungsjagd um Leben und Tod fällt dafür überraschend unspektakulär aus. Wieder sind es die Feinheiten der Beschreibung, nicht die Handlung per se, die den grausamen Reiz der Szenen ausmachen. Ob einem das auf inhaltlicher Ebene fast schon kitschige Ende zusagt, darf jeder selbst entscheiden.

Mit Hinter der Blechwand zeigt Stasiuk ein Bild des Ostens, das zwischen Melancholie und Aufbruch, zwischen Verträumtheit und Tristesse zu verorten ist. Władeks Erzählungen bieten zusätzlich einen Einblick in eine Zeit vor der Globalisierung Südosteuropas, in der Kaffee noch in großen Taschen von Wien nach Budapest geschmuggelt wurde und Kleidung noch nach Kleidung statt nach Plastik roch. Einiges bleibt bei der Lektüre im Unklaren, groß daran stören muss man sich aber nicht. Stasiuks Sprachgewalt stimmt den Leser mehr als versöhnlich, zugleich aber auch gespannt, nachdenklich und traurig.

Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand
Suhrkamp, 349 Seiten
Preis: 22,90 Euro
ISBN: 978-351842254
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