Brückenbau zwischen Fiktion und Historizität

Mathias Énards Roman Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten entführt Michelangelo Buonarroti in ein berauschendes Konstantinopel des 16. Jahrhunderts. Im Jahr 2010 erhielt er hierfür bereits den „Prix Goncourt des lycéens“. 2011 kann die Geschichte des Brückenbaus über das goldene Horn endlich auch in deutscher Sprache auf seine historische Glaubwürdigkeit überprüft werden.

Von ASTRID MEIER

Von Papst Julius um seinen Lohn für dessen Grabbau geprellt, kehrt Michelangelo Buonarroti im Jahr 1506 nach Florenz zurück. Hier wird er bald von Boten des Sultan Bayezid aufgesucht, um ihm sein bisher größtes Auftragsangebot zu machen: Michelangelo soll innerhalb eines Monats eine Brücke über den Bosporus entwerfen, eine Brücke über den wichtigsten Hafen Konstantinopels, über das goldene Horn. Die Reaktion des historischen Michelangelo und dessen darauf folgender Lebensabschnitt lässt sich nicht genau rekonstruieren. Es entsteht eine Lücke in der Biografie des großen Bildhauers. Hier setzt Énard an und lässt den Künstler die orientalische Großstadt erkunden. Im Zwiegespräch mit dem Sultan und dessen Günstlingen macht sich Michelangelo nur sehr langsam an die Arbeit. Lieber lässt er sich vom Dragoman Manuel Schriften der herrschaftlichen Bibliothek Konstantinopels übersetzten und genießt die täglichen Spaziergänge mit Mesihi, dem Lieblingsdichter des Großwesirs. Letzterer empfindet schnell so etwas wie Liebe für den ungestümen Künstler und versucht verzweifelt seine Eifersucht zurückzuhalten, als eine andalusische Tänzerin Michelangelo in leidenschaftliche Faszination versetzt.

Énard nutzt den wenig historisch belegten Lebensabschnitt Buonarrotis um immer wieder erhaltene Artefakte und reale Personen in eine erfundene Handlung einzubringen. Dies gelingt ihm ausgesprochen gut. Er nutzt viele kleine historische Lücken einer bewegten Epoche Konstantinopels und fügt sie zu einem Ganzen zusammen. So sind zum Beispiel die wenigen Informationen über den hedonistischen Lebensstil des Dichters Mesihi im Kontext des Romanes absolut plausibel wiedergegeben. Er ist derjenige, der Michelangelo die Schönheit der Stadt Konstantinopels, aber auch die hier gegebenen Möglichkeiten des Rausches nahebringt. In der geschickten Verwebung von Fiktion und Realität birgt sich jedoch auch eine erhebliche Problematik. Was genau soll der Leser dem Roman nun alles glauben? Wo sind die Grenzen zwischen dem was war und dem was nur hätte sein können? Und hätte es wirklich sein können? Insbesondere in der markanten Charakterisierung Michelangelos wird diese Frage interessant.

Jene historische Ader wird durch die, in kurzen Fragmenten über den gesamten Roman verteilte, Rede der andalusischen Tänzerin immer wieder durchkreuzt. Anfangs wirken diese Passagen auf geheimnisvolle Weise poetisch und lassen den Leser Vermutungen anstellen, wer hier zu wem spricht. An anderer Stelle stören die Einschübe mehr, als dass sie Spannung erzeugen. Énards Versuch die betörenden Worte der andalusischen Schönheit wiederzugeben, die im Dunkel neben Michelangelo liegt, wirkt auf Dauer etwas gezwungen. Es bleibt unklar, warum ein derartiger Fokus auf diese Szenerie gelegt wird.

Die sehr knappen Abschnitte lassen den sowieso schon dünnen Roman zu einem historischen Spektakel von seltsamer Kürze werden. Hinzu kommt Michelangelos Hang zu Listen, die Énard allesamt brav wiedergibt. Es kann also eigentlich nicht besonders viel Information und Handlung übermittelt werden, sei sie nun erfunden oder wahr. Trotzdem entsteht der Eindruck einiges über das historische Konstantinopel gelesen und einen guten Eindruck von Michelangelo Buonarroti  erhalten zu haben. Es siegt also der sehr parataktische und selten emotionale Schreibstil, der uns Leser glauben macht, das Geschriebene sei von großer Wichtigkeit. Stellenweise erhält dieser Schreibstil durch die Prägnanz der kurzen Sätze auch eine satirische Note: „Michelangelo ist stolz.“, „Michelangelo zeichnet keine Brücken.“, Michelangelos Neugierde ist grenzenlos.“, „Michelangelo ist sich selbst ein Rätsel.“,… . Auch die Tatsache, dass Michelangelo sich niemals wäscht, und die oftmals ohne Zusammenhang eingeschobenen Titel wie „der Geniale“, lassen den Leser an der Ernsthaftigkeit der Charakterisierung des Künstlers zweifeln. Trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deswegen, ist Erzähl Ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten eine Einladung an den Leser zur eigenen Recherche, zum Besuch des heutigen Istanbul und zur Beschäftigung mit der historischen Biografie des Michelangelo Buonarroti.

Mathias Énard: Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten
Berlin, 176 Seiten
Preis: 17,90 Euro
ISBN: 978-3827010056
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