Leserverwirrung mit Methode

Barbara Bongartz ist es mit ihrem aktuellen Werk gelungen, einen Gesellschaftsroman zu schreiben, der literarisches Leben und die Welt der Reichen und Schönen in einer Handlung vereint und der, trotz sehr komplexer Handlung, einen hohen Unterhaltungswert hat. Die gehobene Gesellschaft, die auch in diesem Jahrtausend noch eine gewisse Faszination ausübt, besonders auf jene, denen es an Geld fehlt, wird zum Hauptthema. Aus Sicht einer solchen Person schreibt Barbara Bongartz ihren Roman.

Von KATHARINA WINTER

Die Tochter einer Hausangestellten, die durch die Demut ihrer Mutter ihren Arbeitgebern gegenüber das Gefühl hat, unzureichend zu sein und dies mit Spionagegängen durch deren Häuser sowie einem Hang zur Kleptomanie gegenüber teuren Luxusgegenständen zu verdrängen sucht; ein erfolgreicher Biograph, dessen Ruf ruiniert ist und der die Chance hat, sich als Ghostwriter wieder an die Spitze zu schreiben; eine senile Ballerina, der alle eine Welt vorgaukeln, die nicht existiert und ein verschwundener Sohn, der von seiner Familie verleugnet, beziehungsweise vorzeitig beerdigt wurde. Mit solchen und ähnlichen Charakteren haben wir es in Barbara Bongartz‘ bei Weissbooks erschienenem Roman Die Schönen und die Reichen zu tun.

Der Roman umfasst 320 Seiten und ist in drei Teile gegliedert, über Dallas in Bayreuth und Krieg in Berlin gelangt der Leser schließlich ins/zu Fegefeuer in Florenz. Von dieser pathetischen Titelwahl sollte man sich nicht abschrecken lassen. Zwar handelt es sich bei Die Schönen und die Reichen um einen Gesellschaftsroman, doch ohne dabei einen voyeuristischen Stil anzunehmen. Die Handlung ist aber teilweise derart vielschichtig, dass eine gewisse Desorientierung beim Leser entsteht und man den Eindruck gewinnt, dass dies auch bei der Autorin der Fall war.

Die Handlung dieses Romans, die in unterschiedlichen und sich abwechselnden Zeitebenen stattfindet, beginnt mit der Kindheit der Erzählerin Emma Lind. Sie lebte, als Tochter der Hausangestellten, in den Nebengebäuden oder Gesinderäumen der wohlhabenden Menschen. Deshalb fühlte sie sich als Fremdkörper und Aussätzige in dieser ihr fremden Welt. Um diesem Gefühl zu entfliehen, spionierte sie die Arbeitgeber ihrer Mutter aus, ergründete deren Familiengeheimnisse und entwickelte eine Leidenschaft für wertvolle Kunstobjekte, die sie dann entwendete.

In ihrem Erwachsenenleben plant sie eine Ausstellung dieser gestohlenen Wertgegenstände. Im Zuge der Vorbereitungen für die Ausstellung arbeitet sie selbst als Zofe im Hause der Witwe des Komponisten Johann von Mallind, um weitere Objekte für ihre Ausstellung zu entwenden. Die Witwe Ina von Mallind ist gerade im Begriff, ihre Memoiren von Boy, einem ehemalig populären Biographen, der durch einen Skandal sein Ansehen verloren hat und nun als Ghostwriter zu neuem Ruhm gelangen möchte, schreiben zu lassen. Die Erzählerin, die selbst eher im Hintergrund agiert, beschreibt aus ihrer Perspektive und anhand der Aufzeichnungen von Boy die skurrile Szenerie, die sie in dem Haus der ehemaligen Balletttänzerin (Ina) vorfindet. Ina von Mallind, Mutter von vier Kindern, lebt seit dem Beginn ihrer Ehe mit dem homosexuellen Johann von Mallind ein Leben, das eigentlich nicht existiert. Ihre Angestellten bezahlen Prominente, die Ina beim Essen eine nette Tischgesellschaft vorgaukeln sollen. Ihr einziger Sohn Gernot, der wie sein Vater Pianist werden wollte, gab vor, Modedesign zu studieren, bis er eines Tages beschloss, in den Kosovo zu gehen. Gernot, der vorher Inas engste Bezugsperson war, begeht damit ein Fauxpas. Inas Welt bricht in sich zusammen. Sie und ihre Familie veröffentlichen eine Todesanzeige und verbreiten, Gernot von Mallind sei verstorben. Boy, der Ghostwriter, entschließt sich nach einiger Zeit, im Hause von Mallind zwei Bücher zu verfassen: Eines solle die Auftragsarbeit, das andere ein Enthüllungsbuch werden.

Der Stil des Romans ist durch die Erzählung von Emma, die immer wieder Zitate aus Boys Notizen einflicht, sehr abwechslungsreich. Allerdings wirkt die Sprache stellenweise zu bildhaft: „Erinnerungen, wie eine Tätowierung aus Zitronensaft“.

Außerdem scheint auch die Autorin ab und zu die Erzählhaltungen durcheinander zu bringen. Zwar erzählt Emma Lind, eine vierzigjährige Kunsthistorikerin, die Geschichte aus ihrer Sicht, mit Ergänzungen aus Boys Notizen, doch paraphrasiert sie diese Aufzeichnungen manchmal so, dass sie „ich“ stehenlässt, ohne kenntlich zu machen, dass es sich nun um Boys Perspektive handelt. Darüber hinaus beschreibt sie Situationen aus ihrer Sicht, in denen sie nicht hätte dabei sein können. Das mindert aber nicht die Unterhaltsamkeit des Romans, sondern lässt den Leser nur im Lesefluss innehalten.

Zum Ende des Buches vervollständigt Bongartz diese Verwirrung, hier allerdings absichtlich, indem sie die Frage in den Raum wirft: „Ist das ein Roman, den ich unter dem Pseudonym einer Frau veröffentlichen kann?“

Abschließend lässt sich sagen, die gewollte Verwirrung und eine Spannung, die sich von Anfang bis Ende durch den Roman zieht, machen den Roman lesenswert, gerade für diejenigen, die der Welt der Reichen und Schönen im Allgemeinen nicht so viel Bedeutung beimessen.

Barbara Bongartz: Die Schönen und die Reichen
Weissbooks, 320 Seiten
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3863370053
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