„Gemeinsam sind wir stark“ – Eine Revolution der Kinder

„Von ihrem Vater kannte Lila nur eine abgeschnittene Hand. Selbst heutzutage, wo Eltern gern mal ihren Kindern verlorengehen, war das ein bisschen wenig, denn noch dazu war diese Hand bloß auf einem Foto zu sehen.“

So beginnt der erste Jugendroman mit dem Namen Der Aufstand der Kinder (Fischer) der Autorin Susanne Fischer. Bereits der erste Satz macht allerdings deutlich, dass man dieses Werk nicht einfach in die Kategorie der Jugendliteratur einordnen kann. Der Roman ist geprägt von einer Tiefgründigkeit und Spannung, die auch erwachsene Leser in den Bann ziehen kann. Man muss sich nur darauf einlassen.

Von NADINE ANIOL

Die junge Protagonistin Lila hat es nicht einfach in ihrem Leben. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, und wenn sie ihre Mutter nach ihm fragte, wich diese immer aus. Trotzdem ist sie der festen Überzeugung, ihm eines Tages zu begegnen. In der Zwischenzeit erträumt sie sich wunderbare Geschichten, die ihn einfach nur davon abhalten, seine Tochter zu besuchen. Auch wenn sie ihn nie kennengelernt hat, spricht Lila ihrem Vater eine Art Heldenrolle zu.

Dann geschieht etwas, das Lilas komplettes Leben verändert. Eines Tages verschwindet ohne Vorwarnung  auch noch ihre Mutter und das Kind ist völlig auf sich allein gestellt. Zunächst geht sie relativ souverän mit der Situation um, als jedoch eine Lehrerin sie direkt auf ihren Zustand anspricht, bricht ihre Maske zusammen. Schnell wird deutlich, dass Lilas Schicksal kein Einzelfall ist. Im Büro des Direktors fängt sie einige Wortfetzen auf: „Schon wieder ein Fall…“ und „Epidemie“ und „die Presse informieren…“ und dann kommen auch schon die Leute vom Amt, um sie abzuholen und ins Heim zu bringen. Plötzlich taucht Lilas vermeintliche Tante Bella auf, welche sie noch nie kennengelernt hat. Bella verspricht dem Amt, sich um Lila zu kümmern und nimmt sie zu sich auf einen abgelegenen Bauernhof.

In diesem Teil der Erzählung erhält das Werk einen Fantasy-Anstrich. Das Leben auf dem Bauernhof wirkt surreal, es gibt lebende Schränke und scheinbar sprechende Katzen, die Lila verunsichern. Allerdings ist ihr alles lieber, als in eines der „Kinderparadies“-Heime verfrachtet zu werden um die einige Gerüchte kursieren. Lila verliert zunächst völlig den Bezug zur Realität. Sie wird mit merkwürdigem Essen eines Tiefkühllieferanten ruhig gestellt und kann dadurch gar nicht mehr einschätzen, wie lange sie eigentlich schon bei ihrer „Tante“ Bella lebt. Als sie dann an einem Tag entdeckt, dass Bella Schneekugeln mit einer Figur bastelt, die aussieht wie sie, ist ihr klar: Hier gehen merkwürdige Dinge vor sich. Ihr gelingt die Flucht in die Freiheit, welche allerdings nur neue Probleme mit sich bringt. Wie soll sie es schaffen, ohne Geld und Essen zu überleben? Lila ist wieder auf sich allein gestellt.

Bei der Suche nach Essbarem trifft sie auf Snoop, ebenfalls ein Kind mit demselben Schicksal. Er nimmt sie mit in den Bau im „Feuerland“, ein Lager, in dem Gleichgesinnte einen Unterschlupf finden und das Rätsel um die verlorenen Eltern zu lösen versuchen. Schnell geraten die Kinder in große Gefahr und was sie dann erfahren, ist noch schlimmer, als erwartet.

Susanne Fischers Roman beschreibt eine veränderte Gesellschaft, die ihre soziale Verantwortung zu vergessen scheint, von starken Kinder, ignoranten Erwachsenen und vom Mut, die Dinge zu ändern. Es existieren zwei Parallelwelten, das Kinder-Slum „Feuerland“ und das ferne, reiche Land „Frankfurt“, zwischen denen eine Art „Untergrund-Krieg“ herrscht. Für die Darstellung dieses Krieges greift Susanne Fischer tief in die Widerstandsthematik-Trickkiste. Es gibt Untergrundorganisationen, eine Sicherheitspolizei, Patrouillen in schwarzen Uniformen, Maschinengewehre, ein Tunnelsystem und Kinder, die in Heimen ruhiggestellt werden. Diese Elemente machen die Geschichte sehr authentisch und geben ihr einen erwachsenen Anstrich. Die Handlung verfügt über einen hohen Spannungsbogen, sie wird trotz ihrer einfachen, kindgerechten Sprache fesselnd und dramatisch erzählt.

Susanne Fischer versucht sich mit ihrem ersten Jugendroman in einer Aufklärungsrolle, welche allerdings nur teilweise greift. Es ist sicher nichts dagegen einzuwenden, Kinder mit Krisen, Unrecht, sozialem Elend und möglichen Bürgerkriegsszenarien zu konfrontieren. Allerdings pauschalisiert sie diese Thematik ein wenig, beschränkt sich zu sehr auf bereits bekannte Motive einer Widerstandsbewegung und schafft somit eine Kinderversion davon. Es ist dabei fraglich, ob die Nachricht des Werkes auf diese Weise Kinder erreichen kann.

 

Susanne Fischer: Der Aufstand der Kinder
S.Fischer, 304 Seiten
Preis: 12,95 Euro
ISBN: 978-3-596-85424-0
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