Das große Frösteln

Die Finanzkrise ist in der Belletristik angekommen. Eine ihrer vielen literarischen Stimmen ist der isländische Schriftsteller Guðmundur Óskarsson, Jahrgang 1978, dessen dritter Roman Bankster Islands großes Bankensterben im Herbst 2008 aus einer sehr persönlichen Perspektive betrachtet und dafür mit dem Isländischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Er erzählt die Geschichte des jung-dynamischen Paares Markús und Harpa, die über Nacht ihre lukrativen Jobs als Bankangestellte verlieren und sich mit der neuen Situation arrangieren müssen. Während Harpa schnell eine Anstellung als Aushilfslehrerin findet, kommt Markús kaum noch von der Couch herunter und lässt sich hängen. Auf den Rat eines Freundes hin beginnt er, Tagebuch zu führen. Bankster ist dieses Tagebuch.

Von PETER VIGNOLD

Mit genauem Blick, einem guten Gespür für die kleinen Details und viel Witz beschreibt Markús sein neues Leben als Arbeitsloser mit wenig Antrieb und genügend Zeit, sich alle Staffeln der „Sopranos“ am Stück anzusehen. Der meiste Platz in seinen Schilderungen gebührt jedoch Harpa, die er anfangs noch sehr verliebt beschreibt und die ihn auch mal mit Zärtlichkeit davon abhält, einen seiner täglichen Einträge zu Ende zu bringen. Doch irgendwann erreicht die Krise auch ihre Beziehung und man kann förmlich dabei zusehen bzw. lesen, wie die beiden langsam auseinander driften. Obwohl Markús irgendwann im tiefsten Winter zumindest wieder damit beginnt, sein Leben mit Aktivitäten zu füllen, bringt er es einfach nicht übers Herz, sich arbeitslos zu melden und nach einem neuen Job umzusehen. Lieber macht er Spaziergänge durchs verschneite Reykjavik oder schreibt und träumt von einer Karriere als Schriftsteller. Harpa hingegen hüllt sich mehr und mehr in Schweigen, bis sie Markús nach Weihnachten ein Geheimnis beichtet, dass sie die letzten Wochen mit sich herumgetragen hat.

Bankster, der aus „Banker“ und „Gangster“ zusammengesetzte Kunstbegriff und Titel des Romans, steht in erster Linie für die Wut der 99% auf die kriminell erfolglosen Milliardenjongleure, denen sie die alleinige Verantwortung für das gegenwärtige Finanzdesaster zuschreiben. Doch weder dieser im Titel latent mitschwingende Zorn noch das dahinter angedeutete Versprechen eines skandalöse Machenschaften aufdeckenden Finanzthrillers löst Òskarsson ein. Stattdessen gibt es sehr intime Einsichten einer männlichen Krise, in der sich äußere und innere Zustände nicht selten auf ironische Weise ähneln. Die Krise selbst, die Insolvenzabwicklung der Landesbank, die Demonstrationen, all das findet nur sehr am Rande statt. Im Fokus stehen stets Harpa und Markús selbst, oftmals sind es nur Kleinigkeiten, die er mit akribischer Präzision und viel Herz beschreibt. Diese Schilderungen sind das ganze Kapital von Bankster, in dem sonst eigentlich nicht viel passiert und das man trotzdem nicht so schnell zur Seite legt. Denn trotz all seiner Schwächen ist Markús schon ein sympathischer Kerl, dem man gerne zuhört, und mehr als einmal fragt man sich, ob seiner aus Erfahrung zu sprechen scheinenden Schilderung des Lebens auf der Couch, wie viel von sich selbst Óskarsson, der 2008 selbst als Bankangestellter arbeitete und seine Job infolge der Finanzkrise verlor, in seinen Erzähler Markús eingeschrieben hat. Man wird es nicht erfahren, aber das Spiel mit dem Autobiographischen, das meta-reflexive Thematisieren des Schreibprozesses, der ständige Bezug auf Zeitgeschehen und Popkultur tragen sicherlich ihren Teil zu dem Reiz bei, der von dieser knapp über 250 Seiten kurzen Aneinanderreihung von Schnappschüssen einer versuchten Krisenbewältigung ausgeht. So ist Bankster nicht das kaltlächelnde Ausmisten des korrupten Schweinestalls geworden, das andere, zynischere Autoren möglicherweise unter demselben Titel abgeliefert hätten. Vielmehr ist die Isländische Finanzkrise nur Auslöser und Rahmen, das große Hintergrundbild für ein viel kleineres Drama im Inneren. Ein Krisenroman ist Bankster dennoch. Eben nur ein anderer, als man erwartet.

Guðmundur Óskarsson: Bankster
Frankfurter Verlagsanstalt, 254 Seiten
Preis: 22,90 Euro
ISBN: 978-3627001773
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Ein Gedanke zu „Das große Frösteln

  1. Eine gelungene Rezension: Kurze, aber treffende Kontextualisierung und Symptomatisierung. Flüssiger, leichter Stil. Klare Thesen, Argumente und einleuchtendes Fazit. Fühle mich gut informiert und gut beraten, dieses Buch zu lesen.

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