Eine Gesellschaft im Alarmzustand

Yassin Musharbash, der seit 2005 Redakteur bei Spiegel online ist, veröffentlichte im Herbst 2011 den Politthriller RADIKAL. Der Autor ist bereits mit diversen Beiträgen in der taz, der Neuen Osnabrücker Zeitung und der Jordan Times, in die Öffentlichkeit getreten. 2006 erschien sein erstes Buch Die neue Al-Quaida. Innenansichten eines lernenden Terrornetzwerks. Er studierte Arabistik und Politikwissenschaft. Möglicherweise hat ihn all das dazu befähigt, ein so realitätsnahes wie auch erschreckendes Buch zu schreiben.

Von JULIA FELDHAUS

Der Thriller schildert die im ersten Moment ausgeschlachtet erscheinende Thematik des globalen Terrors. Berlin wird im absoluten Chaos beschrieben, nachdem mitten im Regierungsviertel ein Bombenanschlag auf einen Bundestagsabgeordneten ausgeübt worden ist.

Angefangen beim kiffenden Versager, der in der Schule ausschließlich zum Chemieleistungskurs erscheint, und Sprengstoff auf dem Schwarzmarkt verscherbelt, bis hin zu dem radikalen „Kommando Karl Martell“, einer geistigen Elite, die illegal, aber ihrer Ansicht nach legitim, gegen die Anhänger des Islams vorgeht, sind Personen aus allen Spektren beschrieben. Deren Lebensgeschichten scheinen erstmal nichts miteinander zu tun zu haben, doch nach und nach geraten sie alle auf skurrile Weise in Kontakt miteinander. Interessant wird auch das Zusammenspiel von Polizei, Presse und Politik beleuchtet. Besonders auffallend dabei sind die „3 Fragezeichen“, Spitzenreporter des Nachrichtenmagazins „Globus“, die mit tiefschwarzem Humor und zu jeder Tageszeit mit einem guten Glas Whiskey ausgestattet sind.

Mit Amtsantritt von Lutfi Lativ, Bundestagsabgeordneter der Grünen, dem immer wieder Parallelen zu Barack Obama zugeschrieben werden, kommt der Stein ins Rollen. Islamistische Radikale fühlen sich verraten, da Lativ eine politische Rolle im westlichen System annimmt. Doch nicht nur ihnen ist er ein Dorn im Auge. Ebenso wenige Sympathien erhält er von den Islamhassern und anderen rechten Organisationen im Untergrund. Schließlich kommt es in Berlin zum Terroranschlag und von da an spitzt sich die Lage höchst spannend zu. Die Frage danach, wer tatsächlich hinter dem Anschlag steckt, muss geklärt werden. Doch ist der Personenkreis der Verdächtigen viel größer als vermutet.

Eine der vielen Protagonisten ist Sumaya, eine palästinensische Studentin, die bis zu dem Zeitpunkt des Anschlages für Lutfi Lativ gearbeitet hat, und sich Hals über Kopf in den deutschen Terrorexperten Samson verliebt. Nach langem hin und her will sie der Beziehung doch noch eine Chance geben. Samson scheint für sie endlich jemand zu sein, der sie vorurteilsfrei behandelt und sie und ihre Kultur tatsächlich versteht. Sumaya fühlt sich stets zerrissen. Einerseits liebt sie ihre Wurzeln, andererseits möchte sie integriert wirken. Ihr scheint es unmöglich, es allen recht zu machen.

Als ihr Freund Samson nach dem Anschlag zu Ermittlungen abtaucht, und dann noch dabei erwischt wird, wie er Schweineblut an eine Moschee schüttet, verändert sich auch auch ihre Gefühlslage.

Zahlreiche Protagonisten werden von Kapitel zu Kapitel eingeführt, dennoch wird die Lektüre nicht unübersichtlich, da jede Figur absolut authentisch und lebendig beschrieben wird.

Die Verstrickungen  aller Geschehnisse sind genial und unvorhersehbar konstruiert, und trotzdem wirkt das Beschriebene sehr realistisch. Der Politthriller liest sich wie von selbst, lebt von seiner Spannungen und ist trotz der dramatischen Thematik unterhaltsam zu lesen.

Yassin Musharbash: RADIKAL
Kiepenheuer & Witsch, 397 Seiten
Preis: 14,99 Euro
ISBN 978-3462043389
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