Wäre die Welt doch eine Bühne

Charles Lewinskys Gerron ist ein weiterer Roman in seiner langen Liste von Werken über das jüdische Leben und die Erfahrungen als Jude im Nationalsozialismus.

„Solange wir noch unsere eigenen Gedanken denken, solange sind wir noch Menschen“

von Juliana Gocke

Kurt Gerson ist der Protagonist und Erzähler der Geschichte des Romans Gerron – seiner eigenen Geschichte.

Gerron, den Namen bekommt er am Theater, weil er sich besser vermarkten lässt als der Name Gerson, setzt mit seiner Geschichte dort ein, wo sie eigentlich schon endet. Zur Zeit seiner Erzählung befindet er sich in Theresienstadt, einem Judenlager, während des 2. Weltkrieges. Gerron wurde beauftragt einen Film, zugunsten der SS, über Theresienstadt zu drehen, wie gut das Leben der Juden dort sei. Über diese vier Wochen, in denen er zuerst über seine eigentlich schon vorbestimmte Zustimmung entscheiden darf, das Schreiben des Drehbuchs und den Dreharbeiten, blickt Gerrron in seine Vergangenheit zurück und erzählt, bei seiner Kindheit angefangen, über seine Erfahrungen im Krieg, seine Arbeit als Schauspieler und Regisseur, bis hin zur Deportation nach Ausschwitz.

Gerron wuchs in einer gut situierten Familie mit strengen Eltern auf. Wenn er an seine Kindheit denkt, erzählt er gerne von seinem verstorbenen Großvater, der die Konventionen der Eltern des Öfteren übersah und Gerron zum Beispiel Zigarre rauchen lehrte. Nach seinem verfrühten Schulabschluss, den jeder in seinem Jahrgang bestand, unterschrieb er die Verpflichtung zum Wehrdienst und ging in den Krieg. Später, nach einer Verletzung und einem Medizinstudium, kehrte er als Assistenzarzt ins Lazarett zurück. Zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg verlebt Gerron die beste Zeit seines Lebens. Er wird ein berühmter Schauspieler und Regisseur, lernt seine Frau Olga kennen und verdient gut für seinen Lebensunterhalt. Und wenn er nicht so dumm und naiv gewesen wäre, wie er sich selbst schildert, säße er jetzt mit seinen Schauspielerfreunden in Hollywood und nicht in Theresienstadt. Wohin er und Olga sowie alle Juden früher oder später transportiert wurden.

Gerrons Rückblicke erscheinen sehr spontan und willkürlich. Ihm fällt zu jeder Situation, Person oder jedem Gedankengang eine Erinnerung aus seinem Leben ein und somit gehen seine Rückblicke vom Jetzt nahtlos in seine Erinnerungen über. Obwohl die Geschichte von Kurt Gerson sehr traurig und ergreifend ist und er die Zustände im Lager, die Gefangenen und die ausweglose Situation sehr detailliert und bildhaft beschreibt, versucht Gerron mit Humor und Witz seine Situation und sein Leben wiederzugeben. Oft beschreibt er Personen sehr lustig, wie komisch sie aussehen oder wie lächerlich sie auftreten. Gerron versucht sich selbst und dem Leser ein anderes Leben vorzugaukeln, denn das kann ein Schauspieler am besten. Viele Eindrücke schildert er über mehrere Seiten bis ins kleinste Detail, bis er irgendwann zugibt, dass es so nicht war. Und dann fängt er noch einmal an und gibt die wahre Geschichte wieder.

Gerron weiß, in welcher schlimmen Lage er steckt, und er hält sich allein durch seinen Glauben an sich selbst – er ist Kurt Gerson, Schauspieler und Regisseur – am Leben. Diese Einstellung übermittelt er dem Leser so gut und glaubwürdig, dass sie anstiftend und motivierend ist, denn diesen Zuspruch braucht der Leser wiederum, um das Buch bis zum Ende zu lesen. Denn wer sich auf den Roman einlässt, braucht ein paar ruhige Stunden und die Kraft, es zu beenden. Und dabei hilft Gerron, in seiner Person und seiner Erzählweise. Der Leser wird oft erheitert und durch schöne Beschreibungen über Freundschaft, Liebe und den Sinn des Lebens kann auch der Leser am Ende mit der traurigen Erinnerung an einen jüdischen Schauspieler, der um sein Menschsein kämpfte, abschließen.

Charles Lewinsky: Gerron
Nagel & Kimche, 544 Seiten
Preis: 24,90 Euro
ISBN: 978-3-312-00478-2
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