„unverständliches Farbengewirr“, „immer fließend“, phantasmagorisch, surreal, traumhaft, bizarr, anstrengend, fantastisch: „erzählerische Wundertüte“

„unverständliches Farbengewirr“, „immer fließend“, phantasmagorisch, surreal, traumhaft, bizarr, anstrengend, fantastisch: „erzählerische Wundertüte“. „Ich erlebe nichts mehr wirklich, obschon ich mit einer Intensität lebe, die sich in schlichten Empfindungen gar nicht ermessen lässt.“ Es scheint, als wären noch nicht die richtigen Begriffe erfunden worden, um das Leseerlebnis dieses Buches zu beschreiben. Cartarescu schafft einen ganz neuen sprachlichen Kosmos.

Von CHRISTINA TERSTEGEN

Der Körper ist der 2. Band aus der Orbitor-Trilogie, was übersetzt so viel bedeutet wie „blendendes Licht“. Cartarescu schafft in diesen drei Bänden, zusammen 2000 Seiten umfassend, Literatur in Bildern. Das zweite Buch Der Körper handelt vom Künstler als Kind und jungen Mann, von den Erlebnissen mit seiner Mutter und den wundersam-magischen Momenten, die eine Kindheit so einzigartig machen. Cartarescu taucht ein in die Fantasie und streift dabei die Frage nach dem Sinn und der Erkenntnis des Daseins. 

Der Plot an sich ist schnell erzählt. Der mit dem Autor namensgleiche Erzähler Mircea Cartarescu wird aus seinem Wohnblock vertrieben und sucht nun Unterschlupf in der elterlichen Wohnung. Dort angekommen, kommen auch seine Erinnerungen an die Kindheit wieder, die er in den 50er-/60er-Jahren im kommunistischen Bukarest erlebte. Besonders erinnert er sich aber an seine Mutter. Schon als kleiner Junge konnte er es kaum aushalten, von ihr getrennt zu sein. Er war „unentwegt auf der Suche“ nach ihr, versuchte, ihren Geist zu erspüren und ihr so nahe zu sein. Ihre enge Beziehung wird am allerdeutlichsten in der wohl schönsten Passage des Buches, in der die Mutter zuhause einen Teppich webt. Sie beide erfinden zusammen Muster für diesen Teppich, die schon bald alle Mustervorlagen in den Schatten stellen. Ihre Bildmotive sind voller Magie, Fantasie („märchenhafte Blumen, rätselhafte Tiere, Wasserbecken mit Springbrunnen in der Mitte, unverständliches Farbengewirr, an seinem Platz dennoch passend“) und so außergewöhnlich, dass sogar die Staatssicherheit auf sie aufmerksam wird. Die folgende Episode, in der die Mutter aberwitzigerweise der Spionage verdächtigt wird und für eine Woche in „Securitategewahrsam“ verschwindet, ist für den jungen Mircea nicht nur eine äußerst schmerzliche Erfahrung, sondern auch für den alten Mircea eine Metapher für die Unterdrückung der Fantasie und der Freiheit. Dieser ganze Themenkomplex Teppich charakterisiert Cartarescus eigenes Erzählen, denn die endlose Abfolge von Bildern auf dem Teppich seiner Mutter, „immer fließend“ und „immer auf etwas verweisend“, kennzeichnet auch seinen Roman.

Realität und Surrealitäten vermischen sich und bilden eine bizarre Geschichte, für die noch keine passenden Worte gefunden wurden. Eine Episode zeigt uns eine Glaubensgemeinschaft, die Skopzen, die im Schwitzbad sündig werden und in der Selbstentmannung Vergebung und Erleuchtung finden. Auch taucht ein verlorener Zwilling auf, der entweder entführt wurde oder vielleicht auch nur eine Halluzination des Erfinders ist. Cartarescus Worte erfinden herrlich verzerrte Bauwerke, „rabenschwarze Aufzugschächte“ und „monströse Wohnblocklabyrinthe“.

„Er reiht und stapelt Träume, Erinnerungen, Visionen und Erkenntnisse und setzt so eine Denkbewegung in Gang, deren Ziel zum jetzigen Zeitpunkt ebenso unklar ist wie ihre Herkunft.“

Diesen Roman bis zum Ende zu lesen ist schwer. Nicht weil er nicht gut ist. Nein, gerade weil er so außergewöhnlich gut geschrieben ist, fällt es dem Leser nicht leicht, den Gedanken und dem Geschehen zu folgen. Man braucht ein enormes Maß an Geduld und Durchhaltevermögen, um dieses Werk nachzuvollziehen.

„Du findest alles in diesem einzigen großen Code, in diesem Kodex, diesem unlesbaren Buch, diesem Buch.“

Mircea Cartarescu: Der Körper
Paul Zsolnay, 608 Seiten
Preis: 26,00 Euro
ISBN: 978-3552055049
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