Von Englands grünen Wäldern bis in die Schützengräben – Aufbruch in eine neue Welt

‚„Ich will auch denken“, sagte Florence bedächtig. „Ich will mein eigenes Leben führen, das ich mir selbst aussuche. Ich will selbst jemand sein und nicht jemandes Ehefrau. Aber welcher Jemand ich sein will, darüber bin ich mir nicht so recht im Klaren.“‘

A. S. Byatts neuestes Meisterwerk Das Buch der Kinder erzählt ein Vierteljahrhundert Weltgeschichte zum Fin des Siècle in einem teils fantastischen, teils auf realen Figuren und Begebenheiten basierenden Familien- und Künstlerroman.

Von LINA LOUISA KRÄMER

Der Roman handelt von den Familien Cain, Fludd und Wellwood und beginnt Ende des 19. Jahrhunderts im Süden Englands. Jeder der zahlreichen Protagonisten versucht, für sich selbst ein freies und erfülltes Leben zu führen und seinen Platz im Leben zu finden. Die Eltern probieren jeweils neue Wege in der Erziehung, Politik und Liebe aus und die Kinder, jedes mit unterschiedlichem Talent und Temperament, versuchen darin ihr Glück zu finden. Angesichts der Vielzahl von Protagonisten und Orten – die Handlung spannt sich von London über Paris bis München-Schwabingen – ist es nicht einfach, einen Mittelpunkt in den verworrenen Verhältnissen zu finden.

Als Herz des Familienromans kann man Purchase House, ein Landsitz nahe London, bezeichnen, der das Zuhause von Olive Wellwood und ihren Kindern ist. Olive ist Schriftstellerin und denkt sich fantastische Märchen aus. Jedes ihrer sieben Kinder besitzt ein eigenes Buch, das Olive im Laufe der Jahre immer weiterschreibt und aus dem der Leser des Romans immer wieder Auszüge zu lesen bekommt. Für einige der Kinder sind diese Geschichten, wie auch Purchase House, Trostspender, für andere bedeuten sie Schrecken und Rückschritt in der Entwicklung. Olive ist das Bindeglied der einzelnen Figuren im Roman, da sie zahlreiche Bekanntschaften pflegt und diese zusammenbringt.

Sie und ihr Mann Humphrey gehören der Fabier-Bewegung an, einer Gesellschaft von sozialreformerischen Intellektuellen, die dem proletarischen Klassenkampf und der sozialistischen Revolution ablehnend gegenüberstehen und stattdessen den friedlichen Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus mittels sozialer Reformen propagieren. Byatts Talent, reale Begebenheiten, Orte und Figuren geschickt in ihre Romanhandlung zu verflechten, wird anhand der Fabier ebenso deutlich wie an zahlreichen anderen Stellen im Roman. So zum Beispiel bei dem Besuch der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900, die sie mit lexikalischer Manier beschreibt. Jedes Kind für sich setzt sich mit den neuen Ideen der Psychoanalyse, der Frauenbewegung, der Kapitalismuskritik und sexueller Emanzipation auseinander. Sie kämpfen für das Frauenwahlrecht, dafür, dass Frauen an der Universität als vollwertiges Mitglied studieren dürfen oder darum, den Kommunismus in Deutschland und England voranzubringen.

Neben den Wellwood-Kindern gibt es noch Cousinen und Halbgeschwister, Kommilitonen und Freunde, die immer wieder auftauchen und deren Werdegang geschickt in die Handlung mit eingebaut wird. Doch wie im echten Leben beginnen die glatten Fassaden der Familien irgendwann zu bröckeln und dahinter verbergen sich Abgründe, wohlbehütete Geheimnisse, Enttäuschung und Krieg.

Byatt schafft neben der Familiensaga ebenfalls einen gelungenen Künstlerroman rund um den Töpfer Benedict Fludd und seinen Lehrling Philip Warren. Fludd ist so, wie man sich einen Künstler vorstellt: exzentrisch und äußerst launisch. Er schafft Meisterwerke, von denen jedoch die wenigsten seinen Ansprüchen genügen. Hier eröffnet sich für den Leser ein Exkurs in die Welt der Kunst, in dem Werke von Rodin bis Palissy besprochen werden. Auch über die Figur Prosper Cain, der Leiter des Victoria und Albert Museum ist, und Imogene Fludd, die am Royal College of Art studiert, eröffnet sich ein Einblick in die Kunst der Zeit des Fin de Siècle. Die Zeit des Aufbruchs im Denken, in der die Kinder noch jung sind, steht im Kontrast zu den grausamen Jahrzehnten, die darauf folgen.

Zu Recht wird der Roman in der Presse hoch gefeiert, er zeichnet ein von Einzelheiten fast überladenes Epochenbild, das sprachgewandt und beeindruckend realistisch geschildert wird. Mit Spannung verfolgt man als Leser die Geschichten der Kinder und die wichtigsten politischen Bewegungen in Europa, die Byatt skizziert. Für Kunstinteressierte ist die Beschreibung des Arts and Crafts Movements faszinierend. Die Autorin versteht sich darauf, Räume detailreich und schillernd zu beschreiben. Byatt, die 1990 für ihren Roman Possession. A romance mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, zeigt hier wieder einmal eindrucksvoll, warum sie es als Autorin zu Weltruhm geschafft hat. Das Buch ist absolut lesenswert und nimmt den Leser mit in eine spannende und uns fremde Welt.

A. S. Byatt: Das Buch der Kinder
S. Fischer, 896 Seiten
Preis: 26,00 Euro
ISBN: 978-3100044174
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