Einmal jüdisch und zurück

Überfallen von einer Frau – als Mann! Was für viele Männer eine Demütigung sondergleichen wäre, wird für den ohnehin nicht vom Glück verfolgten Julian Treslove zum Befreiungsschlag. Vermeintlich beschimpft mit „Du Jud!“, macht sich der Protagonist des Romans Die Finkler-Frage auf die Suche nach seiner eigenen Identität und entdeckt sich neu: als Jude.

Von LARA KIRFEL

Die Finkler-Frage – noch nie davon gehört? Kein Wunder, ist sie doch die spinnerte Wortneuschöpfung des Julian Treslove, dem tragikkomischen (Anti-)Held aus Howard Jacobsons Roman Die Finkler-Frage (DVA). Auf den Namen seines alten Schulfreundes Sam Finkler zurückgehend, steht dessen Nachname für Treslove seit Kindertagen als Inbegriff alles Jüdischen. Folglich bezeichnet er Juden als „Finkler,“ und die „Finkler-Frage“ steht für die schwierige Frage nach „dem“ Jüdisch-Sein. Und wird gleichzeitig zur Suche nach Tresloves eigener Identität.

Denn Julian Treslove ist das, was man heute wohl gemeinhin einen „Loser“ nennt: Nach einem erfolglosen Dasein als BBC-Redakteur arbeitet er als vielseitig einsetzbares, sprich profilloses Prominenten-Double. Er ist geschieden und mehr schlecht als recht Vater von zwei erwachsenen Söhnen, zu denen er nur sporadisch Kontakt hat. Und auch mit den Frauen will es nicht so wirklich klappen, denn Treslove verliebt sich meistens unsterblich, aufopferungsvoll und voller Hingabe –  womit er sich bei den meisten Frauen prompt einen Korb einhandelt. Und so bleibt dem Hobby-Melancholiker nichts anderes übrig als in seinem eigenen, trübsalbehafteten Schicksal zu schwelgen und seiner persönlichen Tragik-Traumvorstellung nachzuhängen: Eine Frau, die in seinen Armen stirbt.

Seine zwei besten Freunde, Sam und Libor, haben Treslove diesen Wunsch voraus: Sie sind Witwer. Und nicht nur das – als Juden verfügen sie vielmehr über die kulturelle und identitätssftifende Zugehörigkeit und Bestimmung, an der es Treslove so schmerzlich mangelt. Sam Finkler, eigentlich mehr Rivale als Freund, ist Autor populär-philosophischer Ratgeberbücher und hat es mit einer eigenen Fernsehshow zu beträchtlichem Ruhm und Vermögen gebracht. Er steht dem „Finklertum“ kritisch bis anlehnend gegenüber, während sich der dritte des ungleichen Männertrios, der 90-jährige Libor Sevcik, in Bezug auf seine jüdische Identität lieber pragmatisch gibt. Dispute über Israel und Co. sind da vorprogrammiert, und sie erreichen ungeahnte Höhen, als der einzige Nicht-Jude des Trios, Treslove, nun auch noch das sein will, was Libor und Sam lieber nicht wären: jüdisch.

Denn seit er sich bei einem nächtlichen Raubüberfall von seiner Peinigerin als Jude betitelt worden glaubt, lässt Treslove der Gedanke des Jüdisch-Seins nicht mehr los. Dieses jüdische Schicksal des „Verfolgt-Sein“ kommt dem Hobby-Melancholiker und Drama-Fan gerade recht. Voller Eifer stürzt er sich in seine neue Bestimmung: Er lernt jiddische Vokabeln, verliebt sich in eine Jüdin, wird Kurator einer jüdischen Museumsausstellung und zieht eine Beschneidung in Erwägung. Denn sollte er, Treslove, nicht durch die (Falsch-)Identifikation als Jude, durch die antisemitische Beschimpfung, gleichfalls zum Leidensgenossen und Verbündeten werden? Seine jüdischen Freunde zeigen sich alles in allem wenig begeistert: Warum will man sich das schwierige Päckchen Judentum aufladen – und zwar freiwillig?

Howard Jacobson bekam 2010 für Die Finkler-Frage im Alter von 68 Jahren den  (man munkelt längst verdienten) Booker-Preis. Jacobson, der sich selbst als die „jüdische Jane Austen“ bezeichnet, hat mit Die Finkler-Frage eine Bestandsaufnahme des Jüdisch-Seins im 21. Jahrhundert geschrieben und das mit einer guten Portion Humor und (jüdischer?) Selbstironie. Klischees treffen auf Selbstprojektionen, Vorurteile auf Halbwahrheiten und so durchziehen den Roman von A wie Antisemitismus bis Z wie Zion alle Facetten des (vermeintlichen) Jüdisch-Seins. Nun ist Die Finkler-Frage kein verstricktes Thesen-Nest, sondern ein bissiges, intelligentes, bisweilen auch zynisches Buch über das Leben unter dem Davidstern. Und belässt es nicht dabei. Wenn sich drei Herren fortgeschrittenen Alters zusammentun, dann stehen, ob nun jüdisch oder nicht, eben Männerthemen auf dem Programm: Frauen, das Alter, Politik und natürlich Sex. Die schrulligen Charaktere, allen voran der trottelig-trantütige Treslove, tun ihr Übriges. Geistreich und hoch komisch – ein Buch für alle Finkler und solche, die es noch werden wollen.

Howard Jacobson: Die Finkler-Frage
DVA, 448 Seiten
Preis: 22,90
ISBN: 3421045232
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