Über Geldgier, Korruption und Mumbai

Aravind Adigas neuer Roman zeigt das Leben in Mumbai von seiner dunkleren Seite. Im Mittelpunkt steht  die Vishram Society – zwei Gebäudekomplexe die abgerissen werden sollen. Der Kampf zwischen Wohnbaugesellschaft und Einwohner ist vorprogrammiert. Sollten sich alle Bewohner einigen und den Vertrag unterschreiben, winkt ihnen allen ein Geldsegen. Nach und nach werden alle Bewohner überzeugt, nur einer weigert sich. Er ist der letzte Mann im Turm.

von SARAH PLATH

Gleich zu Beginn wird der Leser in die Wohnsituation eingeführt. Eine Übersicht mit allen Einwohnern und deren Raumnummern bietet einen Überblick. Nach und nach lernt man die einzelnen Charaktere der Gebäude kennen, auch wenn es am Anfang trotzdem schwerfällt die vielen verschiedenen indischen Namen richtig zuzuordnen. Die Vishram Society beherbergt Menschen der Mittelklasse, wobei Turm B reicher ist als Turm A, dennoch kann man hier nicht von besonders guten Verhältnissen reden. Das Wasser ist rationiert und das Gebäude hat dringend eine Kernsanierung nötig. Überdies ist es auch noch einsturzgefährdet. Da kommt das großzügige Angebot von Mr. Shah scheinbar gerade recht. Dieser gehört einer Wohnbaugesellschaft an und will die beiden Türme kaufen, um sie dem Erdboden gleich zu machen. Alle Einwohner erhalten eine großzügige Abfindung, sollten sie dem Verkauf zustimmen.  Man ahnt bereits früh, dass sich hier große Probleme anbahnen.

Gleich näher eingeführt wird der Charakter Masterji, ein älterer Lehrer, der sowohl Frau als auch Kind verloren hat. Konträr zu diesem Charakter wird Mr. Shah eingeführt. Er führt seine Absicht aus, die beiden Türme der Vishram Society aufzukaufen. Als Mr. Shah sein Angebot unterbreitet ist die Vishram Society gespalten. Wie zu erwarten, stimmt der komplette wohlhabendere Turm B direkt zu, während vier Personen aus Turm A noch zweifeln. Darunter Masterji, die Pintos, Mrs. Rego und der Internetcafé-Besitzer Mr. Kudwa. Die letzten beiden sind durch Sonderleistungen von Mr. Shah schnell überzeugt und geben klein bei. Die Pintos sind ein altes Ehepaar, welches mit Masterji befreundet ist. Solange er den Vertrag ablehnt, lehnen auch sie ab. Um Masterji umzustimmen werden immer neue Methoden ausprobiert. Mrs. Puri, die mit ihrem behinderten Sohn zusammenlebt, kämpft dabei an vorderster Front. Sie behauptet das Geld zu brauchen, um ihren kranken Sohn zu pflegen. Um Masterji dies deutlich zu machen, scheut sie sogar nicht davor zurück, seine Wohnungstür mit den Fäkalien ihres Sohnes zu beschmieren. Auch Mr. Shah scheint vor den üblichen Mafiamethoden nicht zurück zu schrecken und denkt zeitweilig daran, Masterji im Beton eines Neubaus verschwinden zu lassen. Er entscheidet sich jedoch dafür, den Hass der Bewohner zu nutzen, so dass er sich selbst die Hände nicht schmutzig machen muss. Er lässt den Kessel einfach weiter brodeln. Somit wird durch und durch das Klischee der korrupten Wohnungsbaugesellschaft genährt.

Im Folgenden wird Masterji am schwarzen Brett diffamiert, beleidigt und bedroht, jedoch ohne sich davon beeindrucken zu lassen. Weder Polizei noch Anwalt oder Medien stehen auf Masterjis Seite, oder sehen sich irgendwie in der Lage ihm zu helfen. Auch sein eigener Sohn stellt sich gegen ihn, da auch er das Geld nötig habe. Dieser geht sogar so weit, dass er es verweigert, seinen Vater überhaupt noch als solchen anzuerkennen. Auch die Pintos distanzieren sich, Masterji ist somit der letzte Mann im Turm. Es kommt allerdings wie es kommen muss und die Geldgier siegt am Ende. Einige Bewohner tun sich zusammen und schubsen Masterji vom Dach, nachdem sie ihn zuvor mit einem Hammer malträtiert haben. Unspektakulär, aber wirksam. Masterji ist tot, die Bewohner ziehen aus und kriegen ihr Geld, sind aber dennoch nicht zufrieden. Mr. Shah hat die letzte Rate nicht pünktlich bezahlt, was manchen ehemaligen Bewohner an sich zweifeln lässt: Sind sie etwa wirklich dem bösen Chef der Wohnbaugesellschaft auf den Leim gegangen? Mrs. Puri hat ihr erhaltenes Geld selbstverständlich nicht für ihren Sohn ausgegeben, dessen Zustand sich seit dem Geldsegen Zusehens verschlechtert, da seine Mutter lieber eine Betreuerin einstellt, als sich selbst um ihn zu kümmern. Einer der selbsternannten „Bösewichte“ bekehrt sich kurz vor dem Ende noch zum Guten und lehnt sogar das versprochene Geld ab, sowie das Mitwirken an Masterjis Tod. Zu allem Überfluss hält der vorher noch große Gegner Masterjis nun eine Lobeshymne auf ihn. Die Polizei zweifelt an dem angeblichen Selbstmord Masterjis und untersucht das Ganze ohne besonderen Nachdruck. Da jeder der beteiligten Bewohner ein Alibi aus der Tasche zaubert und die Hammereinschläge auf Masterjis Kopf anscheinend nicht auffallen, tut man das ganze tatsächlich als Selbstmord ab. Demnach ein Ende, das mit wenig Überraschungen aufwartet.

Die komplette Handlung ist somit von Geldgier der anderen durchzogen und Masterjis schleierhaften Motiven diesen zu verwehren. Zwischenzeitlich hat man den Eindruck, dass er es tut, um all die Erinnerungen an seine Familie nicht zu verlieren, die immerhin mit ihm in der alten Wohnung lebten. Jedoch bleibt eigentlich verborgen, ob es wirklich daran liegt. Es fällt wirklich schwer, Masterji sympathisch zu finden, da er beispielsweise Frau und Tochter sehr schlecht behandelt haben soll, zumindest wenn man den Ausführungen seines Sohnes glauben schenkt. Zudem wirkt sein Verhalten einfach trotzig. Zunächst scheint er weder für noch gegen den Vertrag zu sein, während er danach einfach nur aus Trotz und Egoismus verweigert, den Vertrag zu unterschreiben. Tatsächlich scheint er auch so naiv zu sein, dass er glaubt die Frist einfach ablaufen zu lassen, würde die Probleme lösen. Generell findet sich kaum ein Charakter, der sympathisch ist, beziehungsweise diese Sympathie auch über die 500 Seiten halten kann. Die Charaktere sind zudem schlichtweg zu einfach. Teilweise schwanken sie innerhalb einer einzigen Seite so stark zwischen den Fronten, dass bis zum Ende nicht klar wird, auf wessen Seite sie jetzt eigentlich standen. Die meisten ihrer Handlungen sind vorhersehbar und nicht besonders einfallsreich. Der Roman handelt von Klischees, die schon oft abgehandelt wurden, diesmal in Indien. Dies bringt auch direkt neue Schwierigkeiten mit sich. Indische Wörter, deren Bedeutung bis zum Ende hin nicht geklärt werden oder gar ganze Passagen. Das war zwar eher der Ausnahmefall, hat aber trotzdem gestört.
Das alte Thema sorgt dafür, dass die Handlung recht vorhersehbar war, was bei besseren Charakteren vielleicht weniger aufgefallen wäre oder zumindest mehr Spannung hereingebracht hätte.

Der Einblick in die pulsierende Stadt Mumbai ist dennoch gelungen. Man fühlt die Enge und die Beklemmung, die dort beschrieben wird. Für den ein oder anderen mag es überraschend sein, dass die Zustände in Mumbai alles andere als gut sind oder dass Wohnbaugesellschaften zumindest in Film und Literatur durch und durch böse sind sowie der Fakt, dass Geld und die Gier danach, Menschen verändert. Für alle anderen ist dies nur ein weiterer Roman, der diese Themengebiete abgrast.

Aravind Adiga: Letzter mann im Turm
C.H. Beck, 515 Seiten
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 3406621562
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