Ein naiver Junge kämpft einen Krieg, den er nicht versteht

Anwar ist ein junger und recht unbedarfter Iraker aus Bagdad, der im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland geschickt wird, um dort dem Großmufti zu dienen. Durch seine Naivität und fehlende Bildung übersieht er zu oft, was um ihn herum geschieht und dadurch wird er ausgenutzt und in gefährliche und scheinbar aussichtslose Situationen befördert, aus denen er sich jedoch dank seines „Glücks“ immer wieder retten kann.

von JENNIFER RINSCHE

Anwar lebt mit seinem Vater, der ein einfacher Mann und Arbeiter ist, in Bagdad, wo bereits seit Jahren Unruhen toben und das Militär im Alltag fest verankert ist. Jedoch nimmt er diesen Zustand nur beiläufig und gedankenlos wahr. Er wächst ohne Mutter auf und pflegt kein enges Verhältnis zu seinem Vater, dem es nur wichtig ist, dass sein Sohn sich anständig verhält und einen angemessenen Umgang pflegt. Anwar besucht die Schule, erhält jedoch keine höhere Bildung und hat kein Verständnis von Geschichte und politischen Zusammenhängen.

Eines Tages trifft Anwar auf den jüdischen Ezra, der aus einer reichen Familie stammt. Anwar versteht nicht, wieso Ezra Interesse an einer Freundschaft mit ihm hat, da sie durch ihre sehr gegensätzlichen familiären, finanziellen und intellektuellen Hintergründe nichts gemeinsam zu haben scheinen. Doch Anwar genießt die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird und er träumt von „den schönen Häusern“ der Reichen. Ezra und seine Schwester Mirjam nehmen Anwar mit zu geheimen Treffen, bei denen kommunistisches Gedankengut ausgetauscht wird und über die Zukunft des Landes diskutiert wird. Anwar versteht von alledem gar nichts, aber genießt es, in der Gesellschaft von Mirjam zu sein, die ihn mit ihrer Weiblichkeit fasziniert. Mirjam kokettiert mit ihren Reizen und manipuliert Anwar, so dass er sich auf ihre Seite schlägt.

Fortan verbringen die beiden unterschiedlichen Jungen viel Zeit miteinander und finden bei einem ihrer Streifzüge durch Bagdad in den Slums die Leiche eines Juden, der aus politischen Gründen ermordet wurde. Sie wollen ihn zur Polizei bringen, um den Mord aufklären zu lassen, doch sie werden verhaftet und in verschiedenen Zellen untergebracht. Anwar verbringt seine Haft im Dunkeln mit anderen Gefangenen, die sich über die politischen Unruhen und die Banden der Stadt austauschen. Anwar wird schließlich von Salomon, dem Vater von Ezra und Mirjam aus dem Gefängnis abgeholt. Anwars Vater ist erschüttert über die Probleme, die sein Sohn verursacht und verbietet ihm den Umgang mit Ezra und seiner Schwester, da sie seiner Meinung nach nicht zu ihm passen und ihn auf den falschen Weg führen. Natürlich pflegt Anwar weiterhin Kontakt zu Ezra und wohnt den Treffen der kommunistischen Jugend bei. Als er eines Abends auf dem Heimweg in eine Demonstration gerät, wird er vom zwielichtigen Bandenführer Malik aufgegriffen, der ihn fortan unter seine Fittiche nimmt. Malik ist Anführer einer Bande von Dieben und er lehrt Anwar das Klettern, so dass er sich an den Mauern Bagdads empor schlängeln kann, um in Häuser einzudringen. Anwar sieht in Malik einen Vaterersatz, da er ihm vieles beibringt, das ihn auf der Straße weiterbringt. Er fühlt sich mit ihm verbunden und setzt die Befehle stumm und ohne Fragen um. Die Hörigkeit geht so weit, dass Anwar einen Mann tötet, der Malik töten will.

Gleichzeitig arbeitet Anwar noch für Nidal, der der Vater eines unangenehmen Jungen namens Fadil aus seiner Klasse ist. Nidal setzt ihn als Spion ein und will alles über Malik und sein Vorhaben wissen. Zudem verrät Anwar die Vorhaben von Ezras Gruppe an Malik und spielt somit ein falsches Spiel, ohne es zu wissen. Anwar kennt keine Moral und fühlt sich nicht als Verräter. Nidal ist Mitglied der „Schwarzhemden“, eine Militärgruppe, die den Nationalsozialisten in Deutschland freundlich gestimmt ist, da sie ebenfalls einen Groll gegen die Juden hegt. Da kommt Anwars Freundschaft mit Ezras Familie gerade recht, denn er soll für sie in das Haus eindringen und die Gruppe um Nidal hineinlassen.

Nach dem Verrat sieht er Ezra und Mirjam nicht mehr und arbeitet nur noch für Nidal. Er wird dem Großmufti als Diener angestellt und soll mit ihm nach Berlin fliegen. Dort angekommen beginnt für den irakischen Jungen eine Zeit voller neuer Erfahrungen in einer fremden Kultur, die er nicht versteht. Mit seiner Naivität begreift er nicht, wieso der Mufti nach Berlin gereist ist, versteht allerdings, dass er sich mit Adolf Hitler trifft und anderen wichtigen Personen aus dem Nazi-Regime, um gemeinsame politische Ziele zu besprechen. Welche das sind, erfährt er nicht. Gemeinsam mit Fadil ist er Diener des Großmuftis und nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Dennoch schleicht er sich des Öfteren aus dem Hotel, in dem sie wohnen, um sich Berlin anzuschauen. Er bewundert „die schönen Häuser der Reichen“, von denen er in Bagdad bereits geträumt hat. Als es zunehmend düsterer für Deutschland aussieht, werden er und Fadil ins Ausbildungslager für Soldaten geschickt und kämpfen an der Front in Russland und Polen. Bei einem Angriff wird er schwer verletzt und landet in einem Lazarett in Krakau und lernt dort Dr. Stein kennen, der ihn sehr gut behandelt. Anwar hat schwere Brandverletzungen erlitten und sein Gesicht ist fortan entstellt und er erkennt sich selbst nicht wieder. Ihm gelingt mit Dr. Stein die Flucht zurück nach Deutschland, dort landen sie in Dresden und er kommt letztendlich wieder zurück in den Irak.

Nach Jahren meint er Dr. Stein im Nachbarhaus entdeckt zu haben und beobachtet ihn fortan jede Nacht. Eines Tages bricht er in dessen Haus ein und entdeckt eine Zeitschrift, die ihn zu Nidal führt, der mit Dr. Stein dieses vermeintlich zufällige Treffen initiiert hat. Anwar wird abermals für die Zwecke der Politik missbraucht und soll am Flughafen beobachten, wie viele Juden täglich nach Israel auswandern. Dort trifft er Ezra und Ephraim, die ihm verständlicherweise feindlich gestimmt sind und sie gehen auseinander.

Ein weißes Land von Sherko Fatah bietet auf 480 Seiten eine teilweise langatmige Geschichte über einen jungen Iraker, der nicht weiß, mit welchen Leuten er sich einlässt und welchem Zweck und welcher Sache er eigentlich dient. Die Erzählung mutet an, ein Bildungsroman zu sein, doch bleibt die Entwicklung und Reifung der Persönlichkeit am Ende aus. Die vielen Jahre, die der Leser aus Anwars Schicksal miterlebt, ziehen sich vor allem in den Kriegspassagen in die Länge. Oft wird nicht klar, worauf das Erzählte abzielt und dies bringt den Leser in die Situation des Protagonisten. Insgesamt ist der Roman durchaus unterhaltend, hat jedoch durch die Langatmigkeit deutliche Schwächen und bereitet Schwierigkeiten beim Lesen. Dennoch bringt die Geschichte einem Europäer Sichtweisen der arabischen Welt über den Nationalsozialismus nahe und ist dadurch informativ und eröffnet neue Sichtweisen. Doch stellt sich am Ende des Romans Ernüchterung ein, da man das Gefühl hat, dass der Protagonist nichts dazugelernt hat. Als Leser wünscht man sich einen einsichtigeren Charakter als den naiven Anwar, der nicht zur Selbstreflexion fähig ist.

Sherko Fatah: Ein weißes Land
Luchterhand: 480 Seiten
Preis: 21,99 Euro
ISBN: 978-3630873718
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