Roman über das Leben von Juden im Ghetto

Eindringlich und berührend beschreibt der schwedische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg jüdisches Leben am Rande der Existenz – und zeichnet zugleich ein aufschlussreiches Bild von dem Mann, „der das Ghetto war“.

von JONAS PODLECKI

Das jüdische Ghetto während des 2. Weltkriegs: ein beengender Ort, an dem beklemmende Lebensbedingungen herrschen. Auf engstem Raum leben hunderttausende Juden zusammengepfercht wie Tiere. Mit größter Mühe schleppen sie sich durch kalte Wintertage, hungern, quälen sich durch Alltag und Arbeit. Den einzigen Halt an diesem Ort bietet die behütete Wärme der Familie. Solange man sie hat, ist das Leid erträglich. Für sie setzt man das eigene und das Leben anderer aufs Spiel. Doch wie viel Leid kann der Mensch ertragen? Um diese Frage kreist der Roman Die Elenden von Łódź (Klett-Cotta) des Schweden Steve Sem-Sandberg.

Mordechai Chaim Rumkowski, Judenältester und somit Oberhaupt des Ghettos Litzmannstadt (Łódź), ist verantwortlich für das Leben von mehr als hunderttausend Juden. Zusammen mit der jüdischen Ghettoadministration verwaltet und organisiert er den Alltag im stacheldrahtumzäunten Gebiet. In allen Angelegenheiten ist er die Ansprechperson für deutsche Behörden. Wenn Juden „ausgesiedelt“ werden sollen, kümmert er sich um die ordnungsgemäße Durchführung der Deportationen, oftmals mit brutaler Gewalt. Greift er nicht rigoros durch, rückt die SS an und setzt bestialische Methoden ein. Er tut alles, um die jüdische Selbstverwaltung aufrechtzuerhalten. Alles, bis zur großen Säuberungsaktion im September 1942.

Der Judenälteste, von den Ghettobewohnern spöttisch „Pan Śmierć“ (Herr Tod) genannt, ist ein perfider Karrierist, der sich bei deutschen Behörden anbiedert, um das eigene Leben und das seiner Angehörigen zu erleichtern. Seine hohe Stellung nutzt er aus, um seine Macht zu demonstrieren. Während andere Familien Hunger und Kälte leiden aufgrund miserabler Lebensbedingungen, verfügt er über genügend Lebensmittelrationen und Heizmittelreserven, um den Winter problemlos zu überstehen. Es gibt jedoch eine andere Seite des Herrn Präses, eine Seite, die offensichtlich Sympathien weckt. Rumkowski errichtet Kinderheime und verschafft Jugendlichen Arbeit. Nur so entgehen sie der Deportation wegen Arbeitsuntauglichkeit. Machtlos muss er mit ansehen, wie die SS Kinder unter zehn Jahren abtransportiert, weil sie zu jung sind zum Arbeiten. Er zieht sich zurück, leidet im Stillen, und zeigt damit seine menschlichsten Züge. Steve Sem-Sandberg schildert dies eindringlich und ungeschönt. Ihm gelingt es tatsächlich, Zweifel zu wecken an einem Urteil, das endgültig sein müsste. Man ist hin- und hergerissen zwischen Ekel und Mitgefühl, wenn der Judenälteste als Abschluss einer Rede über den Abtransport von Kindern verkündet: „Man braucht das Herz eines Räubers, um das zu verlangen, was ich jetzt von euch verlange. Versetzt euch aber in meine Lage. Denkt logisch und zieht eure eigenen Schlussfolgerungen. Ich kann nicht anders handeln, als ich es tue, weil die Zahl jener Menschen, die ich auf diese Weise retten kann, weit höher ist als der Teil, den ich gehen lassen muss.“

Steve Sem-Sandberg zitiert mit der Rede den Judenältesten wörtlich. Er greift dabei auf Die Chronik des Gettos Łódź/Litzmannstadt (Wallstein Verlag) zurück, worin die Rede Rumkowskis wiedergegeben ist. Auch sonst sind viele Textpassagen wörtliche Zitate aus diesem Werk oder anderen historischen Quellen. Erkennbar sind sie an der kursiven Schrift. Steve Sem-Sandberg verknüpft Fakt und Fiktion zu einer harmonierenden Symbiose, die den Roman zu einer ungeheuer authentischen Lektüre gedeihen lässt.

Neben dem Judenältesten als Hauptfigur enthält der Roman zahlreiche Nebenfiguren, deren Schicksal anschaulich und ausführlich beschrieben wird. Die Kinderschwester Rosa Smoleńska beispielsweise kümmert sich liebevoll um elternlose Kinder, organisiert öffentliche Chorauftritte oder übt mit den Heimkindern das Verhalten in bestimmten Situationen. Was tun, wenn die SS erscheint, und was, wenn der Judenälteste sie besucht? Auch das Leben von Neuankömmlingen spielt eine wichtige Rolle, sind sie doch das Spiegelbild, an dem sich das wahre Wesen der Ghettobewohner offenbart. Kurz nach ihrer Ankunft werden sie beklaut, weil sie, im Vergleich zu allen übrigen, im Besitz von Wertgegenständen sind. Zugleich sucht man ihre Ärzte auf, um kranke Angehörige behandeln zu lassen. Auch die Hinzugezogenen werden die mehrere Jahre währende Romanhandlung über detailliert dargestellt. Zum Beispiel ist da die Familie Schulz, die von Prag nach Litzmannstadt zwangsverschickt worden ist. Aufopferungsvoll pflegen Vater und Tochter die kranke Mutter und verzichten auf Nahrung, damit diese gesundet, oder verstecken sie vor der heranrückenden SS, als alle Kranken aus dem Ghetto evakuiert werden sollen. Auch schmeichlerische Kollaborateure und infame Opportunisten gibt es im Ghetto. Das Böse tritt auf als charmanter Jude einer Sonderabteilung, der seine eigenen Umstände erträglicher gestaltet, indem er mit den Nazis zusammenarbeitet. Oder aber die Bestie erscheint als schmerbäuchiger Zuhälter, der junge jüdische Frauen verkauft. Das Böse ist in jedem, wenn es um die eigene Haut geht.

Vor allem die Nebenfiguren beleben den Roman. Sie veranschaulichen den Arbeitsalltag im Ghetto. Ihr Spektrum reicht von einfachen Arbeitern über besonders Privilegierte hin zu einfachen Kriminellen, die im ghettoeigenen Gefängnis landen, weil sie gestohlen haben. Alle diese Figuren illustrieren die unmenschliche Qual und den Überlebenskampf unter lebensbedrohlichen Bedingungen. Das Ghetto ist ein Kollektiv zusammenlebender Juden. Leid aber ist nur ersichtlich am individuellen Schicksal des Einzelnen. Daher sind die Nebenfiguren das Herzstück des Romans. Sie rücken das menschliche Schicksal des Einzelnen in den Vordergrund und geben der katastrophalsten Begebenheit des 20. Jahrhunderts einen Namen.

Steve Sem-Sandberg ist ein großartiger historischer Roman gelungen. Auf über 600 Seiten zeichnet er präzise und akribisch das Leben im Ghetto, seziert eine Welt, in der Retter und Verräter im eigenen Haus wohnen und das Böse keine Gnade kennt. Geschichte verkleidet als packender Roman.

Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź
Klett-Cotta, 651 Seiten
Preis: 26,95 Euro
ISBN: 978-3608938975
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