Die tausendundzweite Nacht

Dem Sultan ist langweilig. Tausendundeine Nacht lang hat Scheherazade ihn gut unterhalten und damit ihre Verurteilung zum Tode hinausgezögert. Stets hatte sie ihre Geschichten an einem besonders spannenden Punkt unterbrochen, um am nächsten Abend weitererzählen zu können und so ihr Leben zu verlängern. Jetzt ist es vorbei. Ihr fällt nichts mehr ein. Kurz vor der Hinrichtung klopft es an ihrem Verlies. Ein Bote bringt ein wohlverschnürtes Paket. Scheherazade packt aus und staunt: Ihre heimlich getätigte Online-Buchbestellung ist auf Umwegen endlich eingetroffen. Ihr Herz hüpft. Sie ruft die Palastwache und bittet um eine letzte Audienz beim Sultan. Als diese ihr gewährt wird schüttelt sie ihr letztes As aus dem Gewand: Craig Thompsons letztes Werk Habibi. Wird diese graphische Erzählung den Sultan vor der Langeweile und Scheherazade vor dem Tod bewahren?

Von SARAH ZIMMERMANN

Dass der alte Orient, wie Europäer ihn sich gern vorstellen, und hochtechnisierte Megacitys nicht unbedingt unvereinbare Gegensätze bilden, beweist Habibi meisterhaft, indem es zeittypische Phänomene gekonnt miteinander verknüpft. Vermutet man zu Beginn der Geschichte um zwei Kinder, die auf der Flucht vor Versklavung einander immer wieder das Leben retten, man befinde sich um mindestens 200 Jahre zurückversetzt, so wandelt sich dieser Eindruck im letzten Drittel dieser Graphic Novel, die 2011 endlich in der deutschen Übersetzung erschienen ist.

 

Die Handlung spielt sich in einem fiktiven Wüstenland ab. In teilweise ornamental reich gestalteten, je nach Inhalt mal statisch angeordneten, mal sehr dynamischen Bildfolgen erzählt Craig Thompson, wie das Mädchen Dodola mit einem Schriftgelehrten verheiratet wird, der ihr Lesen und Schreiben beibringt und ihr so Zugang zur Welt der überlieferten Geschichten schafft. Diese Geschichten begleiten sie durch ihr Leben und werden ihr und Zam, dem Jungen, den sie später rettet, zum Anker in schweren Zeiten. Denn nach der Ermordung ihres Ehemannes lebt Dodola ein Leben im Versteck, in ständiger Angst als Sklavin verkauft zu werden.

 

Bildlich eindrucksvoll dargestellte, von Dodola vorgetragene Koranrezitationen fügen eine weitere Erzählebene hinzu. Hier werden oft Textstellen verwendet, die im alten Testament wie im Koran fast identisch vorkommen. Solche Stellen fügen sich auf unaufdringliche Weise in die Handlung ein und wirken niemals moralisierend oder belehrend. Sie regen im Gegenteil dazu an, sich mit den Geschichten der Bibel oder des Korans einmal losgelöst von allen religiösen Debatten zu beschäftigen. Außerdem sind sie nie willkürlich gewählt, sondern stehen stets allegorisch für den Verlauf der Handlung. Thompson spielt auch sehr geschickt mit Zeitebenen, immer wieder gibt es Rückblenden, die die Vorgeschichte der Hauptfiguren beleuchten. Das wirkt an keiner Stelle verwirrend, denn der Autor beherrscht fast filmisch anmutende Techniken zur Visualisierung der verschiedenen Zeitstränge: Einmal werden Erinnerungen durch schwarz umrahmten Seiten kenntlich gemacht, an anderen Stellen durch veränderte Lichtverhältnisse oder verschiedene Panelarten.

 

Im Kontrast zur dargestellten Märchenhaftigkeit steht die brutal-patriarchalische Männerwelt, die beide Figuren schmerzhaft immer wieder spüren lässt, dass sie aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden und von ihr nichts mehr zu erwarten haben, außer bloß geduldet zu sein.

 

Habibi, zu Deutsch u. a. „Mein Liebling“, bietet wunderbare Unterhaltung und eine ergreifende Liebesgeschichte nach klassischem Muster, aber neu und spannend erzählt. Ich empfehle dieses Buch!

Und die tausendundzweite Nacht verging auch dem Sultan wie im Fluge…

 

Craig Thompson: Habibi
Reprodukt, 672 Seiten
Preis: 39, 00 Euro
ISBN: 978-3941099500
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