Das Leben auf 1200 Seiten

Dein Name von Navid Kermani ist ein ehrgeiziges Projekt dessen Mission wohl unter keinem geringeren Ziel stand etwas Einzigartiges zu schaffen. Dein Name ist ein Tagebuch, ein Totenbuch und eine Familiensaga. Das alles vereint auf 1200 Seiten. Der Tod ist in diesem Buch ein zentrales Thema. Es soll an verstorbene Menschen erinnern. Meistens sind diese Erinnerungen sehr persönlich gefärbt aus der Sicht des Erzählers. Dabei stellt sich die Frage, was bleibt eigentlich nach dem Tod?

von DENISE BÖHLKE

Diese Erinnerungen an die Toten sind die einzigen Stellen, die im Roman hervorstechen durch jeweils ein Foto und eine veränderte Schriftform. Sonst reiht sich in diesem Buch alles nahtlos aneinander. Es gibt keine Kapitel, höchstens Absätze und davon auch nicht übermäßig viele.

Es ist genau so wie das Leben auf jeden von uns einprasselt. Das Buch beginnt im Juni 2006 und endet im Juni 2011. Es bemisst die fünf Jahre seiner Entstehung und versucht sie im Kleinsten wiederzugeben. Ein Roman wie es noch keinen gab, wird dem Leser im Klappentext versprochen. Und ist es wirklich so. Navid Kermani streicht zum Beispiel keine Textpassagen. Wenn er im Nachhinein etwas als misslungen bewertet, dann wird es im folgenden Absatz genannt und überlegt, wie er es anders hätte formulieren können.

Als Leser von Dein Name weiß man nie, wo es einen im nächsten Moment hin verschlägt. Mal geht es um die Ehe des Erzählers und ihr Scheitern, mal um einen Afghanistaneinsatz, den er als Reporter begleitet, den Schreibprozess an diesem Buch oder die Verhandlungen mit dem Verleger. Einen großen Anteil nimmt die Geschichte seines Großvaters ein, die mit dem Iran im 20. Jahrhundert eng verknüpft ist. Eine Reise in die Vergangenheit der Familie. Gedankenspiele zu Jean Paul und Hölderlin. Überlegungen zu Liebe und Sex. Auch ganz aktuelle Geschehen wie die Atomkatastrophe in Fukushima oder die Ermordung von Osama bin Laden werden aufgegriffen. Alles steht nebeneinander, das Heilige und das Profane, und erhält keinerlei Gewichtung. Und auch leider keinerlei Erkenntnisgewinn für den Leser.
Genauso wie die Themen stehen auch die Genres in diesem Buch nebeneinander. Auf dem Cover des Buches steht Roman, aber es vereinen sich in ihm auch Autofiktion, Essay und Reportage. Dieses Durcheinander geht leider auf Kosten der Aufmerksamkeit der Leser.

Die Schauplätze des Romans bewegen sie unter Anderem zwischen Teheran, Köln und Kabul. Der Erzähler heißt Navid Kermani und schreibt in der dritten Person von sich als Romanschreiber. So manches Mal bringt er sich aber auch als reflektierenden Ich-Erzähler ein.

Navid Kermani wurde als Sohn iranischer Eltern in Siegen geboren. Er ist habilitierter Orientalist und ein herausragender Publizist auf dem Gebiet der Religionswissenschaft.

Das Buch ist ein Versuch die Welt und ihr Geschehen abzubilden. Dabei ergibt sich jedoch ein Problem. 1200 Seiten reichen nicht aus um das zu tun. Aber aus der Sicht des Lesers sind sie schon mehr als genug.

Navid Kermani – Dein Name
Hanser, 1232 Seiten
Preis: 34,90 Euro
ISBN: 978-3446237438
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