Von einem Opfertäter

Tragisch und lustig, ohne tragikomisch zu sein. Über ein groteskes Stück, das Befremden hervorruft, jedoch eindringlich und wirksam vorführt, was der Mensch ist. Über die Woyzeck-Inszenierung am Schauspielhaus Bochum.

von JONAS PODLECKI

»Bin ich ein Mörder?«, fragt Woyzeck blutüberströmt, nachdem er die Mutter seines Kindes ermordet hat. »Ja, ein Mörder.«, antwortet ein menschenähnlicher Cherub, der über ihm sitzt auf dem Rand eines Lochs, das den Eingang zum Himmel darstellt. Franz Woyzeck ist ein Mörder, und zugleich Opfer seiner Umstände – der Welt, in der er lebt, und der Menschen, die sein Leben mitbestimmen. David Bösch zeigt das Stück von Georg Büchner in einer modernen, grotesken, lustigen und zuweilen bedrückenden Inszenierung, die an experimentelles Theater erinnert, ohne jedoch den Bezug zum Original einzubüßen.

Ein Mann tritt vor den Vorhang, eine Kette aus weißen Lichtern ziert seinen Leib. Er wendet sich an das Publikum, spricht vom Menschen als ein tierisches, viehisches Wesen. Nicht seine geistige Stärke und Überlegenheit hebt sich ab, sondern seine niederträchtige, triebgesteuerte Leiblichkeit. Der Mann geht und der Vorhang öffnet sich. Die Bühne erinnert an eine eckige Gruft. In der diagonal nach oben steigenden Decke ist eine gewaltige runde Öffnung, aus der wenig Licht sickert. Quer über den Boden verteilt liegt weißes Pulver. Woyzeck befindet sich in der Mitte der Bühne. Ein Helm ist an seinem Kopf fixiert, von dem mehrere lange Schläuche aus dem Loch hinaus nach oben führen. Der Doktor humpelt von hinten an Woyzeck heran mit den Worten: »Woyzeck hat an die Wand gepisst!« Der Mensch ist ein perfides Tier. Dieses Menschenbild ist von Beginn an deutlich. Regisseur David Bösch zeigt, wie schlimm es um den Menschen steht.

Franz Woyzeck (Florian Lange) ist Laufbursche eines Hauptmanns (Holger Kunkel). Für sein uneheliches Kind und dessen Mutter Marie (Friederike Becht) reichen seine ärmlichen Einkünfte kaum aus. Sie führen ein entbehrungsreiches Leben. Marie ist der einzige Mensch, der Woyzeck Liebenswürdigkeit entgegenbringt. Dies ändert sich, als sie der rustikalen Buhlerei eines Tambourmajors (Nicola Mastroberardino) erliegt. Als Woyzeck davon erfährt, ist er verlassen und allein in der Welt. Nur imaginäre Stimmen leisten ihm Gesellschaft. In der Konfrontation mit dem Tambourmajor unterliegt er. Verzweifelt begegnet er ein letztes Mal Marie und seinem kleinen Kind.

Die Welt um Woyzeck herum ist bevölkert von grotesken Gestalten. Sie gemahnen an ein zum Leben erwecktes, wildgewordenes Wachsfigurenkabinett. Ausdrücklich sichtbar bei der Darstellung eines Jahrmarktsbesuches. Der Hauptmann ist ein perfider, alter Krüppel, der seinen Arm verloren hat und an einen Rollstuhl gefesselt ist. Er nutzt Woyzeck auf jede erdenkliche Weise als Faktotum aus. Andres (Raiko Küster) ist ein buckliger Obdachloser, der seinem Freund keine Hilfe ist. Käthe (Kristina-Maria Peters) ist ein engelsgleiches Wesen, das Krücken bedarf, weil seine Beine gelähmt sind. Am eindringlichsten ist die Figur des Tambourmajors. Er ist ein glatzköpfiger, psychopathischer Metal-Rocker, der keine Anzeichen sozial verträglichen Verhaltens zeigt. Seine Avancen sind rein körperlicher Natur. Zwei Ohrringe als Geschenk drückt er Marie in die Hand als bezahlte er eine Prostituierte für ihre Dienste. Wenn zwischen Zeige- und Mittelfinger seine Zunge hervorbricht wie ein zappelnder Fisch, sieht man sofort, was seine Lieblingsfreizeitbeschäftigung ist. Seine Bandmitglieder sekundieren ihm bei dieser Geste männlicher Liebesbekundung. Auch wenn man ihre Liebe gegenüber Woyzeck zu Beginn glaubt, so sehnt sich Marie doch nach einem starken, selbstbewussten, wohlhabenden und mündigen Mann, im Grunde dem Gegenteil dessen, was Woyzeck darstellt. Ein Kind ist mehr als genug. Im Tambourmajor sieht sie ihre Sehnsüchte erfüllt.

Die psychische Verfassung Woyzecks tritt erstaunlicherweise selten offen zutage, obwohl sie das auffälligste Indiz für sein seelisches Befinden ist. Einige Male werden schizoide Symptome wie beiläufig erwähnt, ohne weiter berücksichtigt zu werden. Doch ist dies nicht weiter schlimm. Eine durchdringende Dissonanz macht hin und wieder auf sein Zerrüttetsein aufmerksam. Der Schall einer klirrenden Elektrogitarre und einer quietschenden Geige, der Klang einer misstönenden Trompete und eines donnernden Schlagzeuges ist einfach markerschütternd. Insbesondere, wenn es laut und gleichzeitig geschieht. So muss man sich den Schrei von Woyzecks Seele vorstellen.

Von den Schauspielern ist Nicola Mastroberardino als Tambourmajor am augenfälligsten. Aus der Triebhaftigkeit seiner Figur macht er keinen Hehl. Er stellt den Prototyp eines, im wahrsten Sinne des Wortes, viehischen Menschen dar. Demonstrationen der Vorliebe seiner Figur für Cunnilingus äußert er ebenso freimütig wie deren Wollust gegenüber Marie. Er grapscht ihr an den Hintern oder an die Brust, er zieht seine Hose aus und stimuliert seinen Penis – vor den Augen des Zuschauers. Diese Überspitzung mag erschüttern, passt aber hervorragend zur grotesken Darstellung der Figur und des gesamten Stücks. Sie sorgt zudem für die meisten Lacher. Daneben überzeugen Florian Lange als Woyzeck und Friederike Becht als Marie. Beide spielen mit der nötigen Tragik ihrer Figuren, um ihre Performance glaubwürdig zu gestalten.

Die Woyzeck-Inszenierung von David Bösch ist gewöhnungsbedürftig. Nicht jeder wird sich mit den Übertreibungen und Überspitzungen anfreunden können. Die Szenerie wirkt sehr düster, atmosphärisch, manchmal etwas befremdlich. Aber wer sich darauf einlässt, wer offen ist für eine moderne, groteske Darbietung des Woyzeck-Stoffs, der kann sich dieses Stück anschauen. Ein Zurücklehnen und Genießen ist allerdings unwahrscheinlich. Ob im positiven oder im negativen Sinne, das muss der Zuschauer für sich entscheiden.

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