Auf der Suche nach der verlorenen Mutter

Frau Huston, was wollen Sie in Infrarot eigentlich erzählen? Geht es um familiäre, eheliche, interkulturelle Liebe? Geht es um leidenschaftlichen, verbotenen, erzwungenen Sex? Um Begehren? Um Kunst? Um Verlust und Angst? Oder etwa darum, in einem einzigen Roman alle Themen dieser Welt anzusprechen?
Zwei Jahre nach der französischen Erstveröffentlichung ist Nancy Hustons Roman Infrarot nun auch in Deutschland erschienen.

Von HANNAH KONOPKA


Schauen wir doch mal, wie der Rowohlt Verlag, der das Buch am 9. März herausgegeben hat, es zusammenfasst. Im Klappen- und Werbetext steht:
„Vater und Tochter reisen durch die Toskana. Acht Tage, acht Kapitel.“
Ja, so kann man es sagen. Weiter heißt es:
„Während der Vater, ein jüdischer Historiker, in den Museen und vor Michelangelos ‚David‘ im Kunstgenuss schwelgt, simst Rena erotische Botschaften an ihren arabischen Liebhaber Aziz in Paris.“

Moment mal, Historiker? Vater Simon ist doch beruflich als Neuropsychologe gescheitert und von „im Kunstgenuss schwelgen“ kann keine Rede sein, wenn er sich eigentlich nur für ein Gespräch über Davids Genital begeistern kann.*  Rena „simst“ auch keine erotischen Botschaften an ihren Liebhaber, sondern provoziert in den genauso seltenen wie kurzen Telefonaten mit Aziz handfeste Streitigkeiten.
Der Verfasser des Rowohltschen Verlagstextes schreibt weiter, dass auch Renas etwas dümmlich wirkende Stiefmutter Ingrid dabei ist, dass zur Zeit der Reise im heimischen Paris heftige Unruhen ausbrechen und dass sowohl Aziz als auch ihr Chef Rena bitten, zurückzukommen (sonst droht Beziehungsaus und Kündigung). Obendrein verliert sie ihre Handtasche (Rena selber ginge höchstwahrscheinlich auf die Barrikaden, trägt sie doch aus Überzeugung nur Rucksäcke, da hat man wenigstens die Hände frei). Damit ist auch das letzte Viertel des Buches annähernd erzählt. Auf die Spitze getrieben wird der Text im Abschlusssatz:
„Ein sinnlicher, bestechend freizügiger und kluger Roman über Erotik, Kunst, Väter und Töchter und die vielen Möglichkeiten zu leben.“ Scheinbar war hier jemand ziemlich verwirrt…

Männer und Mütter

Vielleicht ist das Hauptthema des Romans Renas verdrehte Beziehung zu Männern. Die Abwesenheit der Mutter und eine vermeintliche Schuld, das unterwürfige, inzestuöse und in Missbrauch mündende Verhältnis zu ihrem Bruder Rowan, das Begehren ihres jungen Körpers fast aller erwachsener Männer, außer des Vaters, all das erfahren wir abseits der Toskana-Reise durch die Gedanken Renas, die sie durch Aufforderung ihrer imaginären großen Schwester Subra (der Nachname der Fotografin Diane Arbus rückwärts) preisgibt. Als Fotografin hat sie sich auf Infrarot-Aufnahmen spezialisiert, am liebsten porträtiert sie auf diese Weise Männer beim sexuellen Höhepunkt. Die Kamera hier als Ersatz-Penis zu interpretieren, bietet Huston selber an.

„‚(…) Was soll denn der Quatsch, dass die Frauen den Blick senken, dem Blick entsagen, den Blick abwenden, so tun, als hätten sie keinen, keinen Blick, damit der Mann sich für den Einzigen hält, der schaut, sieht, nimmt und einnimmt? Wovor habt ihr eigentlich Angst, was würde man sehen? Ich weigere mich, den Blick abzuwenden, stell dir vor. Ich schaue!’ Das war sogar das Allererste, was ich auf eigene Faust gemacht habe: eine Kamera stehlen und lernen, sie zu benutzen: ausrichten, zoomen, mit der Lupe betrachten, vergrößern, abdrücken und noch mal abdrücken.“

Ihrer eigenen ‚Macht‘ über Männer ist sich Rena sehr bewusst: Sie scheint in der Lage, jeden einzelnen Mann verführen zu können, doch sich mit einem einzigen zufriedengeben, diese ‚Macht‘ nicht immer wieder austesten, dem Leser eine andere Beziehungsgeschichte anbieten, eine, die nicht mit Sex zu tun hat, das kann sie nicht. Stillstand kennt sie nicht. Schon der fünfzehnjährigen Rena diagnostiziert ihr Psychiater (natürlich hatte sie auch mit diesem eine Affäre) Nervosität, Schlaflosigkeit und „Momente von Depersonalisierung.“
In ihrem turbulenten Leben mit drei Ehemännern, zahlreichen Liebhabern und zwei Söhnen scheint sie immer auf der Suche nach etwas zu sein. Am Ende des Buches, als ihr Sohn selber Vater wird und Simon „Verzeih mir“ stammelt, flüchtet sie sich in die Arme von Ingrid. Die ganze Zeit gefehlt hat Rena eine Frau, ein Vorbild, eine Mutter. Eigentlich wird das auch schon auf der ersten Seite klar, die eine Vorausschau des Endes ist.

Frau Huston, bitte ersparen sie uns doch beim nächsten Mal das ganze Kunstgequatsche. Renas Assoziationen, die angesichts der Werke der großen Meister aufkommen, wirken reichlich weit hergeholt. Ein Zusammenhang der toskanischen Landschaft, da Vincis Mona Lisa und Renas Mutter Lisa Heyward ist doch ziemlich oberflächlich und hat auch nicht viel Sinn. Ein bisschen weniger Sex, ein bisschen weniger Philosophiererei, dafür die Konzentration auf ein bestimmtes Thema, das wär’s!

Nancy Huston: Infrarot
Rowohlt, 336 Seiten
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3498030148

* hier konnte dank eines Leserkommentars eine Stilblüte geglättet werden

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s