Noch Fragen?

Ein Roman, der nur aus Fragen besteht? Geht das überhaupt? Wird dabei Handlung erzeugt? Gibt es einen Protagonisten? Welche Rolle spielen die Antworten? Wer soll sie geben? Ist das nur Spielerei? Oder ein ernstgemeinter Roman? Wie verläuft der Lektüreprozess? Macht es Spaß, all diese Fragen zu lesen? Oder gibt man nach wenigen Seiten entnervt auf? Wird das jetzt eine Rezension in Fragen? Und, „wie stehen Sie zur Kartoffel?“

Von KATJA PAPIOREK

Keine Angst, ich widerstehe der Versuchung, die gesamte Rezension in Fragen zu formulieren. Ich erzähle lieber von meinen Erwartungen an einen Roman in Fragen. Dabei schrecke ich nicht vor dem Gebrauch der ersten Person Singular zurück. Denn genau darum geht es hier: um mich.

Ich lese Romane, die in losen Kapiteln in einer Schachtel erscheinen (B.S. Johnson: The Unfortunates) und hüpfe durch Bücher, als wären sie ein Kinderspiel (Cortázar: Rayuela). Eines meiner Lieblingsbücher gehört nur mir allein, weil es sich dabei um einen „von 109 027 350 432 000 möglichen Romanen“ handelt und niemand sonst auf der Welt ein identisches Exemplar besitzt (Nanni Balestrini: Tristano). Von Italo Calvino lasse ich mich bereitwillig zum Helden seines Romans machen (Wenn ein Reisender in einer Winternacht). All diese Texte faszinieren mich nicht wegen der erzählten Geschichte. Es geht vielmehr darum, WIE erzählt wird. Die Form ist ausschlaggebend für mich. Nun also ein Roman in Fragen. Warum nicht?

Das halte ich zunächst für eine Spielerei. Ich erwarte eine Geschichte, bei der jede Aussage in Form einer Frage formuliert ist. Das ist zu Beginn sicher irritierend, aber ich vermute, dass ich mich daran schnell gewöhnen werde. Tatsächlich glaube ich also, den Autor bereits durchschaut zu haben, noch bevor ich das Buch überhaupt aufschlage. Doch dann kommt alles anders. Die Fragen konstruieren keine Handlung, ich suche vergeblich nach einem Zusammenhang. Häufig wollen die Fragen so gar nicht zueinander passen. Nach welchen Kriterien die Reihenfolge und Anordnung zu einzelnen Absätzen erfolgt, ist mir ein Rätsel. Was soll das mit der Kartoffel? Welche Rolle spielt es, ob und wie ich als Kind das Radfahren erlernt habe? Will ich das wirklich lesen? Fragen über Fragen. Ernst, intelligent, absurd, lustig, tieftraurig, rhetorisch, manchmal unfassbar nervig. Und wer weiß, vielleicht enthält der Roman sogar die passende Frage zu einer der bekanntesten Antworten der Weltliteratur: „42.“

„Haben Sie Kopfschmerzen?“, fragt mich der Erzähler. Noch nicht. Aber sicher bald. Als es plötzlich um Socken geht, fühle ich mich gar ertappt: „Bereiten Ihnen Socken Sorgen, die farblich zwar durchaus, in subtilerer Hinsicht jedoch nicht zur übrigen Kleidung passen?“. Großen Spaß hingegen habe ich immer dann, wenn das Buch selbst zum Thema wird. Augenzwinkernd spielt hier der Erzähler (oder besser Erfrager?) mit meinen Erwartungen, mit meinen Leseeindrücken, mit meiner Abwehrhaltung gegenüber all seinen Fragen: „Ist Ihnen klar, was ich damit meine? Ist Ihnen klar, warum ich Ihnen all diese Fragen stelle? […] Sollte ich weggehen? Sie in Frieden lassen? Sollte ich mit meinen Fragen nur mich selbst behelligen?“. Schade ist, dass bei der deutschen Fassung des Titels die erste Frage verlorengegangen ist. Aus The Interrogative Mood. A Novel? wird hier der Roman in Fragen – auf der Strecke bleibt der Diskurs über Gattungsgrenzen.
Und nun? Handlung? Protagonist? Spielerei? Ich ernenne mich selbst zum Protagonisten, lasse mir die unzähligen Fragen gefallen, kann frei entscheiden, ob ich antworte oder die Auskunft verweigere – und auf diese Weise bin ich auch selbst für das Konstituieren von Handlung verantwortlich. Es geht um mich. Vielleicht wird der Roman in Fragen so zu meiner ganz persönlichen Madeleine. Auch hier halte ich meinen ganz eigenen Roman in Händen. Aber Powells Roman ist viele Romane – weil jeder Leser seine eigenen Antworten gibt. Also geht es auch um Dich. „Wann können wir mit einer Antwort rechnen?“

Padgett Powell: Roman in Fragen
Aus dem amerikanischen Englisch von Harry Rowohlt
Berlin Verlag, 192 Seiten
Preis: 17,90 Euro
ISBN: 9783827010520

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Ein Gedanke zu „Noch Fragen?

  1. Mir erging es beim Lesen ähnlich (meine Rezension hier: http://www.leselink.de/buecher/literarischer-roman/roman-in-fragen.html). Beim Lesen geht es doch auch immer darum, etwas über sich selbst herauszufinden – zumindest schaffen es die besten Bücher, einen darüber nachdenken zu lassen, was das alles für einen selbst bedeutet. Und genau das schafft Padgett Powells Roman(?) ebenfalls. Auch wenn man nicht jede Frage für sich selbst beantwortet, kann man gar nicht umhin, über das Gefragte nachzudenken und befindet sich plötzlich mitten in einem Gedankenstrudel, bei dem man das Buch dann mal kurz weglegen muss.
    Und dieses Experiment mit der Form ist darüber hinaus natürlich auch noch sehr spannend. Werde mir jetzt mal die anderen angesprochenen Bücher ansehen :).

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