Jugendlicher Überschwang und andere Abgründe

Die Räuber am Bochumer Schauspielhaus

Im April des letzten Jahres schickte Jan Klata am Schauspielhaus-Bochum Amerika ins Rennen, eine erfolgreiche und farbenfrohe Produktion, die Kafkas literarisches Werk glanzvoll für die Bühne aufbereitete. Jetzt inszeniert der polnische Regisseur Die Räuber von Friedrich Schiller. Doch wenn es so etwas wie die Handschrift eines Regisseurs gibt, dann haben sich seine klaren und runden Linien jetzt zu unleserlichen Kritzeleien verzerrt.

von GERALDINE GAU

Franz Moor ist von Anfang an klar im Nachteil: er ist hässlich, ungeliebt und der Zweitgeborene. Mit seinen Chancen auf das Erbe des Vaters ist es also nicht weit her. Um diese jedoch zu erhöhen, zettelt er eine Intrige an und bauscht die kleinen Verfehlungen seines Bruders zu solchen Schandtaten auf, dass der Vater sich überreden lässt, seinen Erstgeborenen zu verstoßen. Als dieser davon erfährt, übermannt ihn die Verzweiflung. Er wird Anführer einer Räuberbande, anfänglich mit ehrenvollen Idealen, verstrickt sich jedoch durch die Willkür seiner Räuber in Unrecht und Gewalt und kann daraus nicht mehr ausbrechen, wodurch er seine Familie, seine Geliebte und schließlich sich selbst zugrunde richtet. So viel zu Schiller.

Auch auf der Bühne lernen wir zuerst den fehlgeleiteten Sohn und seinen Vater kennen. Während Franz Moor (Florian Lange), im weißen, schmutzigen Anzug, vorne auf der Bühne mit der Loop-Station zugange ist, einem Gerät, dass kurze Audiosequenzen aufnimmt und sie dann in Endlosschleife wiedergibt, vollführt der Graf Maximilian (Andreas Grothgar) in langem Rock und Unterhemd Tai Chi-ähnliche Bewegungen in einem Wald aus vertikalen Leuchtstäben, die in Reihen am Boden befestigt sind. Im Hintergrund befinden sich orgelähnlich angeordnete Metallrohre. Auf seinem Rücken trägt der Graf ein Büschel langer Stäbe, die sich bei unbedarften Bewegungen durch lautes Scheppern bemerkbar machen.

So abstrus, wie sich das Stück vorstellt, bleibt es auch. Wenig später findet eine Unterhaltung zwischen Karl Moor(Felix Rech) und Spiegelberg (Dimitrij Schaad) statt. Sie atmen zwischendurch Helium aus Ballons ein und klingen dabei wie Chip und Chap bei einer Krisensitzung. Dann dominieren die Räuber die Szene. Fünf halbnackte, tätowierte Männer, die gegen Wände springen, schreien und sich lustvoll an den Kulissen reiben, während der originale Text von Schiller über die Bühne fegt. Später dürfen wir noch Franz mit heruntergelassener Hose und Amalia (Kristina Peters) oben ohne bewundern, wobei die Motivation für das Entkleiden zumindest bei Amalia ungewiss bleibt.

Den (wortwörtlichen) Höhepunkt bildet jedoch eine ungefähr fünfminütige Performance von Spiegelberg, der seinem Kameraden die Schandtaten der letzten Nacht offenlegt. Vor einer Videoprojektion, die verführerisch in die Kamera lachende Damen zeigt, vollführt er einen ekstatischen Tanz zu lauter Technomusik, in dem er ein (sehr) breitgefächertes Gestenvokabular sexueller Handlungen mit anschließendem Abschlachten einiger Beteiligten zur Schau stellt, das so manchem Theaterbesucher die Schamesröte ins Gesicht steigen lässt. Gut, dass es im Saal dunkel ist. Mit dem folgenden Satz (sinngemäß) „Aber erzähl das ja keinem!“, hat er dann wieder die Lacher auf seiner Seite. Die erste Hälfte endet mit einem weiteren Video, das verschiedene weiß gekleidete Personen in einem weißen Raum zeigt, die mittels Kopfschuss hingerichtet werden. Dabei spritzt Blut über die gesamte Kulisse. Unter den Opfern sind auch am Stück beteiligte Schauspieler. Fast versöhnlich wirkt die letzte Sequenz des Videos, in der zwei der Erschossenen lachend wieder aufstehen.

Diese Projektionen und die Musik haben ihren ganz eigenen Charme. Sie sind zum Teil unpassend, zusammenhangslos, bereichern das Stück jedoch ungemein und setzen das Bühnengeschehen in einen neuen Kontext. Auch das Licht findet innovative Formen. Zunächst bilden die Orgelrohre die einzige Lichtquelle, indem sie das Licht von zwei Scheinwerfern reflektieren, die sich hinter den Kulissen befinden. Die anhaltende Dunkelheit ist zum Teil anstrengend, schafft jedoch eine düstere, tragische Stimmung, zumal die Reflexion an aufsteigende Flammen erinnert. Später leuchtet auch der Leuchtstabwald, mal reihenweise, mal komplett, meist jedoch auf die Aktionen und Positionen der Darsteller abgestimmt.

Auf der anderen Seite hat das ganze Stück keine klar definierten Umrisse, trotz ausgefeilter Bühnentechnik, werkgetreuer Textwiedergabe und der herausragenden schauspielerischen Leistung vieler Akteure. Charaktere und Handlung gehen in einem Sumpf aus Aggression, Sex und Klamauk unter. Es bleibt höchstens zu schlussfolgern, dass es nicht das Ziel von Jan Klata war, uns eine Geschichte zu erzählen oder uns einen tragischen Helden vorzustellen.

Einige Grundgedanken des Stoffes bleiben nämlich erhalten. Immer präsent ist zum Beispiel das Thema der Rebellion. Wie auch aus dem Programmheft zu entnehmen ist, wird hier ein jugendlich drängender, sehnsüchtiger Wunsch nach Veränderung thematisiert, der ohne jegliche politische, ideelle Gesinnung funktioniert, oder besser: der mangels politischer, ideeller Gesinnung gerade nicht funktioniert. Es ist der pure Protest gegen die Welt und gipfelt daher nur in Rausch und Zerstörung. Dass dieser Protest stupide und zwecklos ist, kann man fühlen, wenn die Darsteller immer wieder gegen Wände laufen, hinfallen und von Neuem losstürmen oder, wenn sie minutenlang wie trotzige Kinder in einer Wasserlache am vorderen Bühnenrand herum stampfen. Der Drang nach Aktion pulsiert kontinuierlich auf der Bühne, jedoch ohne etwas zu bewegen.

Mögen sich auch viele Bilder einer Deutung entziehen, andere gewaltsam verdrängt werden, eins hält sie alle zusammen: das Gefühl hilflosen Handlungsdrangs und handlungsunfähiger Rastlosigkeit – viel Spaß im Theater!

Nächste Vorstellungen:

07. April 2012
19.30 Uhr, Schauspielhaus

 

29. April 2012
19.00 Uhr, Schauspielhaus

 

12. Mai 2012
19.30 Uhr, Schauspielhaus

 

20. Mai 2012
19.30 Uhr, Schauspielhaus
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