Nationale Identität? – Scheiß drauf!

Olga Grjasnowa erhielt das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch-Stiftung, um für ihren Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt vor Ort Materialien zu sammeln und Zeitzeugen kennenzulernen. Die Figuren ihres Romans sind selbst Grenzgänger fernab von einem Gefühl der nationalen Zugehörigkeit.

Von ESRA CANPALAT

Wenn es etwas gibt, das Mascha Kogan aus ihrer Kindheit gelernt hat, dann ist es die Tatsache, dass Mehrsprachigkeit Macht bedeutet. Sie wächst auf in Aserbaidschan zur Zeit des Bürgerkriegs zwischen Aserbaidschanern und Armeniern, des sogenannten Bergkarach-Konflikts. Wer nicht korrekt das aserbaidschanische Wort für Haselnuss ― „fundukh“  ― aussprechen kann, wird als Armenier entlarvt und umgebracht. Schließlich flüchten Mascha und ihre Eltern aus Aserbaidschan nach Deutschland. Auch hier wird Mascha aufgrund ihrer anfänglichen Sprachlosigkeit bewusst, wie wichtig Sprache ist. Sie studiert Dolmetscherwissenschaften, spricht fünf Sprachen fließend und strebt eine Karriere bei der UNO an.

Multikulti war eben doch nicht gestern

So wie Mascha weiß, zwischen verschiedenen Sprachen zu wechseln, bewegt sie sich grenzenlos zwischen den Kulturen. Schon allein in ihrer eigenen Persönlichkeit spiegeln sich mehrere wider: Mascha ist Aserbaidschanerin, Jüdin, Russin, Deutsche, manchmal auch Türkin oder Libanesin. Wenn ihr Freund Elias das Wort „Migrationshintergrund“ in den Mund nimmt, geht Mascha auf die Barrikaden. Noch mehr widerstrebt ihr das Adjektiv „postmigrantisch“. Denn all diese Begriffe sind verbunden mit Diskussionen, die Mascha einfach nicht mehr führen kann und will. Auch die nervigen Fragen und Bemerkungen ihres Kommilitonen Daniel bezüglich des Nahost-Konflikts will Mascha nicht beantworten, denn nur weil sie Jüdin ist, ist sie „nicht Israel“. Wieso scheint es für viele Menschen von besonderer Wichtigkeit zu sein, welcher Kultur oder welcher Nation man angehört? Sokrates soll einmal gesagt haben: „Ich bin weder Athener noch Grieche, sondern Weltbürger.“ Gemäß diesem Motto lebt auch Mascha: Es ist dem Leser an keiner Stelle des Romans möglich zu sagen, welcher Nationalität sie angehört. Es ist auch völlig gleichgültig, denn Mascha ist alles. Dass man sehr wohl aus verschiedenen Kulturen schöpfen kann, beweist nicht nur Mascha: Auch ihre Freunde Cem und Sami wechseln in Gesprächen von einer Sprache in die nächste. Als Cem sich nach einem Vorfall mit einem rassistischen, älteren Herrn am Telefon mit einem Freund unterhält, schreit er: „Alter, ich habe keine Probleme mit meiner nationalen Identität…Komm mir nicht mit dem Scheiß.“ Die Figuren haben nicht eine, sondern gleich mehrere nationale Identitäten. Multikulti war eben doch nicht gestern.

Grenzenlos, doch heimatlos

Grjasnowa zeigt aber nicht nur die vorteilhaften Seiten des Multilingualismus und der Multikulturalität. Multikulturell zu sein bedeutet nämlich, sich ständig erklären zu müssen, Fragen beantworten und diskutieren zu müssen. Ihre Figuren stoßen immer wieder an die Grenzen der menschlichen Toleranz, auf Unverständnis und Vorurteile. Ganz gleich, wo sich die Protagonisten befinden: Ihre Herkunft oder ihr „Migrationshintergrund“ wird stets thematisiert. Sami wird in Amerika von seinem ägyptischen Nachbarn beschimpft, weil Palästina sich nicht gegen die Israelis gewehrt hätte. Cems Vater rennt vor lauter Verzweiflung über den Islamismus zu einer CDU-Wahlkampfveranstaltung und muss sich letzten Endes enttäuscht anhören, wie alle Zuwanderer als religionsfanatisch und gefährlich abgestempelt werden. Dabei ist er überhaupt nicht gläubig, doch dank der CDU „hat er erst jetzt erfahren, dass er ein Muslim ist.“ Das Thema des Konflikts wird durch Maschas Aufenthalt in Israel auf die Spitze getrieben, denn hier trifft sie auf Menschen, auf Palästinenser und Israelis, die alle eine andere Sicht aufeinander und zum Staat Israel haben. Für Mascha ist es nicht möglich, ihre Heimat zu definieren. Das liegt nicht nur an der Tatsache, dass sie eine Grenzgängerin ist, eine multikulturelle Frau, die sich im Grunde genommen überall heimisch fühlen könnte. Der Grund für Maschas Heimatlosigkeit geht auch auf die oben erwähnten Konflikte zurück und auf die Tatsache, dass sie ihre Heimat als Kind verlassen musste. Immer wieder tauchen die Bilder eines traumatischen Erlebnisses auf, das Mascha nicht loslässt. Von Verlust- und Fremdheitsgefühlen ist auch der trostlose Alltag ihrer Eltern geprägt, die nun alle Hoffnung in die Tochter setzen. Mascha muss aber mit ihrem eigenen Verlust kämpfen.

Olga Grjasnowa ist ein fulminantes Debüt gelungen, in dem sie mit einer sehr klaren und pointierten Sprache das Leben einer unglaublich interessanten Frau skizziert. Trotz der Nüchternheit der Sprache (oder vielleicht gerade deswegen) wird man mitgerissen von diesem Roman. Grjasnowa erspart uns überflüssige Worte. Sie driftet nie in episch lange Umschreibungen der Gefühlslage ihrer Protagonistin ab. Doch eben diese Kargheit des Stils und die kommentarlosen Beschreibungen lassen dem Leser Raum, Maschas komplexe Persönlichkeit zu fassen.

Der Roman nimmt ein äußerst komplexes, aktuelles und brisantes Thema in Augenschein ohne polemisch oder anklagend zu sein. Maschas Spagat zwischen den Kulturen bringt den Leser dazu, vom Scheuklappenblick abzulassen, den Horizont zu erweitern und eine Idee von Völkerverständigung zu bekommen.

Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt
Hanser, 288 Seiten
Preis: 18,90 Euro
ISBN: 3446238549
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