Über knackige und schlappe Vierzeiler

Der Gründungsherausgeber der Akzente, Hans Bender, hat einen neuen Gedichtband veröffentlicht. Seine Gedichte sind prägnant und einsichtig – und häufig viel zu schlapp.

Von JONAS PODLECKI

Niemand kann 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr Glanzleistungen abliefern. Wer das dennoch behauptet, ist entweder nicht klar bei Verstand oder nimmt Aufputschmittel, deren Konsum auf Dauer das Seelenheil ruiniert. Ebenso verhält es sich in der Lyrik. Niemand kann ein preisgekröntes Gedicht nach dem anderen raushauen, ohne auf irgendeine Weise zu schummeln, es sei denn, dieser Jemand veröffentlicht lediglich die allerbesten der allerbesten Gedichte, was sich vielleicht auf ein halbes Dutzend Gedichte im ganzen Leben beschränkt. Mir ist ein solcher Dichter nicht bekannt. Wenn es ein Lyriker aber schafft, aus einem Stoß fauler Eier ein gutes Gedicht hervorzubringen, verdient er Respekt. Zwar steckt Hans Benders Vierzeiler-Gedichtband Auf meine Art voller trivialer Kreationen. Aber ein paar kleinere Perlen sind dennoch dabei.

Wie zum Beispiel der Vierzeiler Gegenseitig: „Die dich umsorgen sind / manchmal schwer zu ertragen. / Es kann jedoch sein, daß / sie von dir dasselbe sagen.“ Dieses Gedicht weist eine angenehme Musikalität auf, die kleine Peripetie in der Mitte geht über in einen überraschend einsichtigen Schluss, der zum Nachdenken anregt, und eine subtile Komik schwingt ebenfalls mit. In Hans Benders besten Augenblicken sind seine Vierzeiler knackig, deuten eine das Triviale überschreitende Wahrheit an. Doch in den meisten Fällen sind sie merkwürdig schlapp, fasst möchte man sagen überflüssig. Exemplarisch dafür das Gedicht Vorschlag: „Unsere Welt gefällt mir / seit langem nicht mehr. / Was schlägst du vor? / Andere Menschen müssen her!“ Sind tatsächlich die Menschen alleine schuld an der Welt, in der wir leben, oder trägt die Welt, in die der Mensch geboren wird, doch zu seiner Verkorkstheit bei? Das emphatische Postulat nach einem neuen Menschenschlag wirkt zu rudimentär, zu oberflächlich, nicht ausdifferenziert genug und zu unpoetisch als dass das Offensichtliche und Banale durchstoßen werden könnte ins Besondere.

Das Themenspektrum von Hans Bender variiert. Wiederkehrende Themen sind die Musik und das Alter. Oftmals spricht er über die Natur, Vögel sind ein häufig auftauchendes Motiv. Dabei nimmt Bender zuweilen Stellung zur Politik, etwa wenn er dem Bahnhofsbau in Stuttgart mit Gleichgültigkeit entgegentritt oder in Imitationen die Regierenden kritisiert: „Sind’s Dohlen, Raben oder Krähen? / Schwer zu unterscheiden ihr Ton. / Sie feilschen um Kompromisse. / Imitieren unsere Große Koalition.“ Mehr als ein kleines Schmunzeln ist nicht drin, zu abgegriffen erscheint das Bild von krähenden Politikern.

Tadeusz Różewicz hat mal geschrieben: „Nach meinen Begriffen ist Lyrik Ausdruck für den Zusammenstoß des Gefühls mit der Erscheinung, der Empfindung mit ihrem Gegenstand.“ (Offene Gedichte, Hanser) Wenn dem so ist, dann sind Hans Benders Erscheinungen und Gegenstände gestaltlos, zu flach, um ein tiefer greifendes Gefühl anzutasten. Es entsteht erst gar nicht. Manchmal jedoch bringt er ein Bild hervor, welches das Banale überschreitet: „Mir die Ewige Ruhe zu vertreiben, / könnte ein Spalt nach oben bleiben. / Zu sehen, wie Leben sich fortbewegt. / Wer stehen bleibt. Blumen niederlegt.“ (post mortem)

Leider sind solche Vierzeiler die Ausnahme. Es dominieren Banalität und Trivialität. Von einer ausgefeilten Kunstfertigkeit kann nicht die Rede sein, dazu fehlt die nötige Konsequenz. Zwar sind alle Gedichte vierzeilig, aber darüber hinaus fehlt jede formale Strenge. Manchmal sind die Gedichte musikalisch, meistens nicht. Manchmal reimen sie sich, aber nicht immer. Manchmal ist ein Versmaß vorhanden, erscheint allerdings willkürlich und ohne jede Stringenz.  Viele gute Tage hat Hans Bender jedenfalls nicht erwischt. Auf meine Art ist sehr schnell gelesen. Und die meisten Gedichte sind auch schnell wieder vergessen.

Hans Bender: Auf meine Art: Gedichte in vier Zeilen
Carl Hanser Verlag, 112 Seiten
Preis: 12,90 Euro
ISBN: 9783446238695
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Ein Gedanke zu „Über knackige und schlappe Vierzeiler

  1. Das ist mal eine Rezi, die nicht um den heißen – oder hier eher: den kalten – Brei herumredet und dabei doch Sachkenntnis vermittelt. Danke!

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