Wieder nur heiße Luft

In seiner populärwissenschaftlichen Polit-Autobiographie inszeniert sich Thilo Sarrazin (SPD), ehemaliger Finanzsenator Berlins und Ex-Bundesbank Vorstand, als großer Euro-Gegner. Die hegemonialen MedienvertreterInnen springen erneut an, um ihm eine Bühne der Selbstdarstellung zu bereiten. Die Thesen in seinem neuen Buch „Europa braucht den Euro nicht“ stehen wiederum auf einem wackligen Gerüst aus fragwürdigen Schlüssen und einem ewig gleichen Mantra.*

Von NADINE HEMGESBERG

Zwei Jahre nach Erscheinen von „Deutschland schafft sich ab“, setzt der Verlag DVA erneut auf gewollte Provokationen, um die PR-Maschine anzukurbeln. In einem Vorabdruck im Focus, der ein bewusst gewähltes Zitat – die Befürworter des Euros seien „getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben“ – bereit hielt, wurde darauf gesetzt, eine erneute „Debatte“ und Empörung hervorzurufen. Marktwirtschaftliches Kalkül würde man meinen, der Ökonom Sarrazin ist hingegen anderer Meinung: „Das war keine Provokation“, sagt er wenig später im Focus-Interview. Eine hausgemachte Medienblase also, die der Focus hier lanciert, um Sarrazin eine Bühne zu geben. Auch der Versuch, Sarrazin und Parteigenosse Peer Steinbrück in der ARD bei Günther Jauch in ein Streitgespräch zu verwickeln, scheiterte kläglich. Genosse Steinbrück sprang Sarrazin schon in der „Integrationsdebatte“ und einem drohenden Ausschluss aus der SPD bei, ernstgemeintes Kontra konnte man hier nicht erwarten.

Die letztmalige „Debatte“ um „Deutschland schafft sich ab“ markierte eine deutlich rechtslastige Verschiebung des hegemonialen Mediendiskurses und eine Kriminalisierung der Sarrazin-GegnerInnen. Bringt die Diskussion um den Euro nun eine ähnlich gelagerte Verschiebung, die dem „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“-Mandat gehorcht und auf einen kritischen Diskurs verzichtet? Ein Aufmacher der Bild-Zeitung zeigt eine solche Ethnisierung der KritikerInnen. In einer Kolumne der Frankfurter Rundschau bezeichnete die Journalistin Mely Kiyak Sarrazin als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“. In der empörten Berichterstattung über die Kolumne hob die Bild die Herkunft der Journalistin hervor: Die migrantische Markierung als Kurdin mit deutschem Pass wurde deutlich in den Mittelpunkt gestellt. Eine Entschuldigung seitens der Journailistin wurde eingefordert, wohingegen Sarrazin noch immer unter dem Statut Meinungsfreiheit agieren und migrantisch markierte Menschen angehen kann, ohne jemals in eine Rechtfertigungshaltung gedrängt zu werden. Das Bild der hetzenden Kurdin wird nun weiter in extrem rechten Medien, wie etwa dem in der rechten Szene bekannten Blog Political Incorrect, kolportiert.

Nein zum Euro

Thilo Sarrazin versteift sich auf das Mantra „Europa braucht den Euro nicht“ und seine verallgemeinernden Analysen der „Südländer“ spiegeln deutliche Ressentiments wider, die sich im ökonomischen Kontext ähnlich lesen lassen wie die Ethnisierung der deutschen Unterschicht in seinem Vorgängerbuch. Sarrazin kommt in seiner historischen Herleitung der Europäischen Union zu der Überzeugung: „Gerade weil eine Währungsunion ohne politische Union auf die Dauer nicht funktionieren könne, würden, wenn die Währungsunion einmal da sei, die Sachzwänge zur politischen Union diese quasi automatisch herbeizwingen.“ Der Euro sei also nur vorgeschobenes Mittel gewesen, um die Nationalstaaten zu entmachten, so die sarrazinsche Verschwörungstheorie. Auch habe die Währungsumstellung auf den Euro nicht dazu beigetragen Deutschland weiter mit dem Euro-Raum zu verknüpfen. Eine Fehleinschätzung, die den expandierenden Exportanteil in den asiatischen Wirtschaftsraum und eine zeitgleiche Anbindung an den europäischen Raum verkennt und von Sarrazin in seiner Analyse ausgespart wird. Die Hätte-Wäre-Wenn-Hypothesen Sarrazins greifen hier einfach zu kurz.

Was bleibt?

Die vermeintlich wirtschaftswissenschaftlich fundierten Erkenntnisse, die Sarrazin aus seinen vorliegenden Zahlen und Fakten zieht, stehen im Schatten einer ethnisierenden Theorienbildung, starken Verallgemeinerungen und einem sich weiterhin festfahrenden Mediendiskurs. Und es bleibt auch dabei, an die Diskussion um die Neuveröffentlichung und die fast zwangsneurotische Versessenheit, eine deutschlandweite Debatte wie im Fall der „Integrationsdebatte“ anzuschließen. Fest steht, dass sich Sarrazin und der DVA Verlag mit geschickter PR wieder eine goldene Nase verdienen werden.

* Erstveröffentlichung in der Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung

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