Erinnerungen eines Mannes

Joe Brainard erinnert sich an vieles. Mit I Remember zieht er die Leser in seinen Bann. Einige Schriftsteller versuchen, seinen Mix aus Stream of Conciousness, Melancholie und Direktheit nachzuahmen – erreichen jedoch nicht das Original. Nun ist Ich erinnere mich auf Deutsch erschienen; das Werk bedient sich der Publikationen I Remember (1970), I Remember More (1972) und More I Remember More (1973). Wer wagt es, sich mit Brainard in die Welt der Vergangenheit zu stürzen?

Von SARAH HERHAUSEN

Durch das Vorwort von Paul Auster, der mitreißend seine Lektüreerfahrungen mit I Remember von 1975 schildert, und die Autorinformationen am Ende des Buches, werden einige Erinnerungen Brainards deutlicher. Aber auch ohne diese Rahmung kann man mit dem Autor in vergangene Zeiten gehen und mit ihm seine Erfahrungen und Erinnerungen, Beobachtungen, aber auch Träume aus vergessenen Zeiten durchleben.

So einfach Brainards Prinzip ist, so mitreißend ist doch sein Ergebnis. Er listet Erinnerung für Erinnerung, Seite für Seite, nacheinander auf. Dabei braucht es keine Gliederung durch Kapitel o.ä., jede Erinnerung kann für sich stehen, manchmal aber auch mit den darauffolgenden Erinnerungen zusammen gelesen werden. Das Buch behandelt, wie auch durch Auster grob strukturiert, 15 Themenbereiche, zu denen sich die Erinnerungen zuordnen lassen. Innerhalb des Buches werden diese Themenbereiche jedoch schnell unnötig, da die Grenzen zum einen nicht klar zu ziehen sind, und zum anderen Brainards Erinnerungen in keiner erkennbaren Reihenfolge stehen:

„Ich erinnere mich, dass ich nie Schuhlöffel benutzte.“

„Ich erinnere mich, dass ich Kürbiskuchen optisch nie ansprechend fand.“

Abschalten – Mitziehen lassen!

Das gibt einem die Möglichkeit, frei von Chronologie in das Buch einzutauchen und sich von Erinnerungen mitziehen zu lassen. Nicht selten fühlt man sich dabei ertappt, Brainards Erinnerung nachvollziehen zu können oder selbst gar längst im Kopf verschollene Erinnerungen wieder hervorholen zu können, die bereits vollends in Vergessenheit geraten waren.

Auf Ich erinnere mich muss man sich einlassen. Der alternative, kurze, notizartige Schreibstil und die Hintereinanderreihung verschiedenster Erinnerungen erfordern Konzentration, um nicht durchweg verwirrt zu sein. Taucht man aber in das Buch ein, und erinnert sich zusammen mit dem Autor, kann das Buch einem längst vergessene eigene Erinnerungen wieder zugänglich machen.

Joe Brainard: Ich erinnere mich
Walde + Graf: 2011 208 Seiten
Preis: 14,95€
ISBN: 978-3-8493-0015-9
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