Verantwortung²

Stell Dir vor, Du bist Verleger. Morgen soll das neue Buch Deines Bestseller-Autors in den Druck gehen. Du bist Dir sicher, der Roman wird ein großer Erfolg. Doch dann taucht plötzlich eine Deiner Autorinnen in Deinem Büro auf und behauptet, der Roman erzähle ihre Geschichte. Was wirst Du tun?

Von KATJA PAPIOREK

Es schneit. Der Verleger steht an der Tür und betrachtet Petra Vinters Spuren im Schnee. Sie war zwei Jahre lang für die UN während der Friedensprozesse in Morenzao. Genau davon handelt der Roman seines Erfolgsautors. Von Krieg, Gewalt, politischen Interessen, Vergewaltigung, Mord, dem Weg zum Frieden. „Das sind so Geschichten, die man in Romanen liest.“ Das kann sie nicht erlebt haben. Das ist Fiktion. Es ist ein guter Roman. Als sie in seinem Büro auftaucht, droht sie ihm nicht, stellt keine Forderungen, erklärt ihm nur: „Du hast die Wahl.“ Trotzdem ist er wütend.

Im Laufe der Nacht wird er mehrfach versuchen, das Büro zu verlassen. Doch der Schnee scheint ihn einzusperren. Oder sind es ihre Fußspuren, die ihn hindern, eine Entscheidung zu treffen? Er verpasst das Abendessen mit den Parteifreunden seiner Frau, die Integrationsministerin ist. Die Arbeit an seiner Rede über Ethik in der Verlags- und Literaturbranche, die er morgen auf einer internationalen Konferenz in Wien halten soll, gerät ins Stocken. Seine Überlegungen verschränken sich immer wieder mit den Worten Petra Vinters, werfen immer neue Fragen auf, deren Antworten ihm plötzlich nicht mehr so eindeutig erscheinen, wie er geglaubt hat.

Kann man eine Geschichte überhaupt besitzen? Wer darf sie erzählen? Was ist Realität, was Fiktion? Was darf die Kunst? Was ist Literatur? Welcher Preis ist zu zahlen für Ethik und Moral in der Kunst? Wem gehört eine Idee? Welche Rolle spielt ihre Ausführung? Und wer trägt letztendlich die Verantwortung für eine Geschichte? Der Verlag? Der Verleger? Der Autor? Oder sogar der Leser? Petra Vinter glaubt, „Der Grad der Verantwortung sinkt im Quadrat der Anzahl der Menschen, auf die sie verteilt werden kann.“ Aber trägt er als Verleger jetzt die Verantwortung für ihre Geschichte? Kann er den Druck des Buches überhaupt aufhalten? Soll er allein plötzlich die Welt retten?

Er diskutiert diese Fragen in Gedanken mit sich selbst, mit seiner Frau, seinem Schwiegervater (dem übrigens der Verlag gehört), mit Lula (seiner großen Liebe, die er verlassen hat, als diese plötzlich mehr von ihm erwartete als eine Affäre) und natürlich mit Petra Vinter. Mehrfach ändert er seine Entscheidung darüber, was mit dem Manuskript passieren soll. Und während er über Verantwortung, Ethik und Moral reflektiert, stellt er plötzlich auch sein eigenes Leben und seine bisherigen Entscheidungen in Frage. Doch es drängt sich der Verdacht auf, dass der Verleger seine Entscheidung längst getroffen hat, dass seine Versuche, Gegenargumente zu finden, nur der Selbstvergewisserung dienten.

Wer nun aber erwartet, dass auch die Antworten ausformuliert werden, wird sicher enttäuscht. Bereits die beiden vorangegangenen Jugendbücher Janne Tellers haben für reichlich Diskussionsstoff gesorgt, nicht wegen der dort vermittelten Aussagen, sondern der darin aufgeworfenen Fragen. Während Nichts. Was im Leben wichtig ist nicht weniger als die Sinnfrage schlechthin formuliert, versetzt Krieg den Leser eindrucksvoll und nachhaltig in die Situation eines Kriegsflüchtlings. So endet auch Komm erwartungsgemäß offen. Der Verleger schreibt einen Brief, legt diesen zu dem Manuskript und verlässt das Büro. Vor ihm liegt eine unberührte Schneedecke. „In jeder menschlichen Handlung liegt der Keim zu den Handlungen vieler.“

Ob Janne Tellers Text nun als Roman, als Novelle oder als philosophischer Essay verstanden werden will – er reiht sich ein in die aktuelle Urheberrechtsdiskussion und liefert darüber hinaus sicher auch Anschlussmöglichkeiten an die jüngsten Debatten über Werke von Christian Kracht und Günter Grass, wenn es darum geht, zu ergründen, was Kunst nun eigentlich darf. Hier wie dort bleibt es wohl Aufgabe des Lesers, zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen, denn: „Das Quadrat von eins ist eins.“

Janne Teller: Komm
Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle
Hanser, 160 Seiten
Preis: 16,90 Euro
ISBN: 9783446237568
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