Der Teufelsschatten

Ein vergessenes Schmuckstück ist wieder ans Licht gekommen: Im Rahmen eines Projektseminars des Lehrstuhls für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum wurde Gustav Meyrinks Novelle Meister Leonhard neu aufgelegt. Das Ergebnis ist äußerst gelungen.

Von ESRA CANPALAT

Von einer Mischung aus der phantastischen Erzähltradition E.T.A. Hoffmans und der im 19. Jahrhundert aufkommenden Psychoanalyse ist das Werk Gustav Meyrinks geprägt. Im Allgemeinen ist er bekannt durch seinen Roman Der Golem, der auf die jüdische Legende über einen künstlich hergestellten Menschen zurückgeht. Meister Leonhard dürfte nur den Wenigsten ein Begriff sein. In mühevoller Arbeit gruben Projektleiterin Dr. Stephanie Heimgartner und ein Team aus Literaturstudenten die vergessene Handschrift aus dem Literaturarchiv Marbach heraus und brachten es fertig, innerhalb weniger Monate eine kritische Edition im Christian A. Bachmann Verlag herauszubringen. Zuletzt wurde die Novelle 1981 herausgegeben, allerdings ohne kritischen Apparat.

Düstere Vorahnungen

Mit einem schaurigen Szenario beginnt Meyrinks Novelle: Meister Leonhard sitzt in einem abgedunkelten Zimmer der Schlosskapelle auf seinem mächtigen, gotischen Stuhl und starrt regungslos in das leise knisternde Feuer. Sein Schatten fällt aus dem Spitzbogenfenster nach draußen in den Schnee, nimmt die Form eines Teufels an und erschrickt ein altes, im Schnee umherirrendes Weib zu Tode. Sofort kommt dem Leser eine der berühmten Szenen aus Friedrich Wilhelm Murnaus Film Nosferatu – Eine Sinfonie des Grauens in den Sinn: Der verzerrte Schatten Nosferatus schleicht nach dem Blut Ninas lechzend die Treppe hinauf, die zu ihrem Zimmer führt. Der Eindruck des Bildhaften – oder gar Filmischen – wird im Laufe der Geschichte weitergeführt. Der Leser taucht ein in Leonhards Kindheitserinnerungen, die mit einer geradezu lebendigen Sprache erzählt werden. Es ist, als würde man das zerfurchte, wütende Gesicht der verhassten Mutter Leonhards leibhaftig vor Augen sehen, das ständige Rascheln ihrer Röcke wahrhaftig hören – als würde man selbst durch die düsteren Gänge des Schlosses gehen und dabei das Grauen Leonhards am eigenen Leibe spüren. Der Teufelsschatten zu Beginn der Novelle scheint sich wie ein dunkles Tuch über den weiteren Verlauf der Geschichte zu werfen, so wie sich Nosferatus Schatten mit seinen knöchrigen, spitzen Fingern über die weiße Wand hinwegstreckt. Schnell bekommt man als Leser die düstere Vorahnung, dass da irgendetwas nicht koscher ist…

„Inzest, Templer, Okkultismus“ – so wurde die Novelle plakativ auf den Flyern zur Book-Release-Party beworben. Im Wesentlichen sind das auch die Hauptthemen, um die die Geschichte kreist. Rilke, so heißt es in dem von Dr. Stephanie Heimgartner verfassten Vorwort, habe die plakative Effekthascherei Meyrinks kritisiert. Doch keiner kann dem Sog der Geschichte, der zugegeben durch Meyrinks affektorientierte Erzählweise erzeugt wird, entgehen.

Nicht nur kritisch, sondern auch stilvoll 

Die im Rahmen des Seminars Vom Manuskript zum Buch entstandene Ausgabe überzeugt vor allem durch den kritischen Apparat, der von den Studierenden erarbeitet wurde. Der Kommentarteil mit Beiträgen, beispielsweise zur Rezeptionsgeschichte, zu den bereits genannten Hauptmotiven oder der Lesarten des Manuskripts, ergänzt durchaus die Lektüre. Doch die Ausgabe besticht auch in Sachen Optik. Der weinrote Buchdeckel, den Meyrinks Handschrift ziert, ist zwar sehr klassisch, aber dennoch passend und sehr stilvoll.

Kurz gesagt: Dieses Projekt ist eindeutig gelungen. Man kann nur hoffen, dass derartige Seminare in den Universitäten weiter gefördert werden. Vom Manuskript zum Buch hat nicht nur die Kenntnisse der Studenten im Verlags- und Buchwesen gefördert, sondern auch ein vergessenes Stück Literatur wieder zum Vorschein gebracht. Chapeau für dieses Bemühen!

Gustav Meyrink: Meister Leonhard, hrsg. v. Dr. Stephanie Heimgartner

Christian A. Bachmann, 96 Seiten

Preis: 7,50 Euro

ISBN: 9783941030244

 

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2 Gedanken zu „Der Teufelsschatten

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