Eine Unterbrechung namens Leben

Jeder stellt sich irgendwann im Leben die Frage, ob er verrückt ist. Wer das bestreitet, ist erst recht verrückt. Und wer Girl, Interrupted nicht gelesen hat, hat sowieso nicht alle Tassen im Schrank! Weshalb Susanna Kaysens autobiographischer Bericht über ihren Aufenthalt in einer psychiatrischen Heilanstalt ein Lieblingsbuch ist.

Von ESRA CANPALAT

Es ist 1967 und Susanna Kaysen sitzt im Untersuchungszimmer eines Psychologen. Vor einigen Monaten hat sie versucht, sich mit 50 Aspirin umzubringen. Aber eigentlich wollte sie sich ja gar nicht umbringen, sondern nur einen Teil ihres Charakters. Eine Selbstabtreibung nennt sie das. Höchstens zwanzig Minuten lang fragt der Psychologe sie aus. Er telefoniert. Kurze Zeit später sitzt Kaysen im Taxi, das sie zur Heilanstalt McLean bringen soll. Der einzige Trost ist, dass berühmte Künstler wie Sylvia Plath oder Ray Charles ebenfalls dort behandelt worden sind.

Den meisten ist Kaysens Geschichte wahrscheinlich durch die Verfilmung mit der rehäugigen Winona Ryder und der dicklippigen Angelina Jolie bekannt. Doch der Film ist nicht in der Lage, die Eigentümlichkeit und Nüchternheit der Sprache Kaysens in Bilder zu übersetzen. Es ist nämlich gerade die Rationalität dieser Sprache, die das Irrationale – den Wahnsinn – so begreifbar macht. Da kann Ryder noch so sehr ihre hübschen Augen wie ein aufgescheuchtes Reh aufreißen – der Film drückt letztlich oftmals auf den altbewährten Hollywood-Tränenknopf und erzeugt das große Verlangen nach einer Zigarette, wird doch in wirklich jeder Szene der Glimmstängel lässig angezündet.

Der Zug fährt los – oder doch nicht?

Denken wir an Verrückte, Wahnsinnige, Halluzinierende, dann kommen uns schillernde, grelle Persönlichkeiten wie der ohrenabhackende van Gogh, eine in der Psychiatrie dahinvegetierende, unförmige Klumpen formende Camille Claudel oder ein delirierender, nach imaginären Fledermäusen schlagender Hunter S. Thompson in den Sinn. Kaysen aber erzählt von ihrem fast zweijährigen Aufenthalt im McLean Hospital in leisen Tönen. Sie erspart dem Leser haarsträubende Details ihres Gefühlslebens, erzählt anekdotenhaft und einer zeitlichen Chronologie entbehrend von den anderen Patienten und dem manchmal erschreckenden, manchmal jedoch auch schönen Alltag in der Heilanstalt. Zu den persönlichen Berichten Kaysens gesellen sich Auszüge aus ihrer Patientenakte, die schwarz auf weiß Fakten darlegen – Diagnose: Borderline-Persönlichkeit. Einerseits prägt dieser medizinisch-korrekte Stil ihren Bericht, andererseits steht er im klaren Kontrast zu diesem. Sie hat eine Borderline-Persönlichkeit, aber was genau bedeutet das? Kaysen kopiert einen Artikel über Borderline-Persönlichkeitsstörung aus einem Psychologie-Fachbuch, um ihn später zu dekonstruieren. Sie hat ihre eigene Art, Wahnsinn zu beschreiben. Und die ist viel eindringlicher und nachvollziehbarer als jedes fachmedizinische Geplänkel.

Stellen wir uns vor, wir sitzen in einem Zug, und neben diesem Zug steht ein weiterer. Plötzlich beginnt sich der Zug neben uns zu bewegen. Wir sind aber davon überzeugt, dass es unser Zug ist, der sich bewegt. Ja, wir spüren sogar das Rattern der Räder auf den Schienen, sehen, wie unser Zug an den Waggons des anderen Zuges vorbeifährt. Gleich liegt der Bahnhof weit hinter uns, denken wir. Nach und nach – vielleicht sogar erst nach einigen Minuten – bemerken wir, dass nicht wir uns fortbewegen, sondern der Zug neben uns. Die Vibrationen, die wir gespürt haben, wurden lediglich durch diesen zweiten Zug erzeugt. In diesem Fall unterscheidet Kaysen zwischen zwei Interpreten im Kopf, wobei Interpret 1 auf Wahrnehmungen reagiert, während Interpret 2 diese Eindrücke bewertet. Interpret 1 in unserem Kopf sagt also zunächst: „Hey, die Zugfahrt geht endlich los!“ Dann korrigiert Interpret 2 jedoch die Aussage von Interpret 1 und sagt: „Nein Mann, du täuschst dich!“ Gratulation: Wir sind nicht verrückt. Würde aber die Korrektur von Interpret 2 ignoriert werden, würden wir also weiterhin darauf bestehen, dass der Zug sich verdammt nochmal bewegt, dann wären wir, so Kaysen, leider verrückt. Das war doch jetzt sehr gut nachvollziehbar, oder? Und vielleicht hat der eine oder andere, der das hier liest, diese Erfahrung schon einmal gehabt…

Sind wir nicht alle ein bisschen bescheuert?

Den Titel des Buches hat Kaysen hergeleitet von Vermeers Gemälde Girl Interrupted at Her Music. Sie ist fasziniert von dem Bild, dem Mädchen, das seinem Musiklehrer keine Beachtung schenkt, aus dem Bild nach draußen hinausschaut. Kaysen identifiziert sich mit dieser Figur. Genau wie das Mädchen in ihrer Musik unterbrochen wurde, wurde sie in ihrer Jugend unterbrochen. Genau wie das Mädchen aus dem Bild, in das sie für immer verbannt wurde, ausbrechen will, will Kaysen aus dem Rahmen treten, der ihr Leben einengt. Wer kennt denn nicht die Qualen der Jugend? Wer hat sich als Teenager denn nicht die Frage gestellt, ob man verrückt ist? Und wer stellt sich nicht manchmal immer noch diese Frage ? Geben wir es zu: Wir sind doch alle ein bisschen bescheuert. Wer noch nie in der Musik des Lebens unterbrochen wurde und traurig aus dem Rahmen seiner Verzweiflung nach Hoffnung suchend hinausgeschaut hat, werfe den ersten Stein.

Deshalb ist Girl, Interrupted ein Lieblingsbuch: Weil uns in dieser Geschichte vor Augen geführt wird, wie normal es ist, verrückt zu sein. Denn einer verrückten Welt kann man nur mit Wahnsinn entgegentreten.

Susanna Kaysen: Girl, Interrupted (Englisch)
Vintage Books, 192 Seiten
Preis: 11,90 Euro
ISBN: 978-0679746041
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4 Gedanken zu „Eine Unterbrechung namens Leben

  1. Herzlichen Dank für diese schöne Rezension. Ich habe das Buch hier und schon häufig reingeblättert, bisher aber noch nicht gelesen. Ich verbinde sehr viele Erinnerungen mit dem Film und habe ein bisschen Angst davor, vom Buch enttäuscht sein zu können. Der Film ist großartig, habe ihn bereits mehrmals gesehen. Jetzt wo ich dies schreibe habe ich sofort wieder ein Lied daraus im Ohr „The End Of The World“ von Skeeter Davis (hör es dir mal an).

  2. Filmadaptionen nach Romanvorlagen sind immer heikel. Bei der Lektüre muss man wohl ein wenig den liebgewonnen Film oder den Roman ausblenden bzw. schauen, was das jeweilige Medium zu bieten hat. Ich bin auch ein großer Fan von der Verfilmung ohne die Vorlage zu kennen, habe aber eher noch den Song „Downtown“ im Ohr 😉 Liebe Grüße und vielleicht sind wir beide nun auf den Geschmack der literarischen Vorlage gekommen, Nadine

  3. Was das Thema Filmadaption und Romanvorlage betrifft, kann ich dir zustimmen. Dies ist in der Tat heikel und bei mir eigentlich eher umgekehrt: ich lese zuerst einen Roman und schaue dann den Film (möchte mir bald beispielsweise „We need to talk about Kevin“ anschauen). Hier ist es umgekehrt und da fällt es mir dann doch irgendwie schwer zum Buch zu greifen. Wenn ich heue Abend zu Hause bin, mache ich mir „Downtown“ an und hole mal das Buch aus dem Regal. Danke fürs Mut machen.

  4. Ich mische mich auch mal kurz ein: Der Film und das Buch unterscheiden sich wirklich sehr. Der Film übernimmt im Wesentlichen den plot, bzw. gibt die Geschichte mit einigen Veränderungen wieder. Das Buch zu Lesen ist wiederum ein ganz anderes Erlebnis, schon allein aufgrund des Stils Kaysens. Die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall! Ich lese auch leiber erst das Buch, bevor ich mir die Filmadaption anschaue. Aber in diesem Fall habe ich auch den Film zuerst gesehen, den ich gut fand, und habe dann das Buch gelesen, das ich GROßARTIG fand. Lies es auf jeden Fall!!!

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