Die Melodie des Scheiterns

Der Amerikanische Traum ist in Gefahr. Die Utopie einer in die Grundfesten des „american way of life“ eingeschriebenen Freiheit, ist seit Anbeginn einer ironischen Brechung unterworfen: Die Native Americans zunächst unterjochen, um sie danach in Reservaten wegzusperren, die hochgelobte Freiheit durch fragwürdige Kriege gegen die „Achse des Bösen“ verteidigen, dem freiheitlichen Diktat des „bigger is better“ folgen wollen und an den Auswüchsen der verfettenden Bevölkerung und dem kollabierenden Gesundheitssystem scheitern. All das ist der realexistente Traum, „the pursuit of happiness“. Simone Felice, ehemaliges Mitglied der Bands The Duke & The King und The Felice Brothers, mittlerweile solo mit eigener Platte unterwegs, widmet sich eben diesem allgegenwärtigen Scheitern in seinem Romandebüt Black Jesus. Nicht, ohne dabei selbst ins Stolpern zu geraten.

von NADINE HEMGESBERG

Black Jesus kehrt zurück in seine Heimatstadt Gay Paris, ein verschlafenes Nest, in dem seine werte Frau Mama „Fat Debbie“ einen Krimskramsladen betreibt, der allenfalls in ihren kühnsten Träumen ein Second Hand Paradies darstellt. Der Marine Black Jesus, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Lionel White heißt, hat bei einer Explosion im Irakeinsatz sein Augenlicht verloren und wird seither mit Psychopharmaka vollgepumpt. In alternierenden Kapiteln erzählt Felice die Geschichte des Marines und der Ausreißerin Gloria, wahlweise als Stripperin oder Ballerina bezeichnet. Knatternd fährt sie ihrem Leben in Hollywood davon: Freiheit und Sinnsuche als Ziel. Es ist eine dieser typischen und nicht ohne Klischees auskommenden Roadmovie-Erzählungen: Der unendliche Highway voraus, immer der Nase nach, auf der Flucht, auf der Flucht in eine bessere Zukunft, Truckstopps, vorbeiziehende Landschaften, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die auf dem Asphalt verschmelzen. Aber genau wie Glorias Gefährt, kommt auch Felices Schreibstil nicht nur ins Stottern, er würgt die literarische Karre auch gerne einfach mal ab.

Zwischen Poesie und Kitsch

„Als Storyteller tue ich mein Bestes, die Geschichte des menschlichen Herzens zu erzählen – das ist eine sehr faszinierende, sehr schmerzhafte Geschichte“, sagt Felice im Interview mit dem Rolling Stone. In Black Jesus gelingt ihm jedoch nur bedingt eine konsistente Erzählung, die handwerklich einer Romanhandlung gerecht wird. Oft hat man als LeserIn das Gefühl, Felice habe all seine puzzleartigen Notizen versucht zusammenzuführen, die als alleinstehende lyrische und erzählerische Kurzformen überzeugen könnten, in der größeren Erzählung jedoch scheitern. So macht Felice ein berührendes Bild auf: „Der braune Pelz ist mit Blut durchtränkt, als sie den Bären auf den Schotter des Straßenrands zieht. Ein glühender Schmerz steigt von ihrem Bein hinauf ins Hirn. In der Dunkelheit sitzt sie neben dem Tier und streichelt über seinen Schädel, der so gebrochen und deformiert ist wie ihr eigenes Bein“, verfällt aber wenige Zeilen später in einen kitschigen Allgemeinplatz: „Du darfst jetzt ruhig gehen. Es muss einen besseren Ort geben als diesen.“ Es ist dieses handwerkliche Manko, das den Geschichtenerzähler und Romantiker Felice daran hindert, einen wirklich guten Roman zu schreiben. Dem vollmundigen Klappentext kann aus diesem Grund auch nicht uneingeschränkt zugestimmt werden – „[…] der gefeierte Songwriter Simone Felice mit seinem fulminanten Debüt.“

Ein Zaun, damit die Trauer nicht rauskommen kann“

Unter den kitschigen Zeilen brodelt es jedoch ebenso gewaltig. Die Figur des versehrten Black Jesus zeigt im Ansatz, wie sich das stolze Amerika um seine „Helden des Krieges“ kümmert – Psychopharmaka ahoi und dann noch ein schönes Leben – und äußert harsche Kritik an den Gewaltexzessen von amerikanischen Soldaten an der zivilen Bevölkerung in den Kriegsgebieten. Zwischenzeiliger und bei weitem nicht so exponiert wird die Situation der Native Americans in dieser Erzählung aufgegriffen, die bis heute erheblichen Repressionen ausgesetzt sind. Poetologisch ist dieses von Felice aufgemachte Bild – und hier zeigt sich dann doch sein erzählerisches und nicht nur romantisierendes Können – viel kraftvoller als die plakativ dargestellten Erfahrungen des Marines. „,Es gab dort ein großes Holzschild mit dem Namen des Reservats, aber ich hab’s vergessen. Irgendwas mit ‚Nation‘. Ich erinnere mich nur noch an den riesigen Zaun. Er hörte überhaupt nicht mehr auf – stundenlang.‘ […] Bea Two-Feathers zieht an der Zigarette. Dann sagt sie: ,Ein Zaun, damit die Trauer nicht rauskommen kann.‘“

Simple Mysteries

Wenn man als LeserIn über die genannten erzählerischen Schwächen mit einem wohlwollenden Auge hinwegliest, ist die Geschichte von Black Jesus und Gloria eben doch keine knatternde Fehlzündung, sondern ein etwas verkitschter Weg den kleinen und großen Mysterien dieser Welt auf den Grund zu gehen. Oder wie Felice es sagt: „We should really believe in the simple mysteries of live.

Simone Felice: Black Jesus
Heyne Hardcore, 208 Seiten
Preis: 14,99 Euro
ISBN: 978-3-453-26779-4
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