Gibt es da draußen einen „coolen“ Islam?

Punkmusik hören und fünf mal am Tag beten, kiffen und den Koran lesen, eine Frau sein und das Gebet leiten – geht das überhaupt? Würde man einen Mullah oder Imam fragen, würden diese mit einem eindeutigen „Nein“ antworten. Würde man aber die Protagonisten aus Michael Muhammad Knights Roman Taqwacore fragen, so würde die Antwort lauten: „Scheiße, JAAAAA!“

von ESRA CANPALAT

Als Yusef Alis Eltern hören, dass ihr Sohn in eine muslimische WG ziehen will, sind sie mehr als begeistert. Im Studentenwohnheim, da herrscht doch nur Unsitte und Chaos. In einer WG voller gläubiger Muslime ist ihr Sohn viel besser aufgehoben. Weit gefehlt. Denn dieses Punkhaus beherbergt die Riege der abgefucktesten Chaoten. Jehangir, der jede Nacht ein anderes Mädchen abschleppt, stimmt den Gebetsruf mit einer verstimmten Gitarre auf dem Dach des Hauses an. Der Indonesier Fasiq, der zu seiner Koranlektüre stets einen Joint raucht, hat immer eine abgedrehte Sufi-Weisheit parat. Der Schiit Amazing Ayub bespuckt Footballspieler von der Highschool. Für den Möchtegern-Jamaikaner Rude Dawud mit seinem Pork-Pie-Hat sind Jah und Allah ein-und dasselbe. Und dann wäre da noch ein Burka tragendes Riot Girl namens Rabeya, die während der Predigt zum Freitagsgebet mal eben einen Exkurs in Gender Studies macht. Zwischen diesen ganzen, offenbar vom rechten Weg abgekommenen Kreaturen findet sich noch der Straight Edger Umar, der sich bis ins Detail an die Fünf Säulen des Islam hält. Doch seinen Körper zieren mehrere Tatoos, was auch nicht gerade davon zeugt, dass er ein tiefgläubiger Moslem ist. Allmählich wird Yusef Ali, der zunächst als milchbubiger, unbeteiligter Beobachter von den wahnsinnigen Taten seiner Mitbewohner berichtet, in diese Welt voller Dinge, die haram (verboten) sind, hineingezogen.

Taqwacore

Das Wort Taqwacore ist ein Portmanteau von Knight, eine Zusammensetzung aus dem arabischen Begriff taqwa, was so viel wie Gottesfurcht oder Demut bedeutet, und Hardcore. Knight wuchs als Katholik auf, konvertierte aber mit fünfzehn Jahren zum Islam, nachdem er sich ausgiebig mit Malcom X auseinandergesetzt hatte. Über all die gottesfürchtigen Jahre hinweg folgte irgendwann Desillusion: Knight erkannte, dass er die westliche Spaßkultur völlig aus seinem Leben streichen musste. Er begann, Zeit mit Punkrockern zu verbringen. „Ich habe ihre Haltung bewundert“, sagt Knight in einem Interview des Popkulturmagazins Tracks, „ihre Ehrlichkeit und Kompromisslosigkeit. Genau das wollte ich auch für meinen Islam. Und so kam es zu dem Buch.“ Das in seinem Roman beschriebene Phänomen Taqwacore löste realiter eine Welle des Islam-Punks aus. Zahlreiche Bands, wie TheKominas, Secret Trial Five oder Sarmust, gründeten sich infolge dessen. Bei Taqwacore geht es also nicht darum, den Islam über das eigene Leben bestimmen zu lassen, sondern den Islam in sein Leben zu integrieren.

Es geht um nichts als Hingabe

So haben es die Protagonisten in Knights Debütroman vorgemacht. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass sich Jehangir und Co mit ihrem Lebensstil immer wieder in Widersprüche oder Zweifel verstricken. Einerseits leitet Rabeya als weiblicher Imam das Gebet und stellt in ihren Predigten den Sexismus des Islam an den Pranger, andererseits trägt sie die Burka. Kein anderes Kleidungsstück repräsentiert die Unterdrückung der Frau besser. Und auch Jehangir fragt sich manchmal, ob sein aus Partys, Drogen und Frauen bestehendes Leben wirklich das Wahre ist. Aber genau das sind die Konflikte, die junge Muslime, die in der westlichen Welt aufwachsen, Tag für Tag quälen. Kann ich immer noch ein guter Moslem sein, wenn ich zum Abschlussball gehe? Wenn ich rauche? Oder Gitarrenmusik höre? Oder einen Minirock trage? Wie ist es möglich, Moslem zu sein, ohne ein Leben voller Restriktionen und Einschränkungen zu führen? Durch nichts anderes als Hingabe, will man den Worten Jehangirs Glauben schenken: „Islam bedeutet Hingabe, verdammt […]. Bedeutet Hingabe, dass man beim Kacken vom Klo aufsteht, um in seinem Bukhari nachzuschlagen, wie Rasulullah sich den Hintern abgewischt hat? Kann sein, Brüder und Schwestern. Inschallah. Aber für mich kann Hingabe auch darin bestehen, nachts draußen zu liegen und sich die Sternschnuppen anzusehen […].“ Wenn es, so Jehangir, nicht reichen könne, Allah als den größten und einzigen Gott zu preisen, „[…] dann scheiß auf den Islam, ihr könnt ihn behalten.“

Michael Muhammad Knights Roman bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Realität junger Muslime und räumt auf mit den Klischees eines Islams, der nur aus Strenge und mit Bomben ausgestatteten, bärtigen und finster dreinblickenden Männern besteht. Sprachlich gesehen ist der Roman, der mittlerweile auf dem Lehrplan vieler amerikanischer Universitäten steht, keine Wucht, wirkt er lediglich wie ein naiv daher geschriebener Bericht eines Außenseiters, der sich versucht, mit den coolen Kids abzugeben. Dennoch ist die Lektüre kurzweilig und interessant. Vor allem ist der Roman eines: Er ist wichtig, weil er denjenigen Hoffnung gibt, die tagtäglich in Konflikt mit der muslimischen und westlichen Kultur stehen. Denn „[I]rgendwo da draußen gibt es einen coolen Islam […]. Man muss ihn nur finden.“

Michael Muhammad Knight: Taqwacore
A. d. Amer. von Yamin von Rauch
Rogner und Bernhard, 306 Seiten
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-95403-000-2
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3 Gedanken zu „Gibt es da draußen einen „coolen“ Islam?

  1. Die Beschreibung klingt interessant. Bisher habe ich so gut wie keine Ahnung vom Islam, vielleicht eignet sich das Buch ja, um einen Eindruck davon zu bekommen. Der Hinweis auf den Schreibstil schreckt mich allerdings eher ab. Vielleicht greife ich zum amerikanischen Original, dann fällt mir das nicht so sehr auf, falls es da auch so sein sollte.

  2. Danke für die Rezension.
    Ich hab das Buch noch nicht gelesen, aber schon einiges darüber gehört. Dein Text hebt eine Facette hervor, die in vielen anderen Rezensionen kaum thematisiert wird. Du betonst ja, dass es darum geht, wie Muslime einen „coolen Islam“ suchen und dabei einige Elemente von Punk aufnehmen. Die meisten Rezensionen, die ich im Kopf habe, haben eher anders herum argumentiert: Da bekommt man den Eindruck, es gehe um Punks, die den Islam entdecken, weil man damit so schön provozieren kann.
    Die Frage bleibt dann ja doch ein wenig, ob es ein Islam-Buch oder ein Punk-Buch ist, aber das kann man vielleicht gar nicht entscheiden …

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