Das Leben ist schön! Ist das Leben schön?

Was ist falsch an einem unterhaltsamen Theaterabend? Muss eine Inszenierung heute immer unbequem sein? Bei Marketplace 76 von Jan Lauwers und Needcompany, uraufgeführt bei der diesjährigen Ruhrtriennale, bekommt man zumindest einen Sitzplatz und eine zusammenhängende Geschichte mit ästhetischen Bildern, die im Gedächtnis bleiben. Das besondere Zusammenspiel von Tanz, Gesang, Performance und bildender Kunst sowie ihre Mehrsprachigkeit zeichnen die international besetzte und fast 30 Jahren bestehende Needcompany aus und lassen auch diesen Theaterabend, trotz seiner Länge von zweieinhalb Stunden, zu einem kurzweiligen werden.

von GERDA LEVERS

Mitten auf der Bühne steht ein Wasserbecken, der Brunnen auf dem Markplatz eines Dorfes. Jan Lauwers, Gründer der Needcompany, stellt die 13 Dorfbewohner vor und leitet als Erzähler und Kommentator durchs Stück. Zusätzlich gibt es die Puppe Oscar, gespielt von Grace Ellen Barkey.

Repräsentanten der Gesellschaft

Das Dorf könnte sich überall in Europa befinden: Straßenkehrer, Fleischer, Dorfpolizist und die einfache Familie. Die Bewohner leben, sie leiden, sie sterben oder leben weiter.

Während einer Trauerfeier für sieben Kinder, die bei einer Gasexplosion ums Leben kamen, treten zwar menschliche Skurrilitäten zu Tage – der eitle Dorfpolizist kümmert sich nur um sein adrettes Erscheinungsbild, die Mütter der toten Kinder reden nur über ihr eigenes Kind, eine durch den Unfall querschnittsgelähmte Frau betrauert ihr nun nicht mehr vorhandenes Sexleben – doch das Leben geht weiter.

Starke Bilder sorgen für Emotionalität

Die einprägsamste Szene lässt sich auf einem Bildschirm live mitverfolgen: Ein pädophiler Familienvater vergeht sich an einer jungen Nachbarstochter und hält sie in den Katakomben unter dem Dorfbrunnen gefangen. Hier wird der Zuschauer gegen seinen Willen zum Voyeur. Der Missbrauch ist körperlich spürbar und löst ein Gefühl der Hilflosigkeit und des Eingreifenwollens aus. 76 Tage lang bleibt das Mädchen gefangen, 76 Tage soll die Frau des Täters dafür in ihrem Haus eingeschlossen werden, schließlich war sie Mitwisserin und blieb tatenlos. Sollte ein Dorfbewohner der Meinung sein, sie habe genug gebüßt, darf er sie vor Ablauf der 76 Tage befreien. Ihre Beteiligung am Strafmaß verstört die Bewohner. Auch die Frau des Vergewaltigers ist verstört. In ihrer Gefangenschaft empfängt sie Besuche vom Polizisten und Fleischer und wird zur Hure. Einer von ihnen schwängert sie. Ihr Kind markiert das Fortschreiten der Zeit. Tage kommen, Tage gehen, das Leben geht immer noch weiter.

Fantasievolle Überraschungsmomente

Menschliche Abgründe, absurde Verwicklungen und fantasievolle Momente – zum Beispiel wenn ein Boot, gebaut aus aufblasbaren Schwimmtieren, vom Himmel fällt – sind in diesem Stück an der Abendordnung. Der Zuschauer begleitet das Dorf ein dreiviertel Jahr. Immer mehr Bewohner segnen das Zeitliche, die Hure gebiert ihr Kind. Während sich die Dorfbevölkerung ihre Wintermäntel überwirft, schwebt glitzernder Puderschnee zu Boden, die Szenerie bekommt ein weißes Kleid und der Zuschauer verlässt die Jahrhunderthalle am Ende trotz schockierender Momente gut unterhalten. Das Leben geht schließlich weiter.

Weitere Vorstellungen sind am 13., 14. und 15. September um jeweils 19.30 Uhr in der Bochumer Jahrhunderthalle zu sehen. Kartenpreise zwischen 20 € und 40 €, ermäßigt ab 10 €. Weitere Informationen auf www.ruhrtriennale.de.

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