Melancholie gemeinsamer Ortlosigkeit

Nach Grenzgang im Jahr 2009 legt Stephan Thome mit Fliehkräfte nun erneut einen Roman vor, der es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Wie in seinem Debütroman geht Thome dem Scheitern, dem Knick in der bildungsbürgerlichen Biografie auf den Grund. Dabei beweist er ein enormes erzählerisches Gespür für die Niederträchtigkeiten des Alltags, die „das Leben einem souffliert“ und die Fliehkräfte, die beständig an einem zerren.

von NADINE HEMGESBERG

Minneapolis 1973: Der Philosophiestudent Hartmut Hainbach steht am Beginn seiner Karriere. Im fernen Amerika möchte er „einer von denen und trotzdem er selbst“ werden. Wir lernen Hainbach als verschüchterten Jungspund auf internationalem philosophischem Parkett kennen, der bereits in solch jungen Jahren glaubt, die „Unumkehrbarkeit seines Weges“ zu kennen. Der Weg scheint zwar unumkehrbar – einmal am Leben, wartet nur noch der Tod – das Wie und die eingezogenen Schnörkel und doppelten Böden der eigenen Biografie gehören aber ebenso dazu. Deutlich wird dies, wenn Heinbachs Ehe nach zwanzig gemeinsamen Jahren zu scheitern droht, die Tochter Philippa fast zeitgleich mit der Ehefrau aus dem Haus am Venusberg in Bonn auszieht – „Im Keller fand sich ein ausgedienter Lattenrost, der ihr gut genug schien für ihre bescheidenen Ansprüche – sie wollte der Familie ja nicht zur Last fallen, sondern sie bloß verlassen“ – und Hainbach mutterseelenallein auf seiner Professur sitzt. Er sehnt sich nach seiner Frau, die es vorzieht im angesagten Berlin am Theater zu arbeiten, noch dazu an der Seite des exzentrischen Regisseurs und ehemaligen Lebensabschnittsgefährten Falk Merlinger. Das Angebot eines Freundes seiner Frau, in Berlin bei einem Fachverlag zu arbeiten und seine Professur aufzugeben, stürzt Hainbach in ein Dilemma. Um eine Entscheidung zu fällen, begibt er sich auf eine Reise quer durch Europa. Am Wegesrand: lauter alte und neue Bekanntschaften, die ihn auf seinem Weg durch Frankreich, Spanien, Portugal und durch die Vergangenheit begleiten.

Spitzfindige Beobachtungen und große Rhetorik

Erst die Retrospektive verleiht der Figur des gealterten und in seiner gegenwärtigen Situation völlig unzufriedenen Philosophieprofessors eine Tiefe. Die vordergründige Schuldzuweisung – die zunächst stark von der auf Hainbach konzentrierten, konsequenten Erzählperspektive evoziert wird – seine Frau sei maßgeblich für die entstandene Misere verantwortlich, wird in den Vergangenheitskapiteln von Thome konterkariert. Auch die gegenwärtige Handlungsebene wird von Analepsen (Rückschauen) durchzogen, immer wieder geht Hainbach in seinen Erinnerungen zurück zu dem großen Streit mit Maria und zu seiner Eskalation. Thome lässt Hainbach rhetorisch versiert, nahezu kalt distanziert, in diesem Streit agieren. Messerscharf wird hier das Möglichste aus dem Dialog herausgeholt, eine literarische Stärke, die sich durch den kompletten Roman zieht. Nicht nur das leise Scheitern in der Kommunikation und dem zwischenmenschlichen Handeln von Hainbach wird so durch Thomes spitzfindig konstruierte Dialoge deutlich, sondern auch das Scheitern im höchsten Grad der Emotionalität.

Eine Reise durch die Jahrzehnte

Den Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889–1951) eben nicht beim Wort nehmend – „Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich“ – versucht Hainbach seinem gealterten Selbst mit Hilfe vergangener Erlebnisse auf die Spur zu kommen und so die Fliehkräfte, die an seinem Glück zerren, auszugleichen. Die unterschiedlichen Milieus, in denen Hainbach lebt, werden pointiert skizziert: Die Mentalität amerikanischer Gelehrter und das Campusleben in den Staaten, das Berlin der Wendezeit, der Rausverkauf der ehemaligen deutschen Hauptstadt Bonn und der Universitätsmuff an deutschen, reformüberforderten Universitäten angesichts von Bologna. Deutlich wird vor allem, dass es sich bei Hainbach um eine Figur mit mangelndem Feingefühl und größeren Erwartungen an sein Leben handelt, denen er aufgrund von latenter Antriebslosigkeit und nur vorgeschobenem Willen zur Veränderung überhaupt nicht gewachsen ist. Seine Schwester Ruth bezeichnet er abschätzig als „die dumme kleine Ruth“, die schon früh heiratet und eine Familie gründet, glücklich in ihrem nicht intellektuellen Otto-Normalverbraucher-Leben ist. Er selbst bemerkt in seinem Hochmut jedoch nicht, dass sein Leben, wie er es lebt, ihn im Gegensatz zu seiner Schwester selbst nicht zum glücklicheren Menschen macht. „Außerdem wählt man sich erst ein Leben und danach den Partner. Das Umgekehrte funktioniert nur in Ausnahmefällen. Auch wenn die meisten Leute es nicht einsehen wollen – Liebe konstituiert keine Ausnahmen“, heißt es in dem Roman und doch klammert sich Hainbach an die Ausnahme, an seine große Liebe Maria – vielleicht nur, weil es bequem ist.

Die reife Libido

Hainbach, kurz vor der Pension und im letzten Drittel seines Lebens angekommen, bedient den literarisch häufig beackerten Topos des gealterten Mannes in libidinösen Irrungen und Wirrungen (Martin Walser mit seinem Briefroman „Das dreizehnte Kapitel, Artikel Sueddeutsche vom 10.9). Thome gelingt die Charakterstudie bis zu einem gewissen Grad, leider kommen Hainbachs WegbegleiterInnen jedoch oftmals zu kurz. Bis auf eine starke Szene in der Mitte des Romans, in der er seine Jugendliebe – und man möchte meinen lebenslangen Herzmenschen – Sandrine in Paris besucht, bleiben vor allem die Frauenfiguren konturlos. Als erzählerisches Mittel hebt dies jedoch Hainbachs Egozentrik hervor, die auf der Handlungsebene durch eine immer deutlicher werdende sexuelle Entfaltung der Figur ergänzt wird. Sandrine konstatiert zu Hainbachs Lebenswandel: „Das war der Teil deiner Erzählung, der mir am wenigsten gefallen hat. Du wolltest deine Frau damals nicht betrügen und jetzt noch weniger, also solltest du’s nicht tun. Mit mir hast du’s aus alter Liebe getan, okay. Aber aus bloßer Geilheit? Bleib wenigstens dir selbst treu.“ Selbstgerecht und im gleichen Maße ungerecht gegenüber seiner jetzigen Frau Maria sind diese Liebe bzw. die Affäre und Versuchungen am Wegesrand vielleicht „hoffnungslos und verspätet und besser als ein Leben ohne Geheimnisse“.

Das Leben ist die Parodie unserer Träume

„Erst später ist er bei Max Frisch auf den Namen für die Stimmung im Auto gestoßen: die Melancholie der gemeinsamen Ortlosigkeit. Trotzdem, irgendwann auf dieser Reise muss ihm klar geworden sein, dass er mit niemandem sonst sein Leben teilen will.“ Fernab von der realexistenten Ortlosigkeit auf der Reise, die Hainbach quer durch Europa unternimmt, kann er sich nicht in seiner Beziehung zu Maria verorten, findet keinen Halt, ist hin- und hergerissen. Thome lässt diesen Zustand auch am Ende des Romans in der Schwebe. Hainbachs Zukunft: ungewiss. Und als LeserIn ist man ebenfalls hin- und hergerissen: Reicht das für den Deutschen Buchpreis?

Stephan Thome: Fliehkräfte
Suhrkamp, 474 Seiten
Preis: 22,95 Euro
ISBN: 978-3-518-42325-7
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6 Gedanken zu „Melancholie gemeinsamer Ortlosigkeit

  1. Eine schöne Besprechung, die mich neugierig darauf macht, das Buch selbst zu lesen. Leider liegen hier noch so viele andere Bücher rum, aber ich möchte es bald in Angriff nehmen und bin schon gespannt darauf, wie es mir gefallen wird …

  2. Gerade wegen der Darstellung der Frauenfiguren hat mich das Buch indifferent zurück gelassen. Leider weisen, wie Du es beschreibst, lediglich Sandrine, man könnte auch noch die Holländerin nennen, eine positive Charakterisierungen auf. Aber dies fällt ja auf die Figur Hainbach zurück.

    (P.S. Walser stand nicht auf der Longlist, Du hast ihn vielleicht mit Kirchhoff verwechselt, auch ein alter Schriftsteller, der über eine lange Ehe schreibt. ;))

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