In Schweden haben sie das Wort „Jungfernhäutchen“ abgeschafft

Make Love. Dieses Buch ist vieles: Aufklärungsbuch, Beziehungsratgeber, Selbstfindungshilfe, Bedienungsanleitung für Geschlechtsteile. Aber eines ist es nicht: ein überflüssiges Buch.

Von HANNAH KONOPKA

Warum schreibt man heutzutage noch ein Aufklärungsbuch? Da jede Information doch schnell im Internet aufgerufen werden kann, da jeder neugierige Blick mit dem Anschalten des Fernsehers abgefertigt wird. Genau darin sehen die Autorinnen von Make Love das Problem: „Bei all der Sex-Überflutung entsteht der trügerische Eindruck des Vertrauten: alles schon gesehen, alles schon gemacht. Als gäbe es nichts zu lernen. Keine Fragen. Keine Rätsel. Kein Geheimnis. (…) Was man uns in den Medien als Sexualität präsentiert, hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun.“

Stattdessen gibt es jetzt also die Wahrheit – in Text, in lustigen Diagrammen und vor allem in Bildern. Kunstvoll, aber nicht gekünstelt sehen diese aus, wie analoge Farbfotografien aus den 1960er Jahren. Sie zeigen junge Menschen, Frauen mit Männern, Frauen mit Frauen und Männer mit Männern, die Liebe machen – in echt.

Zigarre mit Schnurrbart und Zwischenbeintörtchen

Laut Anhang beruht Make Love auf einem sexologischen Konzept, das davon ausgeht, „dass in der Sexualität zwar der genitale Erregungsreflex angeboren ist, nicht aber die Fähigkeit, Lust zu genießen“. Was sich hier in erster Linie als Aufklärungsbuch präsentiert, ist eben auch eine Anleitung für die Entwicklung der eigenen Sexualität. Natürlich gibt es die anatomischen Zeichnungen, die Vorstellungen verschiedener Verhütungsmethoden und Geschlechtskrankheiten, wie wir sie aus dem Biologiebuch kennen, aber das ist nicht alles. Make Love packt die ganze Thematik in ein neues, cooleres Gewand. Gespickt mit allerlei umgangssprachlichen Ausdrücken („Tiefgarage“, „Schleifstein“, „Zeremonienmeister“) und Zitaten aus der Popkultur nimmt das Buch der ganzen Sache einige Peinlichkeiten.

Leider sind die Diagramme und Tabellen teilweise unübersichtlich geraten, wie etwa zu der Frage „Ab welchem Alter ist Sex erlaubt?“. Die Angaben in Zahlen sind hilfreich, aber die Grafiken alleine sind schwer lesbar und taugen auch für den Vergleich der Verhältnisse in den verschiedenen Ländern nicht viel. Andere wirken wiederum, als wären sie in einem anderen Zusammenhang entstanden. Warum wird hier zum Beispiel im Diagramm zum Thema Körperschmuck zwischen sozialen Schichten unterschieden?

Sexualität kann man lernen

In erster Linie geht es in dem Buch darum, sich selbst, seinen Körper und seine sexuelle Identität zu entdecken, alleine und gemeinsam mit seinem Partner. Was gefällt und was nicht? Bin ich eher aktiv oder passiv? Suche ich einen festen Partner oder will ich lieber alleine bleiben? So werden einige Übungen und Spiele vorgeschlagen, die helfen sollen, all das herauszufinden.

Besonders charmant ist das Kapitel „Finde dich. Die sexuelle Identität“. Nach „Fass dich an“, „Das erste Mal“ und „Das zweite Mal“ gibt es hier einige Tipps zum Nachlesen, wie man eine gute und ausgewogene Beziehung führt. Miteinander reden, das eigene Verhalten reflektieren und Kritik in der Ich-Form formulieren, dann klappt’s auch im Bett. Abschnitte wie diese sind es, die Make Love auch für Erwachsene interessant machen. Am Ende gibt es dann noch eine Rundreise durch das sexuelle Universum. Hier wird vieles, was möglich ist, zumindest kurz einmal angesprochen, ganz pragmatisch und ohne Urteil.

Make Love ist ein Aufklärungsbuch für jetzt. Paar- und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning klärt mit Journalistin Tina Bremer-Olszewski Pornolügen auf und erklärt, wie SM wirklich funktioniert, abseits von E.L. James. Dieses Buch nennt Schamlippen „Geschlechtslippen“, weil sie nichts mit Scham zu tun haben. Und dieses Buch weiß auch, dass „Geschlechtslippen“ bescheuert klingt.

Ann-Marlene Henning u. Tina Bremer-Olszewski: Make Love. Ein Aufklärungsbuch
Rogner&Bernhard, 256 Seiten
Preis: 22,95 Euro
ISBN: 978-3954030026
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3 Gedanken zu „In Schweden haben sie das Wort „Jungfernhäutchen“ abgeschafft

  1. Hilfreiche Rezension – ich hatte auch schon woanders welche gelesen, aber diese ist die beste. Ab welchem Alter ist das Buch in etwa geeignet?

  2. Vielen Dank! Ich habe tatsächlich bis jetzt nur bei amazon die Angabe „vom Hersteller empfohlenes Alter“ gefunden. Dort steht „ab 14 Jahren“. Das Buch selber und die Verlagshomepage machen dazu keine Angabe. Ab 14 hätte ich auch gesagt. Schöne Grüße,
    hk

  3. Pingback: Auf eine literarische Wurstkrokette 42. KW | literaturundfeuilleton

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