And the Beat goes on…

Ein Roman, der über Generationen hinweg junge Menschen begeisterte und als Bibel der Beat Generation zelebriert wurde – On the Road von Jack Kerouac. Regisseur Walter Salles hat sich daran versucht, diesen legendären Stoff zu verfilmen. Entstanden ist ein Film, der sich nah am Roman hält, aber auch neue Perspektiven auf das Werk schafft.

Von ESRA CANPALAT

Die Geschichte zur Entstehung des Romans ist genauso legendär wie der Roman selbst: 1952 setzt sich Kerouac an seine Schreibmaschine und tippt in wenigen, hektischen Wochen sein chef-d’œvre. So schildert er es auch Neal Cassady, eigentlicher Initiator für Kerouacs Tramper-Dasein, in einem Brief vom 22. Mai 1951. Und 1959 erzählt er in der Steve Allan Show, wie er in nur drei Wochen auf einer 120 Fuß langen Schriftrolle On the Road schrieb, um durch das ständige Wechseln des Papiers den narrativen Fluss nicht zu stören. Diese frenetische Art des Schreibens, die von Truman Capote kritisiert wurde („That’s not writing, it’s typing.“), beschrieb Kerouac als spontaneous prose. Ob diese Anekdote den Tatsachen entspricht, soll hier nicht erörtert werden. Fakt ist, dass Kerouac seit 1948 an diesem Roman gearbeitet hat, was zahlreiche Notizbücher, hunderte von Manuskriptseiten und Briefe belegen können. Das macht auch der Film mehr als deutlich, wenn gezeigt wird, wie Sal Paradise, Kerouacs Alter-Ego, zurückgezogen in seinem Notizblock Vorkommnisse oder Gespräche einfängt. Hier verweist der Film mehrmals auf den Kontext der Entstehung des Textes.

„Off the road“

Salles Verfilmung hält sich sehr nah an der Vorlage, wobei er mit den fiktionalisierten Namen der Protagonisten arbeitet und nicht etwa mit den wahren, die Kerouac auf dem original scroll verewigte. Erzählt wird, genau wie im Roman, aus der Perspektive Sal Paradises, gespielt von Sam Riley. Nachdem sein Vater gestorben ist, fühlt sich für Sal alles tot an, bis er den Draufgänger und cowboygleichen Dean Moriarty (bzw. Neal Cassady) kennen lernt. Sal ist, genau wie sein Freund Carlo Marx (bzw. Allen Ginsberg) fasziniert von Deans wildem, unbekümmertem Lebensstil, seiner immerwährenden Suche nach Freiheit. Als Dean, grandios gespielt von Jared Hedlund, und Carlo sich nach Denver begeben, will auch Sal seinem großen Vorbild folgen und sich auf die Suche nach „ES“ begeben. Mit Dean beginnt also, so sagt es Sal selbst, der Teil seines Lebens „on the road“. So weit so gut. Der aufmerksame Leser und Beat-Connaisseur erkennt alles wieder. Neu ist aber, wenn gezeigt wird, wie der vor lauter Liebeskummer gequälte Carlo (dargestellt von Tom Sturridge) Sal seine tiefsten Gefühle offenbart. „I’m 21. When I’m 23 I’m gonna write one great poem“, sagt er und man weiß, dass hier kein anderes Gedicht als Howl gemeint sein kann. Neu ist auch, wenn gezeigt wird, wie gekränkt Marylou (eigentlich Lu Anne Henderson), die im Roman lediglich wie ein sexy Anhängsel Deans beschrieben wird, darüber ist, dass Dean sie verlässt, um mit Camille (bzw. Carolyn Cassady) ein neues Leben zu führen. Walter Salles und Jose Rivera, der das Drehbuch schrieb, haben auf weitere Themen und Aspekte des großen Beat-Komplexes zurückgegriffen und Kerouacs Werk somit durch filmische Fußnoten erweitert, sodass auch die Perspektiven der anderen Figuren durchleuchtet werden. Erzählt wird also auch „Off the road“ (was übrigens auch der Titel eines Romans ist, in dem Carolyn Cassady ihre Erlebnisse mit Neal Cassady und Jack Kerouac schildert).

Mehr als nur „Beatnik Chicks“

Dadurch, dass Salles uns Informationen gibt, die weit über Kerouacs Schilderungen hinausgehen, bekommen auch jene Figuren eine Stimme, die im Roman schweigen müssen. Besonders die Frauenfiguren werden etwas näher in Augenschein genommen, die in der Rezeption üblicherweise nur als „Beatnik Chicks“ wahrgenommen wurden. Dass Salles One and Only von Gerald Nicosia und Anne Marie Santos gelesen hat, eine alternative Version des anekdotenreichen Werks Kerouacs aus der Sicht Lu Anne Hendersons, wird deutlich, rückt er doch besonders Marylou in den Vordergrund der Geschichte. Kristen Stewart macht durch ihre großartige schauspielerische Leistung diese Figur erst lebendig. In einer Szene erzählt sie Sal, wie sehr sie sich ein normales Leben wünscht. Dennoch sind es selbstverständlich die Männer, denen man als Zuschauer auf ihren Abenteuern folgt. Frauen hatten bei den Beats eben nur wenig zu sagen. Joyce Johnson, Schriftstellerin und Geliebte Kerouacs, sagte einmal, dass Frauen sich damals von gefährlichen Männern angesprochen fühlten, weil sie selbst keine Abenteuer erleben konnten. Nur einmal, das gesteht auch Salles in der Pressekonferenz auf den Filmfestspielen in Cannes ein, bleibt die Kamera bei einer Frau und zeigt, wie es mit ihr weiter geht. Nachdem Camille (gespielt von Kirsten Dunst) Dean aus der Wohnung schmeißt, bekommt der Zuschauer einen Einblick in ihre Gefühlswelt. Wir sehen, wie sie sich aufrafft, sich für die Arbeit fertig macht, einen letzten selbstbewussten Blick in den Spiegel wirft.

Der Film ist also besonders empfehlenswert für diejenigen, die Beat-Literatur lieben und sich damit bestens auskennen. Was andere an dem zweistündigen Film als zu langatmig und langweilig empfinden werden, wird den Beat-Kenner erfreuen. Es gibt sicherlich auch Stimmen, die sagen, dass es eine Schande ist, einen großartigen Roman wie On the Road durch eine Verfilmung zu verunstalten. Der Film verschandelt den Roman in keiner Weise, sondern liefert durch zahlreiche Kontextualisierungen eine weitere Interpretation des Werkes. David Kleingers Kritik, der Film präsentiere „durch sein kunsthandwerkliches Bemühen, ein romantisches Bild der Beat-Protagonisten zu zeichnen, […] nur hübsche Hipster auf Kaffeefahrt mit Drogeneinschlag“ (Spiegel Kritik, 5. Oktober 2012), ist nicht verständlich, entmystifiziert doch der Film gerade durch den Kommentar Salles die Beat-Bewegung und die damit verbundenen Persönlichkeiten.

 Deutscher Filmstart für On the Road: 4. Oktober 2012

Jack Kerouac: On the Road. Die Urfassung
übersetzt von Ulrich Blumenbach
rororo Taschenbuch, 576 Seiten
Preis: 9,90 Euro
ISBN: 978-3-499-25579-3
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