Irgendein Fenster zur Straße

Das Buch der Unruhe ist Fernando Pessoas melancholische Liebeserklärung an Lissabon. Obwohl erst 1982 posthum veröffentlicht, gilt es als eines der bedeutendsten Werke der portugiesischen Moderne. Zweite Folge von Lissabon erlesen.

Von PHILIPP KAMPSCHROER

Der Romanist Helmut Siepmann unterscheidet in einem Aufsatz über Das Selbstverständnis der Portugiesen in ihrer Literatur drei Deutungen des charakteristisch Lusitanischen. Da sind zunächst das Selbstbild vom „Volk der Seefahrer“ und vom „katholischen Volk“. Als drittes und jüngstes Selbstverständnis nennt Siepmann den Zustand einer „Art wehmütiger Erinnerung oder erwartungsvoller Zukunftserwartung, die den Namen der ,saudade’“ erhalten hat, als vorrangiges Wesensmerkmal des Portugiesen. Zwar habe dieses Lebensgefühl seit Jahrhunderten bei Schriftstellern wie Almeida Garrett einen Platz gefunden. Als zentrales Identifikationsmerkmal des Lusitanischen gilt es jedoch erst seit dem frühen 20. Jahrhundert, als die ersten beiden Sinnbilder – den Zeitläuften geschuldet – an Aktualität verloren und damit gleichsam den „Aufstieg“ des Dritten begünstigten. Obwohl auch von Nationalisten missbraucht und zur Essenz der „portugiesischen Rasse“ erklärt, schmückt sich Portugal weiterhin mit dem romantischen Image vom latent depressiven Iberer, der sich ganz und gar der eigentümlichen „saudade“ hingibt.

Ein Schriftsteller hat in besonderem Maße dazu beigetragen, dass das zweifellos faszinierende Selbstbild auch zum Fremdbild geworden ist und Touristen aus aller Welt sich in Lissabon auf die Spuren des Melancholischen begeben, das sich im Fado ebenso ausdrücken soll wie in der Lebensart: Fernando Pessoa (1888-1935). Sein Buch der Unruhe (Livro do Desassossego), erst 1982 posthum herausgegeben, ist die Autobiographie ohne Ereignisse des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares.

Bernardo Soares ist Pessoa selbst, „minus die Vernunftüberlegung und die Gefühlserregbarkeit“

Bernardo Soares wurde zu einer Zeit geboren, in der die junge Generation den „Glauben an Gott aus dem gleichen Grund verloren hatte, aus welchem ihre Vorfahren ihn hatten – ohne zu wissen warum“. Dem traurigen Beobachter des Welttheaters, der in der Rua dos Douradores in Lissabons Unterstadt wohnt, bleibt nur übrig, sich ganz den Träumen von einer besseren Welt zu widmen, „nur dies ist der Sinn meines Lebens gewesen.“ Er hat „die Überzeugung gewonnen, daß das imaginäre Leben, so morbide es auch scheint, Naturen wie mir am ehesten entspricht“. Bereits in diesen Sätzen klingt der schwermütige Ton eines Buches, das philosophische Beobachtungen enthält, Reflexionen über das Alltägliche, Szenen aus dem Leben in der Großstadt. Wir finden unter den mehr als 500, oftmals fragmentarischen Texten eigenwillig-bizarre Erklärungen: „In Peking sterben wollen und dies nicht können gehört zu den Dingen, die auf mir lasten wie der Gedanke an eine bevorstehende Katastrophe.“

Und poetisch-schöne Betrachtungen wie diese: „Wir alle, die wir träumen und denken, sind Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft oder in irgendeinem anderen Geschäft in irgendeiner Unterstadt. Wir führen Buch und erleiden Verluste; wir zählen zusammen und gehen weiter; wir ziehen Bilanz und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns. Ich schreibe und lächele bei diesen Worten, doch ist es, als bräche mir gleich das Herz, wie Dinge, die zerbrechen, entzweigehen, in Stücke, in Scherben, Abfall, den der Müllmann mit einer einzigen Bewegung von seiner Schulter auf den ewigen Karren aller Stadtverwaltungen leert.“

In diesen Zeilen aus den 20er und 30er Jahren kündigt sich bereits der existentialistische Ton eines Sartre oder Camus an.

Fernando Pessoa, der vor der späten Veröffentlichung des Buchs der Unruhe vor allen Dingen als Lyriker bekannt war, erschuf sich für jede Gefühlsstimmung eine eigene literarische Identität mit zugehöriger Biographie, die „Heteronyme“. So entstanden etwa Álvaro de Campos, der Ingenieur mit poetischer Ausdruckskraft, Ricardo Reis, der nach Brasilien ausgewanderte, klassizistische Dichter, oder eben Bernardo Soares. Ihn nannte Pessoa ein „Halb-Heteronym“, „weil seine Persönlichkeit nicht die meinige, doch nicht von ihr verschieden, wohl aber eine einfache Verstümmelung von ihr ist. Ich bin es, minus die Vernunftüberlegung und die Gefühlserregbarkeit.“

Die Aufzeichnungen zu dem vom Autor geplanten Buch der Unruhe fand man zusammen mit weiteren 30.000 Manuskripten in einer Truhe, die zu Pessoas – der Schriftsteller zog während seines eher unscheinbaren Lebens als Übersetzer von Handelskorrespondenzen mehrmals innerhalb Lissabons um – wenigen Besitztümern gehörte. Vor allem dem amerikanischen Pessoa-Forscher Richard Zenith ist es zu verdanken, dass mittlerweile fast alle für das Buch der Unruhe vorgesehenen Texte zugänglich und in eine logisch nachvollziehbare Reihenfolge gebracht worden sind. Inés Koebel hat sich in ihrer maßgeblichen deutschen Übersetzung von 2003 dafür entschieden, seine Anordnung zu übernehmen.

Die echte Rua dos Douradores gleicht wunderbar dem, was Soares-Pessoa eine „menschenleere Straße genannt hat“: „eine Straße, auf der Menschen gehen, als wäre sie menschenleer“

Soares’ Lissabon ist eine melancholische Hauptstadt, eine ruhende Welt im wilden Kommen und Gehen der Gezeiten. „Die Häuser, alle verschieden, bilden eine in sich ruhende Masse, ein regloses Auf und Ab im Perlmutt des ungewiß gefleckten Mondlichts. Dächer und Schatten, Fenster und Mittelalter. Für Vororte kein Platz. Auf allem Sichtbaren liegt ein Hauch von Ferne. Über mir die schwarzen Äste von Bäumen, und in meinem entmutigten Herz der Schlaf der ganzen Stadt. Lissabon im Mondlicht, und müde schon mein Morgen!“

Soares ist kein Flaneur – eine literarische Figur, deren Hochzeit zu Beginn des Jahrhunderts ohnehin längst vergangen ist. Er ist ein Träumer. Der Blick aus der Rua dos Douradores ist sein Fenster zur Welt. Von dort aus beschreibt er Liebespaare, Geschäftsleute, Spaziergänger. Und doch führt ihn der Weg der Gedanken immer wieder zurück zu seinen Träumen, den vielfältigen „Landschaften des Bewusstseins“.

Die echte Rua dos Douradores ist eine enge Straße in Lissabons Unterstadt, der Baixa. Wenn abends die Sonne das Tejo-Ufer ein paar hundert Meter weiter in das für die portugiesische Metropole so typische helle Licht hüllt, liegen nur noch Schatten über der „Straße der Vergolder“. Dann gleicht sie so wunderbar dem, was Soares-Pessoa eine „menschenleere“ Straße genannt hat, „nicht eben eine Straße, auf der niemand geht, sondern eine Straße, auf der Menschen gehen, als wäre sie menschenleer.“ An diesem unscheinbaren Ort also lebte einer der größten literarischen Träumer des 20. Jahrhunderts: Bernardo Soares, der Hilfsbuchhalter, dessen Leben nicht mehr war als „eine Bewegung im Schatten“ und nicht mehr sein sollte als eine „Reise im Kopf“. Denn: „Auch der Ganges fließt durch die Rua dos Douradores. Alle Epochen sind versammelt in diesem engen Zimmer – das Gemisch […], die bunte Abfolge von Sitten und Gebräuchen, die Unterschiede zwischen den Völkern, die unendliche Vielfalt der Nationen. Und hier, in dieser einen Straße, kann ich verzückt auf den Tod warten zwischen Schwertern und Zinnen.“

In der nächsten Folge „Der Hut sitzt“ geht es um Rafael Bordalo Pinheiro und die Anfänge des Comics in Portugal.

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe
A. d. Portugiesischen von Inés Koebel
Fischer Taschenbuch, 576 Seiten
Preis: 12,95 Euro
ISBN: 978-3596172184
 
Advertisements

Ein Gedanke zu „Irgendein Fenster zur Straße

  1. Pingback: Auf nach Lissabon! | literaturundfeuilleton

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s