„Ohne Erinnerung sind wir nichts“

S.J. Watson - Ich. Darf. Nicht. Schlafen.   Cover: S. FischerWas ist der Mensch ohne seine Erinnerung? Was macht ihn aus? Wem kann er vertrauen, wenn nicht mal sich selbst? S. J. Watson entwirft in Ich. Darf. Nicht. Schlafen. ein ebenso einfaches wie zutiefst beängstigendes Horrorszenario, das den Leser bei seinen Urängsten packt. Mit Superlativen muss man da nicht gleich um sich schmeißen, auch wenn das internationale Feuilleton diesen Thriller ins Unermessliche hochgejazzt hat. Die Bemerkung „solide“ tut es auch.

Von NADINE HEMGESBERG

Augen auf. Wo bin ich? Wessen Zimmer ist das? Wer ist der Mann, der neben mir liegt? Ein One-Night-Stand? Im Badezimmerspiegel beäugt mich eine völlig Fremde. Aber es ist kein Trick, das im Spiegel bin wirklich ich!

Christine Lucas ist 47 Jahre alt, an die Hälfte ihres Lebens kann sie sich nicht erinnern und das verwirrende Szenario nach dem Aufwachen spielt sich jeden Morgen aufs Neue ab. Nach dem Schlafen ist der vorherige Tag wie weggewischt – gehen Sie über Los und fangen Sie bei Null an. Ihr Mann Ben versucht ihr mit Fotos auf die Sprünge zu helfen, geht danach zur Arbeit und lässt sie allein im gemeinsamen Haus zurück. Mit Hilfe eines Psychologen, den sie hinter dem Rücken ihres Mannes regelmäßig trifft und akribisch geführten Tagebuchaufzeichnungen versucht sie Herrin der Lage zu werden.

Ein Fall für Hollywood

Soweit zur Grundkonstellation des von den Feuilletons hochgelobten Thrillers Ich. Darf. Nicht. Schlafen. In über 40 Sprachen übersetzt und mit der Literaturverfilmungsmaschine Hollywood, die diesen „großen Wurf“ auf Celluloid bannen wird (Kinostart voraussichtlich 2013, Before I Go To Sleep, Regie: Rowan Joffe, Produzent: Ridley Scott), besetzt dieser „Spannungsgarant“ für eine Nacht seit seinem Erscheinen die Bestsellerlisten im In- und Ausland. Aktuell bekleidet Ich. darf. nicht. schlafen. noch immer Rang 16 der Spiegel-Bestseller-Liste in der Sparte Taschenbuch. Mark Medley von der National Post bezeichnete den Thriller als must-read des Sommers 2011, im Independent gibt James Kidd der „Thrillerqueen“ und gutes Handwerk verbriefenden Stimme des Genres Tess Gerritsen Recht – denn die müsse es ja wissen – es handele sich um ein eindrucksvolles Debüt.

Das Rad nicht neu erfunden

Dass der ehemalige Schubladenschreiber S.J. Watson das Rad und vor allem den Twist seiner Geschichte nicht neu erfunden hat, ist klar. Die Vergleiche zu den Filmen Memento und 50 First Dates, in denen das Fundament der Erzählung, die „Amnesie“, auf unterschiedlichste Weise verarbeitet wird, liegen auf der Hand. Denis Scheck kommentierte Ich. Darf. Nicht. Schlafen. in der Sendung Druckfrisch vom 23.10.2011 folgendermaßen: „Während des Lesens dieses blödsinnigen und ungelenken Thrillers um eine Frau, die nach jedem Schlummer ihr Gedächtnis verliert, hielt ich mich lediglich mit der Frage wach, warum die Macher des Kinofilms ‚Memento‘ nicht gegen diesen plumpen Trittbrettfahrer klagen.“

Da nützt auch die unzuverlässige Erzählinstanz nichts – der Thrill will sich nicht so recht einstellen. Nach einer kurzen Rahmung bleibt dem Leser lediglich die Verfolgung der Tagebuchaufzeichnungen von Christine, die dem Rätsel um ihre Amnesie und den vermeintlichen Unfall, der zu ihrem Zustand führte, auf den Grund gehen will. Dass etwas nicht ganz koscher ist in der heimeligen englischen Vorstadtidylle ist dabei von Anfang an klar, die Auflösung denkbar simpel. Leider scheint Watson gerade zum Ende hin die erzählerische Puste ausgegangen zu sein, das Finale – eine Enttäuschung.

Es verhält sich hierbei insgesamt wie mit einem angepriesenen Hollywood-Blockbuster: Im Kino, sprich als Hardcover, muss man den Stoff nicht haben, die DVD, respektive das Taschenbuch reicht allemal. Fazit: Wenn schon nicht der Weltuntergang im großen Stil, kann dieser Thriller mit geringer Halbwertszeit und seinen unzähligen täglichen kleinen Weltuntergängen der Christine Lucas für die Krimi-Tante zweiten Grades aus Buxtehude ruhig unter die Weihnachtstanne. Handelt es sich doch um einen ganz nett gemachten Thriller, der dem Leser einen überschaubar unterhaltsamen Leseabend beschert, den man danach aber getrost in bester „Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Manier“ vergessen kann.

S. J. Watson: Ich. Darf. Nicht. Schlafen.
S. Fischer, 400 Seiten
Preis: 9,99 Euro
ISBN: 978-3-651-00008-7
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3 Gedanken zu „„Ohne Erinnerung sind wir nichts“

  1. Ui, das ist ja mal ein Genre, von dem ich gar keine Ahnung habe … das Buch hättte ich aufgrund von Cover und Titel eher nicht in die Hand genommen und gekauft. Richtig begeistert scheinst du ja auch nicht gewesen zu sein. 😉

  2. Das Genre, wenns denn überhaupt literaturwissenschaftlich so abgrenzbar ist, ich tendiere zu nein, ist eine Erkundung wert. Eine gute Kriminalgeschichte mit dem gewissen Extraportiönchen Horror, Thrill, „Gemätzel“ oder Psychospiel ist zwischen all dem „hochtrabenden“ Literaturgeschwurbel eine willkommene Abwechslung. Der Thriller von Watson hat mich dahingehend jedoch leider nicht überzeugt. ^nh

  3. Schmackhaft wirst du mir das Genre wohl eher nicht mehr machen können, da es leider wirklich nicht meinem Geschmack entspricht … ich habe auch nicht unbedingt das Gefühl, Abwechslung zu brauchen. 😉 Aber wer weiß, irgendwann vielleicht mal!

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