Zum Träumen verdammt

Mário de Sá-Carneiro  Foto: WikimediaMário de Sá-Carneiro, der enge Freund Fernando Pessoas, war ebenso begabt wie unglücklich. 1916 beendete der Schriftsteller sein kurzes Leben in Paris. Die Geschichte eines Tragischen. Vierte Folge von Lissabon erlesen.

Von PHILIPP KAMPSCHROER

„Es ist merkwürdig: ich bin ein Einzelgänger, der die halbe Welt kennt, ein Ausgestoßener, der keine Schulden oder sonstige Makel hat, ein allseits Geschätzter, den man dennoch nirgends willkommen heißt.“ Dieser Satz von Ricardo de Loureiro, einer Figur aus Lúcios Bekenntnis – dem einzigen vollendeten Roman Mario de Sá-Carneiros –, eröffnet vielleicht einen Einblick in die Gefühlswelt seines Verfassers. 1890 geboren, hatte dieser als Zweijähriger seine Mutter verloren, als Jugendlicher zahlreiche Schulen in Lissabon besucht und ausgedehnte Reisen durch Europa unternommen. Das Vermögen des Vaters erlaubte dem nachlässigen Jura-Studenten lange Zeit ein hektisches Bohème-Leben, ohne Rast und ohne Bindungen, zwischen seiner Heimatstadt Lissabon und der „Welthauptstadt“ Paris. Heimisch fühlte sich Sá-Carneiro nirgendwo. Erst in der letzten Lebensphase lasteten hohe Schulden auf den Schultern des Verfassers von Gedichtbänden, Novellensammlungen und eines schmalen Romans. Wenige Wochen vor dem Freitod in einem Pariser Hotel, bei dem Sá-Carneiro vor den Augen eines portugiesischen Freundes an Strychnin starb, hatte er die Tat seinem Freund Pessoa in einem bildreichen Brief angekündigt.

Der Selbstmord als immer wiederkehrendes Motiv

Es ist beinah unvermeidlich, das Werk eines Schriftstellers, der Selbstmord begangen hat, nicht retrospektiv und somit ausgehend vom Freitod zu betrachten. Das ist bei Kleist so, das ist bei Hemingway so – und auch Mário de Sá-Carneiro bildet da keine Ausnahme. Zweifellos besitzt der Freitod bei diesem eine besondere Brisanz, hatte der Poète maudit es doch in seinem literarischen Œuvre nicht an Vorbildern für die Verzweiflungstat mangeln lassen. In Página dum Suicida (Aufzeichnung eines Selbstmörders) von 1908 – Sá Carneiro ist gerade 18 Jahre alt – zieht der Ich-Erzähler einen zynischen Vergleich: „Ich werde wie ein kühner Weltenentdecker sein: Kolumbus hat Amerika entdeckt, Vasco da Gama Indien… Ich, werde den Tod entdecken!“*

In der Novelle Loucura… (Wahnsinn…), der Eingangserzählung des Bandes Princípio (Anfang; 1913), lässt Sá-Carneiro das Leben und Sterben eines Künstlers aus der Sicht eines Freundes erzählen. „Der Tod von Raul de Vilar“, beginnt der Freund, „wurde sehr bedauert. Alle Zeitungen widmeten dem großen Bildhauer lange Artikel. Sie erwiesen ihm die Ehre, indem sie seine Biografie schrieben, seine Werke verzeichneten … und darin übereinstimmten, dass sein frühes Hinscheiden ein großer Verlust für die nationale Kunst sei.“*

In Deutschland ein großer Unbekannter

Es dauerte lange, bis die Landsleute ihrem allzu früh verstorbenen Dichter Sá-Carneiro ähnliche Lobeshymnen sangen. Noch 1924 hatte Fernando Pessoa in der Kulturzeitschrift Athena geklagt: „Sá-Carneiro, der nicht nur ein Genie der Kunst war, sondern auch für ihre Erneuerung stand, wurde ungeachtet der Gleichgültigkeit, die die Genies umgibt, vom Spott eingeholt, der die Erneuerer verfolgt“.

Was die Verzeichnung der Werke angeht, hat sich seitdem in jedem Fall einiges getan: Nach der posthumen Veröffentlichung des Gedichtbandes Indícios de oiro (Anzeichen von Gold, 1937) wurde bis 1980 der Briefwechsel zwischen Pessoa und Sá-Carneiro vollständig ediert.

In Deutschland hingegen blieb – und bleibt – Sá-Carneiro ein großer Unbekannter. Erst 1997, zur Frankfurter Buchmesse mit dem Gastland Portugal, wurde A confissão de Lúcio (Lúcios Bekenntnis) – kurioserweise von zwei Verlagen gleichzeitig, einmal als Lucios Geständnis – als erstes Werk Mário de Sá-Carneiros ins Deutsche übertragen. 2004 erschienen in einer Ausgabe der Literaturzeitschrift Schreibheft einige Gedichte und kurze Erzählungen sowie Auszüge aus der Korrespondenz mit Fernando Pessoa. Bereits 1960 hatte der kürzlich verstorbene Marburger Lusitanist Dieter Woll sich in seiner Dissertation mit dem Werk des portugiesischen Modernisten auseinandergesetzt, mit Schwerpunkt auf der Lyrik.

Lúcios Bekenntnis: Gekonnt nah am Kitsch

Die als ‚saudade‘ bezeichnete Schwermut, in der portugiesischen Literatur des 20. Jahrhunderts häufig als ästhetisches Programm eingesetzt, lässt sich bei Sá-Carneiro nur schwerlich von seiner Biografie absondern.

In Lúcios Bekenntnis, dem wohl bekanntesten Werk des Autors, legt der Ich-Erzähler nach „Verbüßung einer zehnjährigen Gefängnisstrafe“ ein Bekenntnis ab, das seine Unschuld an dem Tod des Dichters Ricardo de Loureiro beweisen soll. Lúcio rekonstruiert die Geschichte seiner Freundschaft mit Ricardo und seiner ebenso mysteriösen wie verführerischen Frau Marta. In dem Verschwimmen der Geschlechteridentitäten finden viele Interpreten das Wegbereitende des Buches. Lässt man die Brille der Genderanalyse beiseite, besticht der meist der Dekadenzliteratur zugeordnete Roman auch durch die sich auftuende Unsicherheit von Martas Existenz, sein nervös-dynamisches Narrativ und die sich gekonnt nah am Kitsch bewegende Sprache des in Portugal „verspäteten“ Fin de siècle. Die Handlung spielt, wie das Erwachsenenleben ihres Erdenkers, zwischen Lissabon und Paris, das Ricardo, ganz im Teint dekadenter Farbsymbolik, mit „blonder Zärtlichkeit“ liebt.

„Ach, wie groß ist meine Sehnsucht // Nach den Träumen, die ich nicht träumte!“

Tatsächlich entstanden in Paris, der Wahlheimat des unglücklichen Sá-Carneiros, zwischen 1913 und 1916 viele Gedichte, die bis auf sehr wenige Ausnahmen nicht auf Deutsch vorliegen. In dem namensgebenden Gedicht des Bandes Dispersão (Zerstreuung) vergleicht das lyrische Ich sich mit einem „astro doido a sonhar“, einem „verrückten Stern beim Träumen“ und klagt an anderer Stelle: „Ai, como eu tenho saudades // Dos sonhos que nao sonhei!…“ – „Ach, wie groß ist meine Sehnsucht // Nach den Träumen, die ich nicht träumte!…“*

An einer Stelle in Lucios Bekenntnis schüttet Ricardo de Loureiro seinem Schriftstellerfreund Lúcio das Herz aus: „Ach, Lúcio, Lúcio!“, klagt er. „Ich habe Angst – Angst, in meiner Innenwelt zu versinken, zu verlöschen, darin verloren aus dem Leben zu verschwinden …“

Nicht nur in diesen Zeilen wird die enge stilistische Verbindung zwischen Sá-Carneiro und Fernando Pessoa deutlich. Doch während Letzterer in der Dichtung einen Ersatz fand für Enttäuschungen in der realen Welt, versank Sá-Carneiro unwiederbringlich in ihren Abgründen.

Mit * markierte Textstellen sind vom Verfasser dieses Artikels übersetzt worden.

In der nächsten Folge erschüttert ein Erdbeben die Stadt Lissabon…

Mario de Sá-Carneiro: Lúcios Bekenntnis
A. d. Portugiesischen von Berthold Zilly
Bibliothek Suhrkamp, 134 Seiten
Preis: 4,95 Euro
ISBN: 978-3-518-22267-6
Mario de Sá-Carneiro: Lucios Geständnis
A. d. Portugiesischen von Orlando Grossegesse
dtv, 157 Seiten
Vergriffen
ISBN: 3-423-12471-7
 
Schreibheft Nr. 64 (April 2005)
Nur noch das Irrenhaus: Mario de Sá-Carneiro, Fernando Pessoa und die Zeitschrift „Orpheu“
Herausgegeben von Norbert Wehr
Rigodon-Verlag, 184 Seiten
Vergriffen
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